Das ZDF zeigt die Geschichte der Deutschen als Doku-Disco. Dank Schnellfeuerdramaturgie stimmt auch die Quote.
Thomas Gottschalk hat neulich in einem Interview gesagt, lieber lasse er sich in seiner Sendung "Wetten, dass . . .?" in ein riesiges Senffass eintauchen, als dass er seinen Gästen zumute, einander mit Senf zu beschmieren. Damit hat er recht. Das gleiche kann man jetzt über die zehnteilige ZDF-Serie "Die Deutschen" sagen: Es ist schön, wenn die Zuschauer sich für deutsche Geschichte mehr interessieren als für exhibitionistische Peinlichkeiten.
Bild vergrößern
Bismarck als Postkartenmotiv zur Geschichtsserie "Die Deutschen". (© Foto: ZDF)
Anzeige
Natürlich ist die Serie "Die Deutschen" nicht das gleiche wie "Wetten, dass . . .?" Wer Thomas Gottschalk sieht, kann lernen, wie man liebenswürdig mit anderen Leuten umgeht. Wer Die Deutschen anschaut, erfährt, dass die deutschen Fürsten nicht immer liebenswürdig miteinander und mit ihrem Volk umgegangen sind. Das ist auch etwas wert. Außerdem gibt es keinen Familienkrach, wenn man vorm Fernseher sitzt. So ein Krach ist bei dieser Serie schon deshalb unmöglich, weil sie selbst laut genug ist.
Die musikalische Untermalung ist schärfer als das, was in Werbespots geboten wird. Die Serie ist ein bisschen Doku-Drama, vor allem ist sie Doku-Disco. Den Hörgewohnheiten von Kindern mag das entgegenkommen. So einpeitschend wie die Musik ist, so flirrend sind die Bilder: Alle paar Sekunden kommt ein Schnitt.
Aus der Sicht eines Düsenjets
Kleine schauspielerische Szenen sollen uns die Geschichte näherbringen. In den Szenendialogen werden die Figuren auf Gestalten aus Vorabendsendungen reduziert. Die Mutter des kleinen Heinrich ermahnt um 1057 ihren Sohn: "Heinrich, behandelt man so seine Gäste?" - "Nein", gibt Heinrich IV. kleinlaut zu. Kaiserin Agnes darauf: "Entschuldige dich bitte bei Herrn Hildebrand."
Die Serienproduzenten sind auf ihre Animationen mächtig stolz. Bedauerlicherweise sind diese zumeist nicht aussagekräftig: Es nützt nichts, computertechnisch eine Stadt wie Speyer um das Jahr 1000 zu rekonstruieren, wenn das Bild wie aus der Sicht eines schnellen Düsenjets unter den Augen hinwegsaust. Zu erkennen ist da wenig. Nachdem die Ohren und die Augen solchermaßen von Klimbim beansprucht sind, kommt es auf den Inhalt schon fast nicht mehr an.
"Die Deutschen" heißt die Serie. Sie behauptet, Antworten zu geben auf die Fragen: "Wer sind wir, woher kommen wir, wohin gehören wir?" In sehr groben Zügen wird deutsche Herrschafts- und Verfassungsgeschichte erzählt.
Den Geschichtsforschern zum Trotz, die sich zu Kommentaren bereitgefunden haben, folgt die Serie einem Begriff, den der Historiker Eric Hobsbawm prägte: Hier wird Tradition erfunden. Die Serie stellt die deutsche Geschichte als eine Entwicklung dar, die letztlich durch alle Fährnisse hindurch zielstrebig auf das Jahr 1990 und die deutsche Einigung zusteuerte.
Zu Beginn der Folgen ist immer wieder derselbe Satz zu hören: Es gehe um "ein Land, das lange braucht, um eins zu werden". Von welchem Land die Rede ist, wird nicht gesagt, aber offenbar ist von der jetzigen Bundesrepublik die Rede - ein mageres Gebilde im Vergleich zu den unermesslichen Weiten Europas, über die der Sachse Otto I. oder der Salier Heinrich IV. herrschten.
Lesen Sie auf der zweiten Seite, was die Serie noch nicht einmal versucht.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Alexander Kluge, der intellektuelle Schattenspieler des deutschen Kinos und der deutschen Literatur, wird achtzig. Jetzt lesen ...
- Walser, Lenz und Hildebrandt Historiker streiten über NSDAP-Mitgliedschaft 01.07.2007
- Historische Kriegsnachstellungen bei den Öffentlich-Rechtlichen Schlachtenplatte à la ARD 30.10.2006
- Guido Knopp über den Scientologen "Cruise tritt auf wie Goebbels" 20.01.2008
- Die Geschichte der Deutschen Hau´ druff - und Schluss! 01.06.2006
Tun wir das wirklich, "wir Deutschen", wie es uns die K.u.K.-Strahlemänner (Kleber und Knopp) einzureden versuchen - oder fühlen wir uns wieder einmal als mediale Opfer des scheinbar unausrottbaren Prinzips "Große Männer machen Geschichte"?! Vorab - das ZDF hat nun also seine guidonische Histo-Soap, die uns ganz im Stile Morphiums (also einschläfernd) bald raunend, bald rasend episodische Jagdszenen aus dem frühen Mittelalter präsentiert.
