Am Dienstag Abend war Claus Klebers Kopfhaltung so untypisch wie die Haltung des Senders: Das "Heute Journal" machte Propaganda für die Internetaktivitäten des ZDF.
Im Dezember 2005 wurde Markus Schächter, 58, vorzeitig in seiner Position als Intendant des ZDF bestätigt. Es war eine gewöhnungsbedürftige Wiederwahl für einen Sender, in dem sich die im Fernsehrat beheimateten Parteien nicht auf die Spitzenpersonalie einigen konnte. Schächter war am Ende der amtliche Kompromiss von roter und schwarzer Fraktion. Doch im Dezember vor drei Jahren stimmten dann 60 der 61 Räte für seine Vertragsverlängerung.
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Anton, Berti, Conni, Det, Edi und Fritzchen bekommen Konkurrenz: Claus Kleber wurde als Werbefachkraft für die ZDF Mediathek eingesetzt. (© Foto: ZDF)
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Der Koalitionskandidat, der nach seinem Lehramtsstudium lieber journalistisch als pädagogisch tätig werden wollte, wird das ZDF bis 2012 führen. Er hat es seit 2002 mit großer Geschwindigkeit und klugem Auftreten zu einem führenden Inhalteanbieter im Internet ausgebaut. Die ZDF Mediathek ist technisch fabelhaft ausgestattet, auf den Online-Seiten setzt das Zweite in webgerechter Optik auf populäre und nachrichtliche Highlights.
Nun ist Schächter ein Fall von Belehrung und Propaganda ins ZDF-Programm geraten, der so gar nicht zum sonst von ihm gepflegten Stil taktischer und emotionaler Zurückhaltung passt.
Am Dienstagabend, in der Halbzeitpause des Abschiedsspieles von Oliver Kahn in der Münchner Allianz-Arena, begann Claus Kleber einen "Heute-Journal"-Beitrag mit völlig unüblichem Blick zur rechten oberen Studioecke. Dort hatte der Moderator die Zeit gemessen und sagte: "Wahrscheinlich haben Sie es jetzt 30 Sekunden nach neun Uhr abends, und Sie sehen uns im Fernsehen live. Das muss aber nicht so sein. Immer mehr Zuschauer sehen unsere Beiträge im Internet, dann, wann sie wollen."
Und während die Regie sich in Klebers markenhaftes Gesicht mit den blauen Augen über der blauen Krawatte und der stets nach links geneigten Kopfhaltung zoomte, wurde in knappen, wohlklingenden Sätzen die Existenzangst des öffentlich-rechtlichen Fernsehens thematisiert - mit Hinweis auf einen Streit, der zwischen deutschen Verlegern, der deutschen Politik und den gebührenfinanzierten Anstalten tobe.
Diesen Streit gibt es. In diesen Wochen soll eine gesetzliche Regelung das Wirken von ARD und ZDF im Zukunftsmedium Internet beschreiben, wo alle teilhaben und Geld verdienen wollen. Die Verleger fürchten den jährlich mit über sieben Milliarden Euro Rundfunkgebühr ausstaffierten, zügellosen Konkurrenten. Die Ministerpräsidenten haben der EU-Kommission einen Entwurf vorgelegt, der bald verabschiedet wird; an diesem Mittwoch gab es dazu noch einmal eine Anhörung der Bundesländer.
Mutterland des öffentlich-rechtlichen Fernsehens
Vor dieser Anhörung hielt es Schächter offenbar für angemessen, den englischen Kollegen Mark Thompson dem deutschen Publikum vorzustellen. Thompson, 51, ist Chef der BBC. Kleber sagte über ihn im Heute-Journal: "Da hat sich heute in Berlin auf der Internationalen Funkausstellung eine Stimme von Gewicht gemeldet. Jemand aus dem Mutterland des öffentlich-rechtlichen Qualitätsfernsehens."
Richtiger wäre gewesen, dass sich das ZDF bei Thompson gemeldet hat. Der Director General der BBC wurde Dienstagmorgen vom ZDF ausgewählten Journalisten zugeführt, er hielt anschließend einen schlecht besuchten Vortrag über die digitale Zukunft staatlich finanzierter Medien. Schächter begleitete den Gast fürsorglich. Im "Heute-Journal"-Beitrag am Abend, der auf Klebers Ankündigung folgte, wurde der Brite als Kronzeuge gegen alle in Stellung gebracht, die einen kontrollierten Einsatz staatlicher Rundfunkanstalten im Internet fordern.
