Zum Tod von Richard Rorty Immer wieder schockiert

Richard Rorty ist gestorben. Ein Nachruf von Jürgen Habermas auf den Philosophen, Poeten, Bush-Kritiker und Freund.

Von Jürgen Habermas

Vor ziemlich genau einem Jahr trifft die Nachricht per e-mail ein. Wie so oft in den letzten Jahren äußert sich Rorty resigniert über den "Kriegspräsidenten" Bush, dessen Politik ihn, den Patrioten, der Zeit seines Lebens sein Land hatte verbessern wollen, tief bedrückt. Erst nach drei, nach vier Absätzen der sarkastischen Analyse kommt der unerwartete Satz: "Alas, I have come down with the same disease that killed Derrida." Wie um den Schreck des Lesers aufzufangen, fügt er scherzend hinzu, seine Tochter habe die Hypothese, dass diese Art des Krebses von "zuviel Heidegger-Lektüre" herrühre.

Philosoph Richard Rorty war "stets auf der Höhe der subtilsten und scharfsinnigsten Argumente".

(Foto: Foto: dpa)

Richard Rorty hat sich vor dreieinhalb Jahrzehnten aus dem Korsett eines Faches, dessen Konventionen ihm zu eng geworden waren, gelöst - nicht um sich von der Disziplin des analytischen Denkens zu befreien, sondern um fortan auf unausgetretenen Pfaden philosophieren zu können.

Das Handwerk der Profession beherrschte er perfekt. Im Duell mit den Besten unter seinen peers, mit Davidson oder Putnam, oder Dennett, war er stets auf der Höhe der subtilsten und scharfsinnigsten Argumente. Aber er hatte nicht vergessen, dass die Philosophie über den Einwänden der Fachgenossen nicht die Probleme vergessen darf, die aus dem Leben auf uns zukommen.

Unter den zeitgenössischen Philosophen kenne ich niemanden, der wie Rorty seine Kollegen - und nicht nur sie - über die Jahrzehnte mit neuen Perspektiven, neuen Einsichten, neuen Formulierungen überfallen und in Atem gehalten hat. Diese großartige Kreativität verdankt sich auch dem romantischen Geist des Poeten, der sich hinter dem wissenschaftlichen Philosophen nicht mehr länger versteckte.

Dem Ironiker ist nichts heilig

Sie verdankt sich der unvergleichlichen rhetorischen Fertigkeit und makellosen Prosa eines Schriftstellers, der seine Leser mit ungewohnten Darstellungsstrategien, unerwarteten Oppositionsbegriffen, neuen Vokabularen - eine von Rortys Lieblingsformeln - immer wieder schockiert hat. Rortys essayistische Kunst bewegt sich zwischen Friedrich Schlegel und dem Surrealismus.

Die Ironie und die Leidenschaft, der spielerische und der polemische Ton eines Intellektuellen, der weltweit Denkweisen revolutioniert und Einfluss ausgeübt hat, erwecken den Eindruck eines robusten Temperaments. Dieser Eindruck täuscht über die zarte und verletzbare Natur einer Person, die oft schüchtern und zurückgezogen - und immer einfühlsam war.

Eine kleine autobiographische Notiz trägt den Titel "Wilde Orchideen und Trotzki". Rorty beschreibt, wie er als Junge in der blühenden Hügellandschaft im Nordwesten von New Jersey herumstreift und den betäubenden Duft der Orchideen einsaugt. Zur selben Zeit findet er in seinem linken Elternhaus ein faszinierendes Buch, das Trotzki gegen Stalin verteidigt. Damals entsteht die Vision, mit der der junge Rorty aufs College geht: die Philosophie ist dazu da, die überirdische Schönheit der Orchideen mit Trotzkis Traum von der Gerechtigkeit auf Erden zu versöhnen.

Dem Ironiker Rorty ist nichts heilig. Nach etwas "Heiligem" gefragt, antwortet der strikte Atheist am Ende seines Lebens mit Sätzen, die an den jungen Hegel erinnern: "Der Sinn für Heiliges hat mit meiner Hoffnung zu tun, dass meine entfernten Nachkommen in einer globalen Zivilisation leben werden, worin Liebe so ziemlich das einzige Gesetz ist."