Zerstörung der Zivilisation Wieder Jäger und Sammler

Aber Jensen geht viel weiter. Mit seiner Ideologie gehört er zu jener kleinen Gruppe der Anarcho-Primitivisten unter den Umweltaktivisten. Und für diese Gruppe hat sich die Menschheit von der Natur abgewendet, als sie den Schritt vom Jäger und Sammler zum Ackerbauern machte. Damals sei aus einer egalitären, im Einklang mit der Natur existierenden Gesellschaft jene hierarchische, durch Zwang und Gewalt bestimmte Kultur geworden, die nun die Erde bedrohe.

Er definiere, schreibt Jensen an anderer Stelle, Zivilisation als einen Lebensstil, der durch das Wachstum der Städte charakterisiert werde; und eine Stadt sei nichts anderes als eine Ansammlung von Menschen, die so groß ist, dass sie den Import von Ressourcen notwendig macht. Das wiederum habe zwei Folgen: Dieses Leben kann nie nachhaltig sein und muss zwangsläufig auf Gewalt basieren, weil Handel allein nicht ausreicht, um den Zufuhr dieser Ressourcen zu garantieren.

Der Mensch, sagt Jensen, muss wieder verwildern, "un"-zivilisiert werden, die Gesellschaft muss entindustrialisiert, Arbeitsteilung, Spezialistentum und Großtechnologien müssen aufgeben werden, denn sie sind die Quelle aller Zivilisationsprobleme. In gewisser Weise muss der Mensch wieder zum Tier werden. Solche Thesen klingen auch mitten in der Wirtschaftskrise, mitten im Zweifel am Weiterbestand unseres Systems wahnhaft, seine Vergleiche überschreiten Tabugrenzen: beispielsweise, wenn Jensen von Zivilisation als "permanentem Holocaust" schreibt, der sich "anfühlen wird wie Ökonomie. Er wird sich anfühlen wie Fortschritt.

Er wird sich anfühlen wie technologische Innovation". Andererseits hat seine Botschaft, mantraartig wiederholt, eine ähnliche Wirkung wie eine Beichte. Man sieht kurzfristig klar. Denn es ist bekannt, dass die Nutznießer dieses rohstoff- und kapitalgetriebenen Wirtschaftssystems, und das sind nun einmal wir, die Bewohner der reichen Industriestaaten, die Folgen verdrängen, die dieses System für Natur und den größten Teil der Weltbevölkerung hat.

Zurück in die Wildnis

Doch in den Rufen nach Revolution und Verwilderung der Menschheit, den Anarcho-Primitivisten wie Derrick Jensen so inbrünstig von sich geben, steckt noch etwas anderes : die tiefe Sehnsucht nach der Wildnis. Eine Wildnis, wie sie vor allem im kulturellen Bewusstsein Amerikas existiert, eine Wildnis, die einen Garten Eden symbolisierte, in die der Mensch vielleicht noch einmal zurückkehren könnte; eine Wildnis, in die sich Henry Thoreau zurückzog, in die Seehütte seines Freundes Ralph Waldo Emerson.

"Walden", Thoreaus Beschreibung dieser Zeit, gehört zu den berühmtesten Werken der amerikanischen Romantik - kaum ein anderes Werk drückt das Verlangen nach dem einfachen Leben und nach Selbstbestimmtheit, nach Freiheit von der Gesellschaft und ihren Zwängen besser aus. Die Ablehnung der Stadt als Hort allen Übels, die so typisch ist für viele amerikanische Umweltaktivisten, gehört ebenso zu dieser romantisierten Vorstellung von Wildnis wie die (von der Wissenschaft bestrittene) Idee, dass die Jäger und Sammler tatsächlich eine egalitäre, nichthierarchische Gemeinschaft bildeten.

Klimakatastrophe, das Sterben der Meere, der Verlust der Artenvielfalt - die Wildnis als Garten Eden ist Jensens Gegenentwurf zur ökologischen und ökonomischen Apokalypse der Zivilisation. Handlungsanweisungen, wie sie abzuwenden sei, gibt er nicht. Die seien, schreibt er, längst bekannt. Seit vielen tausend Jahren. Man müsse sich nur richtig umsehen. So wie in diesem Manifest. Es ist keine Anweisung. Aber eine Anregung.

DERRICK JENSEN: Endgame. Zivilisation als Problem. Pendo, München 2008, 544 Seiten, 22,90 Euro. DERRICK JENSEN: Das Öko-Manifest. Wie nur 50 Menschen das System zu Fall bringen und unsere Welt retten können. Pendo 2009, 511 Seiten, 24,95 Euro.