Arztkittel vor dem Aus Dreckschleudern in Weiß

Der Arztkittel, die letzte Bastion des ärztlichen Standesbewusstseins, gerät in Gefahr: Der britische Gesundheitsminister will das Kleidungsstück abschaffen - weil es zu unhygienisch ist.

Von Werner Bartens

Psychiater tragen ihn nie. Kinderärzte haben selten einen an, und in den USA wurde er auf Jackenlänge gestutzt: der weiße Kittel. Nun will der britische Gesundheitsminister diese ohnehin schon bedrohte letzte Bastion ärztlichen Standesbewusstseins endgültig schleifen: Mediziner im Vereinigten Königreich sollen von 2008 ihre Arbeitskleidung nicht mehr tragen.

Wahrscheinlich seien viele Kittel "sehr kontaminiert", erklärt ein Sprecher von Gesundheitsminister Alan Johnson. "Die Sicherheit der Patienten - und dazu gehört die Hygiene - muss oberste Priorität im Krankenhaus haben", sagt Johnson.

"Weiße Kittel dienen in erster Linie der Psychohygiene von Ärzten", sagt Franz Daschner, langjähriger Leiter der Abteilung für Hygiene und Umweltmedizin am Universitätsklinikum Freiburg, in dem jährlich etwa 500.000 Kittel gewaschen werden.

"Das ist eine enorme Umweltbelastung, dabei sind Kittel zu 95 Prozent für den Arzt-Patienten-Kontakt unnötig und dienen nur dazu, das Namensschild zu befestigen." Der Umgang der Ärzte mit Patienten beschränke sich zumeist auf soziale Kontakte und erfordere keine spezielle Uniform. "Straßenkleidung reicht", befindet Daschner.

Kittel sind für die Heilung oftmals nicht nur überflüssig, sie können sogar schaden. In vielen Industrieländern haben Erkrankungen durch "Problemkeime" wie etwa die gegen viele Antibiotika resistenten Stämme von Staphylococcus aureus oder Clostridium difficile in den vergangenen Jahren massiv zugenommen.

Das britische Gesundheitsministerium hofft, mit dem kittelfreien Kleidungscodex für Ärzte die im Krankenhaus erworbenen Infektionen einzudämmen. "Das ist in England ein großes Problem", sagt Jürgen Heesemann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie. "Dort ist der Anteil resistenter Keime viel höher als in Deutschland oder den Niederlanden."

Risikofaktor Krawatte

Die Übertragung ermöglichen kontaminierte Kleidungsstücke wie Arztkittel. Aber auch Krawatten - in Großbritannien Teil des ärztlichen Dresscodes - gelten als wahre Keimschleudern.

"Das Problem sind nicht die Kittel an sich, sondern dass die Ärzte sie kaum ausziehen und zu selten wechseln", sagt Heesemann, der zudem Leiter der Bakteriologie am Max-von-Pettenkofer-Institut der Universität München ist.

"Viele Mediziner gehen im Kittel in die Kantine, und da sitzen dann Schwestern, Pfleger, Handwerker und Leute, die im Tierstall arbeiten. Ein unhygienischer Kittel kann Patienten wie andere Mitarbeiter gefährden." Bisher kontrolliert niemand, wie oft Ärzte ihren Kittel wechseln und wohin sie ihn überall ausführen.

Den britischen Ärzten empfiehlt das dortige Gesundheitsministerium, Kittel ganz aus der Klinik zu verbannen und zudem auf lange Ärmel, Armschmuck und Uhren zu verzichten. Hemden mit kurzen Ärmeln oder T-Shirts, die täglich gewechselt werden, würden ausreichen. Wird mit Blut, Eiter oder sonstigen Körpersäften hantiert, sollten Plastikschürzen, Einmalhandschuhe und Mundschutz bereitstehen.

Experten sind sich einig, dass Ärzte Schutzkleidung nur in Ausnahmefällen benötigen - etwa wenn sie Patienten behandeln, die wegen starker Infektionsgefahr isoliert werden müssen. "Dann sollte der Kittel aber im Krankenzimmer hängen bleiben und vom Arzt nur angezogen werden, wenn er etwa einen Patienten mit offener Tuberkulose abhört", sagt Franz Daschner.

Mangelnde Hygiene auch bei Ärzten

Aufmerksame Patienten könnten die Kittel indes vermissen. Schließlich zeigen sie wie keine andere ärztliche Insignie die Hierarchie innerhalb einer Klinik an.

Leere Kittel finden sich nur bei Zivildienstleistenden und Chefärzten. Ansonsten gilt, wie der Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen treffend festgestellt hat: je niedriger der Ausbildungsgrad, desto voller die Kitteltaschen - und umso größer die Infektionsgefahr.

Obwohl Ärzte um die Gefahr mangelnder Hygiene wissen, achten sie offenbar nicht besonders auf Sauberkeit. Dies belegten schon vor Jahren Forscher, die sich während einer großen Hygienikertagung als Klomänner und -frauen verkleideten. Sie registrierten in den Waschräumen, wie oft sich die Sauberkeitsexperten nach dem Toilettenbesuch die Hände reinigten.

Fazit: Die Hygieniker wuschen sich auch nicht öfter die Hände als der Durchschnitt der Bevölkerung. Zum Protest kam es, als die Ergebnisse am Ende der Tagung bekannt wurden. Die Hygieniker bangten um den sauberen Ruf ihrer Zunft und fürchteten Nestbeschmutzer.