Debatte um Stammzellen "Ein einziger Nachschlag, aber nicht mehr"

René Röspel, Ethikexperte der SPD, setzt sich für die Lockerung des Stammzellgesetzes ein - nachdem er jahrelang gegen den Import von embryonalen Stammzellen gekämpft hat.

Interview: Nina von Hardenberg

SZ: Herr Röspel, vor fünf Jahren haben Sie den Import von embryonalen Stammzellen bekämpft. Warum stellen Sie sich jetzt hinter die Forscher?

René Röspel, SPD-Ethikexperte.

(Foto: Foto: oh)

René Röspel: Mich hat die embryonale Stammzellenforschung nie überzeugt. Aber 2002 haben wir einen Kompromiss gefunden, der die Debatte befriedet hat. Er erlaubt den Import von Zelllinien, die bereits vor 2002 entstanden sind. Was mich bei der Anhörung jetzt zum Nachdenken gebracht hat, war, dass das Material nicht mehr zu gebrauchen ist. Damit sind auch die Vorgaben für den Kompromiss nicht mehr gegeben. Mein Angebot, den Stichtag einmalig zu verschieben, wäre hier ein Ausweg. Der Grundkonsens von vor fünf Jahren, der Forschung in einem engen Rahmen erlaubt, würde dadurch nicht berührt.

SZ: Sie wussten, dass es so kommen würde: "Der Druck, mit frischen Zelllinien zu arbeiten, wird zunehmen", warnten Sie 2002. Fühlen Sie sich von der Wissenschaft betrogen?

Röspel: Das Problem ist, dass es damals nur um die 70 Zelllinien gab. Das war zu wenig. Inzwischen gibt es etwa 500. Darum sage ich, die Forscher kriegen einen einzigen Nachschlag, aber nicht mehr.

SZ: Aber die Wissenschaftler haben die großen Versprechen nicht erfüllt. Es gibt keine Therapien. Müsste man nicht vielmehr sagen: Jetzt ist Schluss.

Röspel: Es stimmt: Die Bringschuld hat die Wissenschaft nach wie vor nicht erfüllt. Neue Arbeiten zeigen sogar, dass die Reprogrammierung normaler Körperzellen vielleicht erfolgversprechender ist. Ich will darum in einem begleitenden Antrag deutlich machen, dass ich die adulten Stammzellen nach wie vor für den besseren Weg halte. Aber im Moment verlieren die Forscher die Möglichkeit, das Gegenteil zu beweisen. Die deutsche Forschung jetzt völlig auszutrocknen, hielte ich nicht für sinnvoll.

SZ: Was machen Sie, wenn die Forscher in fünf Jahren wieder frische Zelllinien verlangen?

Röspel: Das Argument kann dann so nicht mehr gelten. Mit 500 Zelllinien sind jetzt die Voraussetzungen für viele Jahre Forschung geschaffen. Ein rollierender Stichtag wäre für mich eine Aushebelung des Grundkonsens. Vor einer neuen Verschiebung müssten die Forscher zeigen, dass es Aussicht auf Therapien gibt. Ich schließe nicht aus, dass wir uns irgendwann gänzlich auf die adulten Stammzellen konzentrieren, die schon für Therapie eingesetzt werden.

SZ: Folgt die SPD Ihrem Vorschlag?

Röspel: Die Abstimmung wird ohne Fraktionszwang stattfinden. Aber mit meiner Stimme will ich ein deutliches Signal setzen.

René Röspel war von 2002 bis 2005 Vorsitzender der Ethikkommission des Bundestages.