Zukunft des Journalismus (21) "Blogger sind wie Pitbulls"

Aufmerksame Wachhunde und keine fetten und zufriedenen Schoßhündchen: Ariana Huffington spricht über die "Watchdog"-Funktion der Presse.

Interview: L. Kramp und S. Weichert

Die Revolution der neuen Medien führt zur Renaissance des geschriebenen Wortes - behauptet Arianna Huffington, 58, Gründerin und Herausgeberin von The Huffington Post, der einflussreichen politischen Online-Nachrichtenzeitung aus den USA. Das News-Portal setzt aber auch auf eine der wichtigsten Leistungen der klassischen Printmedien: Es investiert in den investigativen Journalismus und legt zusammen mit der Organisation Atlantic Philanthropies und anderen Spendern einen Fonds mit einem Startvolumen von 1,75 Millionen Dollar (1,32 Millionen Euro) auf. Arianna Huffington wurde durch ihre zahlreichen Blogs bekannt. Bei den kalifornischen Gouverneurswahlen im Jahre 2003 trat die "Königin der Blogger" (Der Spiegel) zunächst gegen den Republikaner Arnold Schwarzenegger an. Die gebürtige Griechin, eine studierte Ökonomin, verfasste insgesamt zwölf Bücher, darunter mehrere Streitschriften über die politische Kultur in den USA. Sie lebt im Raum Los Angeles mit ihren zwei Töchtern; Seit 1997 ist sie geschieden von dem republikanischen Politiker und Filmproduzenten Michael Huffington.

sueddeutsche.de: Frau Huffington, stimmt es, dass die Wahl von Barack Obama zum US-Präsidenten vor allem dem wachsenden Einfluss des Internet zu verdanken ist?

Ariana Huffington: Davon bin ich überzeugt. Blogger haben ebenso zu seiner Wahl beigetragen wie Obamas eigene Online-Kommunikationsstrategien: Von viralen Videokampagnen über SMS als Graswurzel-Kommunikationswerkzeug bis hin zu Social Networks und deren Möglichkeiten, gigantische Spendenaufrufe zu starten. Er hat einfach etliche Spielarten des Internet mit einbezogen, die zu Schlüsselkomponenten seines Erfolgs wurden.

sueddeutsche.de: Medienkampagnen hat es immer gegeben.

Huffington: Wenn wir an alte Zeiten zurückdenken - und das entspricht in der Ära der Neuen Medien dem Jahr 2004, als es noch kein YouTube, kein virales E-Mail-Marketing und keine Huffington Post gab - konnten während des Wahlkampfs noch dreiste Lügen erzählt werden, ohne dass das große Konsequenzen gehabt hätte. Auch wenn die traditionellen Medien diese Lügen zunächst hinterfragten, wurden sie von Politikern einfach so oft wiederholt, bis die Medien irgendwann aufgaben.

sueddeutsche.de: Sprechen Sie der gesamten Presse ihre Kritikfähigkeit ab?

Huffington: Die Traditionsmedien neigen dazu, sich schnell dem nächsten Aufregerthema zu widmen. Blogger lieben es, eine Geschichte zu hinterfragen. Sie sind richtige Pitbull Terrier: Wenn sie sich erst mal in etwas verbeißen, ist es unmöglich, sie wieder davon loszureißen.

sueddeutsche.de: Leute wie der Zeit-Herausgeber Josef Joffe glauben, dass die Gratiskultur im Netz das gedruckte Wort und den Qualitätsjournalismus gefährde - wofür er auch Sie und die Huffington Post verantwortlich macht.

Huffington: Das ist doch vollkommener Quatsch! Es geht nicht um Entweder-Oder, sondern um eine Konvergenz neuer und alter Medien. Natürlich hat die Zeitungsindustrie derzeit mit tief greifenden Problemen zu kämpfen - aber sie wären keinen Deut weniger dramatisch, wenn es uns nicht gäbe. Ich verstehe unter Publizistik kein Nullsummenspiel, bei dem neue Publikationsformen andere killen. Klar, neue Technologien beeinflussen klassische Verlagsmodelle - deshalb muss es darum gehen, Inhalt so unter die Leute zu bringen, dass sie nicht widerstehen können. Es ist alles ganz anders als bei Herrn Joffe: Es ist eine der großen Nebenwirkungen der Medienrevolution, dass sie dem geschriebenen Wortes zu einer Renaissance verhilft.

sueddeutsche.de: Wie erklären Sie sich die Beliebtheit von Blogs in den USA? Weist dies nicht auf einen Defekt im System der traditionellen Medien sprechen?

Huffington: Als ich damals online ging, war ich fasziniert von der Unmittelbarkeit und Lebendigkeit, von der Transparenz und Freiheit, auch der beispiellosen Reichweite, die das Internet bot. Blogs wurden sehr schnell zu einer potenten journalistischen Kraft im Vorfeld und während des Irakkriegs, als viele 'Mainstream-Medien' die Verlautbarungen anonymer Regierungsquellen wiederkäuten, anstatt sie kritisch zu hinterfragen. Man erinnere sich nur an den Skandal um Judy Miller bei der New York Times.

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