Buchkritik Das Geheimnis der Kuckuckskinder

In Deutschland ist jedes fünfte bis zehnte Neugeborene ein Kuckuckskind. Simone Schmollack schildert in ihrem Buch, wie betrogene Väter, verzweifelte Mütter und verwirrte Kinder mit dem familiären Tabuthema umgehen.

Von Carolin Gasteiger

Warum ist Adrian nur so anders? Diese Frage stellt sich Friedemann immer wieder. Als einziger seiner vier Söhne wird der Vierjährige in der Sonne richtig braun, im Kindergarten ist er ein Unruhestifter, dabei machen die anderen doch auch keine Probleme. Irgendwas kann da nicht stimmen. Nach Monaten des Zweifels macht Friedemann schließlich einen heimlichen Vaterschaftstest und erfährt die bittere Wahrheit: Adrian ist nicht sein Kind.

Ein Kuckuckskind zu haben, ist immer noch eines der größten gesellschaftlichen und familiären Tabus. Für Väter wie Friedemann bricht eine Welt zusammen, wenn das von ihnen so sehr geliebte Kind plötzlich nicht mehr sein eigenes ist. Laut Schätzungen ist jedes fünfte bis zehnte Neugeborene ein Kuckuckskind, in Deutschland sind das 2008 zwischen 67.500 und 135.000 Kinder.

Friedemann ist eines der Schicksale, die Simone Schmollack in ihrem Buch "Kuckuckskinder, Kuckuckseltern" erzählt. Auf behutsame, einfühlsame und dadurch ergreifende Art schildert die Journalistin, wie nicht nur Väter, sondern auch Kuckucksmütter und -kinder mit dem gelüfteten Familiengeheimnis umgehen.

Erst der Schock, dann dieses Mir-kam-das-immer-seltsam-vor-Gefühl und schließlich die Frage, wie machen wir weiter. Der Autorin gelingt es, die schwierige und wirre Gefühlslage der Betroffenen in Worte zu fassen. Kein Moment der Länge. "Den meisten tat es gut, einer außenstehenden Person ihre Geschichte erzählen zu können. Es hat sie aber auch wahnsinnig aufgewühlt", sagt Schmollack.

Ein Jahr lang widmete sich die Autorin dem Manuskript: "Jedes Mal, wenn ich die Geschichte eines Mannes oder einer Frau hörte, dachte ich mir, das ist die schlimmste Geschichte von allen. Aber als ich sie hinterher gelesen habe, wurde mir klar, dass sie genauso schlimm wie alle anderen ist." Die einzelnen Episoden präsentiert sie mal in persönlicher Tagebuchform, mal als Erzählung. Die Distanz zu den Protagonisten verliert sie dennoch nie.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Magdalena einen überfälligen Brief schreibt und wie das Geheimnis der Kuckuckskinder ans Licht kommt ...