Von Verena Wolff

Für sechs Stunden gelten in West Virginia andere Gesetze: Beim Bridge Day stürzen sich Basejumper aus aller Welt in 300 Meter Tiefe.

"Three, two, one, see ya!" schallt es von den Tausenden Zuschauern auf der Brücke. Kurz halten sie den Atem an - und schauen gebannt auf die kleine Plattform, auf der einer der Springer steht.

Bridge Day; West Virginia Tourism

Der freie Fall - ein erhabenes Gefühl (© Foto: West Virginia Tourism)

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Er lehnt sich nach vorn und fällt - fliegt. Die Zeit scheint stehenzubleiben - die paar kurzen Sekunden, die sich der Springer im freien Fall befindet, kommen den Zuschauern viel länger vor. Den Springern auch.

Doch dann sehen die Extremsport-Begeisterten aus ihrer Vogelperspektive von der Brücke über den New River in West Virginia, wie sich der bunte Fallschirm öffnet. Alles ist gut, der Springer landet - am markierten Haltepunkt auf einem Parkplatz neben dem Fluss - oder, wenn die Richtung nicht stimmt, auch schon mal im Fluss.

Basejumper heißen die Sportler, die sich von Gebäuden, von Antennen, Brücken und Klippen (Base: Buildings, Antennas, Spans und Earth) stürzen. Ein bisschen verrückt sind sie. Das behaupten sie sogar von sich selbst. Aber: Sie können einfach nicht anders. Denn das Adrenalin fließt nicht nur, es pumpt, wenn sie springen.

Die "heiße" Location

Die meisten Gebäude und Türme in den meisten Ländern der Welt sind für die Springer off limits, tabu - sie dürfen weder rein, rauf noch runterspringen. Manche setzen sich über die Verbote hinweg. "Die meisten springen allerdings lieber legal", sagt Frank Richter, der seit zehn Jahren mit seinen speziellen Base-Fallschirmen von Gebäuden und Brücken springt.

Viele Basejumper haben einen festen Termin im Kalender: den Bridge Day, Ende Oktober, im US-Staat West Virginia.

Denn auch in den USA ist das Springen an vielen Orten verboten. Für sechs Stunden jedoch gelten andere Gesetze: "Zwischen neun und 15 Uhr ist die Brücke legal", sagt Richter. "Heiß" bleibt diese Location. So nennen Baser einen Ort, bei dem die Bewachung besonders scharf ist.

876 Fuß hoch ist das Bauwerk in diesem ländlichen, kleinen Staat im Süden der USA - das sind knapp 300 Meter. Die zweitgrößte Brücke der Welt mit nur einem Bogen überspannt den oft rauschenden New River. Wenn der Fluss viel Wasser führt, haben dort abenteuerlustige Menschen in Schlauchbooten ihren Spaß - sie raften, solange die Arme mitmachen. Am Bridge Day allerdings sind auch die geübtesten Bootsfahrer nur Zuschauer, denn an diesem Tag steht alles auf Sprung.

Auf und an der Brücke finden sich in schöner Regelmäßigkeit mehr als 100.000 Menschen ein, die den Springern zuschauen. Am Bridge Day ist ganz West Virginia im Ausnahmezustand - und die Staaten herum gleich mit dazu. Die Zuschauer kommen von weither gereist.

Einige Sekunden im freien Fall ist das höchste der Gefühle für die Springer. Dann ziehen sie die Reißleine und schweben einem riesigen Punkt am Ufer entgegen. Von oben sieht er ganz klein aus. Dort angekommen, raffen sie alles zusammen und eilen wieder auf die Brücke. Ihr Ziel: in den sechs Stunden zwischen neun Uhr am Morgen und 15 Uhr so oft wie möglich in die Tiefe zu springen.

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