Von Petra Steinberger

Zivilisation als "permanenter Holocaust": Der Anarchist Derrick Jensen sieht als einzigen Ausweg die Rückkehr in die Wildnis.

Wollen wir uns wirklich darauf einlassen? Wollen wir hören, warum die Zivilisation an sich, die gesamte Errungenschaft der Menschheitsgeschichte, nicht nur untergehen wird, sondern untergehen muss? Diesmal geht es nicht um Veränderung oder um Wandel. Die Zivilisation an sich ist das Problem. Sie ist eine Struktur, die die Macht der wenigen über die vielen zementiert, sie versklavt die Menschen, sie zerstört die Natur, sie ist an sich und unausweichlich gewalttätig. Sie muss zerstört werden.

Bild vergrößern

Der Mensch soll wieder zum Tier werden: Derrick Jensen fordert die Zerstörung der Zivilisation. (© Foto: o.H.)

Anzeige

Denn allein die Erde, die Natur und ihr Wohlergehen sind von Bedeutung, erklärt Derrick Jensen, amerikanischer Schriftsteller, Umweltaktivist und Anarcho-Primitivist.

Sein mehr als 1000 Seiten umfassender Aufruf zur notwendigen Zerstörung der Zivilisation ist nun in zwei Bänden auf Deutsch erschienen, wobei es scheint, als ob der Lektor selbst nicht genau wusste, wo er sie einordnen sollte. Das zumindest erklärt vielleicht die merkwürdig zweigleisige Titelwahl. Der erste Band, "Endgame", bleibt unübersetzt; der zweite nennt sich "Öko-Manifest" statt "Endgame II: Resistance".

Widerstand schließt das eine ans andere. Es handelt sich um eine Mischung aus persönlichen Eindrücken und Erlebnissen und Prämissen, deren Logik sich, um es wohlwollend auszudrücken, eher aus der Gesamtschau ergibt als aus einer konsequent eingehaltenen Argumentationskette. Dies ist "stream of consciousness", übertragen auf Sachliteratur.

Überall findet Jensen Belege für seine Theorie: in den Wanderungen der Lachse, in indianischen Lehren, bei Stadttheoretikern und Präsidenten, in Wirtschaftsmedien: "Jedes Jahr richten der Ölkonzern Shell und die Wirtschaftszeitung The Economist einen ,internationalen Schreibwettbewerb zur Förderung des Zukunftsdenkens' aus ... Das diesjährige Thema: ,Brauchen wir die Natur?' Erinnern wir uns an die erste Propagandaregel. Wer die Fragen kontrolliert, kontrolliert auch die Antworten."

Keine Gnade

Aber wir sollen ja auch gar nicht überzeugt werden. "Endgame", schreibt Jensen, richte sich nicht an Zaungucker, an diejenigen, die ungerührt und unentschieden danebenstehen, sondern an solche, "die bereits wissen, wie schrecklich Zivilisation ist, und die etwas dagegen unternehmen wollen". Jedoch legt Jensen, nur um die Sache klarzustellen, in 20 Prämissen dar, warum diese Zivilisation nicht überleben darf. Zivilisation, lautet die erste und wichtigste seiner Prämissen, "ist nicht nachhaltig und kann es niemals sein.

Dies gilt insbesondere für die industrielle Zivilisation". Oder sechs: "Die Zivilisation ist unumkehrbar. Diese Kultur wird sich nicht freiwillig zu einer vernünftigen und nachhaltigen Lebensweise bekehren ..." Dreizehn: "Die Herrschenden regieren durch Zwang. Und je eher wir uns von der Illusion freimachen, dies sei nicht der Fall, desto eher können wir zumindest anfangen, vernünftige Entscheidungen zu treffen, ob, wann und wie wir Widerstand leisten." Oder siebzehn: "Es ist ein Fehler, unsere Entscheidungen davon abhängig zu machen, ob die daraus erwachsenen Handlungen die Masse der Amerikaner oder die Menschen, die sich aus allem heraushalten wollen, in Angst versetzen oder nicht."

Dies ist ein Aufruf an alle Gläubigen, nach ihrem Glauben zu handeln und radikaler und militanter zu werden. Pazifismus funktioniert nicht. Denn die industrielle Weltwirtschaft, "unsere Zivilisation", erzeugt einen unersättliche, unendliche Nachfrage, sie vergiftet unsere Körper, sie verschmutzt die Natur und führt zur Herrschaft derjenigen, die ihre Gier und ihren Machttrieb am heftigsten und rücksichtslosesten ausleben. Ihre Entwürdigung der Welt muss aufgehalten werden, die Revolution gegen die Mächtigen, die globalen Unternehmen muss stattfinden.

Vor ein paar Monaten noch hätte Jensens Anklage der Gier und der Macht banal und extrem geklungen. Angesichts der wirtschaftlichen Erschütterungen, die unsere "industrielle Zivilisation" gerade durchlebt, hat die Gesellschaft, für eine begrenzte Zeit zumindest, für solche Positionen eine gewisse Sympathie entwickelt. Jensens Hang zur apokalyptischen Überhöhung spiegelt inzwischen zumindest in Teilen die allgemeine Verunsicherung über den Weg, den diese von Wirtschaft und Kapital regierte Kultur zuletzt eingeschlagen hat.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum die Gesellschaft die Erde bedroht.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Macht kaputt, was euch kaputtmacht
  2. Wieder Jäger und Sammler
Leser empfehlen