sueddeutsche.de: Und deshalb wiederholen Sie in Ihrem Buch bereits hundert Mal gelesene Banalitäten wie "Lieber Walken statt Zappen" oder "Nichtrauchen wirkt wie eine Ganzkörperkur"? Sind wir wirklich so unbelehrbar?

siegfried meryn

Siegfried Meryn ist Facharzt für Innere Medizin und lehrt an der Medizinischen Universität Wien. (© Foto: assm.at)

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Meryn: Das ist wahrscheinlich eine der Schlüsselfragen. Wir leben nun einmal alle in einem gesellschaftlichen Kontext. In dieser Konsumgesellschaft wird uns die Illusion vorgegaukelt, dass es für oder gegen alles eine Wunderpille gibt. Solche Versprechungen machen wir in dem Buch nicht, sondern zeigen unangenehme Wahrheiten auf. Das Krankheitsspektrum hat sich verschoben - hin zu den chronischen Erkrankungen und zu den zum Teil vermeidbaren - wie Herzinfarkte oder Diabetes. Wir müssen also lernen, präventiv zu agieren.

sueddeutsche.de: ... Und kürzen den Sportunterricht, obwohl ein Drittel der deutschen Schüler übergewichtig ist?

Meryn: Das ist ein Fehler. Denn diese Menschen bekommen mit 40 statt mit 70 Jahren Gelenksprobleme und mit 45 Jahren Diabetes Typ 2 und nicht erst im Alter. Ebenso verhält es sich mit dem Rauchen: Wie lange wissen wir schon, wie schädlich es ist! Dennoch lässt sich ein Rauchverbot gegen eine protestierende Industrie und Gastronomie schwer durchsetzen. Die Systeme, in denen wir stecken, sind träge. Der Schweinehund des Menschen auch. Deshalb unser Appell: Du musst selbst für dich Verantwortung übernehmen!

sueddeutsche.de: Sie schreiben, dass inbesondere Männer sich "zu Tode leben"? Brauchen sie besondere Appelle?

Meryn: Absolut. In unserer westlichen Gesellschaft "delegieren" Männer nach wie vor gerne ihre Gesundheit an die Frau. Das heißt, die Frau kümmert sich um die Ernährung und die Medizin, der Mann selbst hält sich für unverletzbar. Welcher Mann geht freiwillig zur Vorsorgeuntersuchung? Frauen tun dies mindestens einmal pro Jahr. Auch lassen sich weniger Männer gegen Grippe impfen, obwohl die Viren selbstverständlich nicht zwischen männlich und weiblich unterscheiden. Männer sehen ihren Körper als Maschine an, die funktionieren muss. Und betrachten ihre Gesundheit nicht als ein Investment in etwas, das man zum Leben benötigt.

sueddeutsche.de: Welche Gesundheitsrisiken unterschätzen wir denn besonders gern?

Meryn: Vor 15 Jahren stand in Untersuchungen der WHO der Faktor Stress an zehnter Stelle der Gesundheitsrisiken. In den Vorhersagen für 2010 bis 2015 steht er mittlerweile an zweiter Stelle. Das ist eine dramatische Verschiebung, denn was sind 15 Jahre in der Geschichte der Menschheit? Panikattacken und Depressionen nehmen zu. Das zeigt, dass wir uns durch die Digitalisierung, Globalisierung und Aufhebung von Zeitlimits offensichtlich Welten schaffen, in der uns die Zeit für die Anpassung fehlt. Wir leiden verstärkt unter Rückenproblemen, weil sich unser Skelett noch nicht angepasst hat an die Evolution vom Jäger zum Sammler zum Schreibtisch. Aber wir erwarten tatsächlich, dass unsere Psyche innerhalb weniger Jahre mit derlei drastischen Veränderungen zurechtkommt.

sueddeutsche.de: Können Sie abschließend eine Faustformel für ein langes gesundes Leben nennen?

Meryn: Das kann ich versuchen, aber sie wird nur halb medizinisch und halb im Spaß formuliert sein. Also: Ein Mal täglich zehn Minuten zu Fuß gehen (Der deutsche Mann geht im Schnitt 380 Meter pro Tag!). Zwei Liter Wasser pro Tag trinken. Drei Mal täglich kleine Mahlzeiten zu sich nehmen. Vier Mal täglich bewusst kleine Denkpausen für sich einlegen, Ruhe geben, die Augen schließen. Fünf Mal täglich (sofern ich im Büro arbeite) aufstehen, sich dehnen und strecken. Sechs Stunden mindestens schlafen pro Nacht. Sieben Tage die Woche Obst und Gemüse essen. Acht-ung vor Nikotin, Alkohol und zu viel Koffein! ... Neun ... jetzt wird's schwierig ...

sueddeutsche.de: ... Mindestens neun Tage Urlaub machen pro Jahr?

Meryn: Genau! Und zehn Mal täglich lachen!

Siegfried Meryn, Christian Skalnik: "Wer gesund stirbt, hat mehr vom Leben". Ecowin Verlag, 19,95 Euro.

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(sueddeutsche.de/vs/bgr)