Zum Tod des Fotokünstlers Bernd Becher Das große Staunen

Widerstand gegen alles Gefällige: Bernd Becher, der am Freitag verstorben ist, hat uns zusammen mit seiner Frau Hilla gelehrt, dass die Industrielandschaft lebt. Ein Förderturm ist kein Förderturm ist kein Förderturm.

Von Gerhard Matzig

Es ist wie im Naturhistorischen Museum, wo es nach der Systematik des Carl von Linné Familien, Gattungen und Arten gibt, dazu Untergattungen, Sektionen, Untersektionen, Serien und Unterserien. Es ist wie bei den Schaukästen, in denen aufgespießte Schmetterlinge akribisch neben- und untereinander angeordnet sind, um das Reich der Phänotypologie anschaulich zu machen. Es ist wie ein großes Staunen über die Artenvielfalt.

Turmförderungsanlage der Zeche Hannibal in Bochum-Hofstede von - ein Vorläufer der berühmtesten Fotoserie des 20. Jahrhunderts.

(Foto: Foto: dpa)

Vielleicht muss man sich Bernd Becher, der am vergangenen Freitag mit 75 Jahren gestorben ist, statt mit Fotoausrüstung eher mit einer Botanisiertrommel und statt als Künstler eher als Biologen vorstellen. Was Bernd und seine Frau Hilla Becher in vier Jahrzehnten an kunstvollen Fotodokumenten zusammengetragen haben, lässt sich nur als Naturgeschichte, als Systematik und Typologie begreifen. Allerdings ist es eine Typologie des Artifiziellen: nämlich die der Industrielandschaft. Denn es geht darin nicht um Schmetterlinge, sondern um Wasser- und Fördertürme, um Hochöfen, Gasbehälter oder Fabrikhallen, um Kohlebunker oder Schotterwerke.

Das Foto als Notlösung

Wie niemand sonst, hat das Ehepaar Becher das Montan-Reich der Ingeniosität vermessen. Und obwohl ihre strengen, nahezu genormten Bildwerke Widerstand leisten gegen alles Gefällige, fügen sie sich in den Museen zu einem Tableau konstruktiver Schönheit und ästhetischer Empirie. Zuletzt war das in München zu sehen: in der Ausstellung "Typologien", in der das Becher-Archiv bilanziert und zusammenschauend präsentiert wurde. Dort konnte man das Sehen lernen und begreifen, dass das Gedicht von der Rose nicht gilt: Ein Förderturm ist kein Förderturm ist kein Förderturm. Die Dingwelt lebt - und zwar gerade in ihrer höchst vergänglichen Einmaligkeit. Bernd Becher war immer auch ein Dokumentarist des Zeitlichen.

Geboren wurde er im Jahr 1931 in Siegen. Er studierte Malerei und Lithographie sowie Typographie und arbeitete seit 1959 als freier Fotograf (seit 1961 zusammen mit Hilla Becher). Außerdem lehrte er an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Künstlerfotografen wie Thomas Struth oder Thomas Ruff verdanken ihren Ruhm auch dieser Lehre in der legendären "Künstlerklasse für Fotografie", die man vereinfacht auch als "Becher-Schule" bezeichnen könnte.

Dabei ist diese Schule der Präzision, Berechnung und Vorbestimmung eigentlich ein Werk der Beiläufigkeit. Noch 1956 hat der gelernte Typograph die Stege, Türme und Treppen der "Grube Eisenhardter Tiefbau" im Siegerland gezeichnet, doch "ab einem bestimmten Punkt", erzählte Becher einmal, "ließ sich der Anspruch auf äußerste Präzision einfach nicht mehr erfüllen". Er hätte auch gar nicht mehr die Zeit gehabt, den Industrietrakt vollständig zu erfassen, denn die Anlage wurde abgerissen.

Also lieh sich Bernd Becher eine Kleinbildkamera aus, um die Grube "wenigstens im Bild zu erhalten". Das Foto als Notlösung. Aus diesem "wenigstens" wurde schon bald die immer noch berühmteste Foto-Serie des 20. Jahrhunderts. Wenigstens ist eben doch mehr.