Halali, Historie, diese S.au, tot! Danach war Otto "ein großer Deutscher", obwohl der Ostfale nachweislich (genau das von Althoff und Weinfurter nachdrücklich herausgestrichen) römischer(!) König sein, römischer Kaiser werden wollte - in der Tradition des Vielvölkerimperiums der linksrheinischen Karolinger, die mit römischem Pomp über abgewirtschaftete Landschaften auf Dritte-Welt-Niveau geboten haben. haben. Im ZDF hat man aber das "Z(weifeln) D(euten) F(ragen)" hintangesetzt zugunsten des "Z(utexten) D(röhnen) F(abulieren)".
Beispiele gefällig? Im Aachener Münster wird die Krönungsszene einfältig nachgestellt - der entscheidende Mann, der Mainzer Erzbischof, nur ein Erfüllungsgehilfe?! Wo sind überhaupt die geistlichen Würdenträger, die Stützen dieses Reiches? Andererseits wußte man in der Karlopolis, der Pfalz Karls d.Gr., nicht einmal, wo die Gebeine des europäischen Stammvaters lagen - irgendwo verbuddelt (aus Angst vor den Wikingern), aber nicht im Karlsschrein (von 1180!) geborgen.
Die Ungarn als reichsfeinde - gewiß, aber es war gute karolingische Politik "If you can't beat them, join them". Selbst Ottos Vater hatte Verträge mit ihnen geschlossen und Tribute gezahlt. Aufgehängt wurden nach dem Sieg auf dem Lechfeld 955 vertragsbrüchige ungarische Häuptlinge - über die toten Heiden hat der König jedoch bittere Tränen vergossen, weil sie nun nicht mehr gute Christen werden konnten und auf seiner Seele lasteten.
Das Murren der Adeligen darüber, daß Otto auf dem Karlsthron als Kaiseraspirant Platz genommen habe - nicht verbürgt. Die Ansprüche des Halbbruders - gewiß nicht bei der Königswahl vorgebracht, sondern erst, als der neue Chef seines Hauses seine Zusagen nicht einhalten wollte. Wohin das Erbe gehen sollte, war generell strittig - auf einem Reichstag zu (Essen-)Steele 939 mußte erst durch gerichtlichen Zweikampf geklärt werden, ob die Söhne oder die Brüder Vorrang hatten. Otto war "Erster unter Gleichen" - die Stämme hat er nicht geeint.
bei sowas weiß man doch schon vorher, was da rauskommt. Das ZDF-Weltbild nämlich, das bei jedem Fußballspiel mit Nachrichten in der Halbzeit (leider die ARD auch zunehmend) serviert wird. Ich kann diese Typen(Gause, der, der den Kopf immer so schräg hält, die blonde Frau mit den schmalen Lippen, den scheiteltragenden Streber da (ich kann mich an die Namen nicht erinnern), und die üppiglippige dunkelhaarige Nachtschwester nicht leiden. Aber zappzarapp - schon in einen anderen Sender gebeamt. Fernbedienung ist geil!
Warum nicht, bei Knopp und seinen Formaten gehts mMn ja auch eher ums "anfixen" - den eigentlichen Stoff kann und darf sich dann jeder angehende Konsument selbst nach Belieben zusammenstellen. Und selbst wenn der nächste Griff "nur" zu Wikipedia führt, um das eben gesehene zu vertiefen, oder aufgekommene Fragen zu klären - hauptsache die Richtung stimmt.
Vorsicht Vorsicht
das Leben hat einiges gezählt. Leibeigene waren keine Sklaven, Grundhörige auch nicht. Das Mittelalter hatte ein hoch entwickeltes Rechtssystem - das hauptsächlich auf Treue beruhte: Treue des Untertanen wie auch des Herrschers. Bei Nichtbeachtung gibts göttliche Strafen, in krassen Fällen auch gleich Lossagung des Lehensnehmers. Damits nciht immer so rund geht, gibts auch den obersten Gerichtshof: den Fürsten bzw. König. Der entscheidet nicht immer für den Adeligen.
Die Germanen dagegen waren eine Stammesgesellschaft mit vielen "demokratischen" Gesichtspunkten, aber auch genügend Probleme. Schließlich stellen sich die Historiker immer noch die Frage, warum die römischen Sklaven nicht davongelaufen sind... vielleicht weils in Keltenland/Germanien auch irgendwelche Herren gab.
Vorsicht mit der Geschichte. Sie ist nicht immer eindeutig.
@ Wildpig
Was man Kindern früh vermitteln kann ist, dass Geschichte immer viel mit "Geschichten erzählen" zu tun hat und jede Quelle aber auch jede Art von Geschichtsschreibung eine bestimmte Perspektive vermittelt.
Darüber hinaus haben Kinder nicht das geringste Problem damit, dass Sprachgrenzen und Ländergrenzen nicht übereinstimmen.
Paging