Gerne hätte der Zuschauer sicher auch erfahren, dass der britische Qualitätssender auf Werbung, Schleichwerbung und Gewinnspiele verzichtet. Außerdem hat die BBC den offiziellen Auftrag, die Digitalisierung des Medienmarktes in Großbritannien aufzubauen, was bedeutet, dass der staatliche Rundfunk mit seiner Apanage von beinahe vier Milliarden Euro jährlich in technische Infrastruktur und Know how investiert und davon auch die kommerzielle Konkurrenten profitieren.
Laufzeitfrist für Mediatheken
Die sehen das wohl auch in England nicht ganz so entspannt mit der Online-Expansion der British Broadcasting Corporation, wie Mister Thompson das erzählt, zumal die BBC 2007 über 40 Millionen Euro Verlust gemacht hat mit ihrer Website. Doch eines vergaß das "Heute-Journal" völlig: Man kann die Verhältnisse in Deutschland und im britischen Königreich nicht vergleichen - mit wenigen Ausnahmen.
Eine davon ist die Sieben-Tage-Frist für Aktuelles in den Mediatheken. Auch in England gibt es dieses Zeitfenster für die BBC-Mediathek, den iPlayer, worüber das Heute-Journal nicht informierte. Thompson kritisierte die geplante Fristsetzung in Deutschland und sagte, es wäre schlecht, wenn Dokumentationen über die Geschichte der Demokratie fehlen würden.
Genau die würden in der ARD- oder ZDF-Mediathek nie fehlen. Was gelöscht werden müsste nach einer Woche, könnte über den Regelweg der Beantragung wichtiger Bildungs- und Informationsprogramme dauerhaft eingestellt werden. Zum Beispiel der Oliver-Kahn-Abschied von Dienstagabend, ein denkwürdiger Moment des Sportes.
Dass ein Intendant für die Bewegungsfreiheit seines Senders im Internet kämpt, ist verständlich. Dass dafür das "Heute-Journal" instrumentalisiert wird, nicht. In der BBC wäre so ein Beitrag nie gelaufen.
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(SZ vom 04.09.2008/sst)
Ich bin nicht gegen den ÖR, keineswegs. Wer ernsthaft dagegen ist, der gehört zwangsweise eine Woche lang vor den gesammelten Schund im Privatfernsehen gesetzt, wohlgemerkt inklusive Werbung!
Was mich stört ist aber das offenbar völlig unkontrollierte Ausgeben von Geld, dass den Gebührenzahlern durch eine Mafia-ähnliche Vereinigung abgepresst wird, nach geltendem Recht z.T. mehrfach trotz nur einem Paar vorhandener "Empfangsgeräte" sprich Augen und Ohren. Es kann nicht angehen, dass viele Dinge, die weder zur gern zitierten Grundversorgung gehören noch sonst irgendeinen intellektuellen Nährwert haben, mit diesem Geld finanziert werden. Sollen doch die Privaten Musikantenstadl, Late-Night-Shows und dergleichen unsinnigen Kram machen, wenn sichs rechnet... Dazu gehört auch insbesondere Sport, vielleicht mit der Ausnahme einer WM oder dergleichen in D, da kann es ja schlecht angehen, wenn die ÖR nicht berichten... aber ansonsten ist Sport ebenso Privatvergnügen wie vieles andere und gehört ins Pay-TV oder Privatfernsehen!
Was sich womöglich nie "rechnen" würde, DAS gehört ins ÖR, dazu gehören solche Dinge wie Phoenix, Dokukanal, arte und 3sat.
Also Fazit: ÖR auf jeden Fall, aber bitte unabhängig kontrolliert, was mit dem Geld angestellt wird. Derzeit handelt es sich imho dabei um einen reinen Selbstbedienungsladen. Der Internetauftritt ist da nur ein Puzzlestück, der gleichsam mit behandelt werden kann. Programmbegleitung ja, Berichterstattung über wirklich wesentliche Themen auch, aber bitte nicht irgendwelchen überflüssigen Schmu, den können die werbeverseuchten Privatseiten bringen.
...besonders dann, wenn sie sich auf diese Weise ihr Überleben sichern will.
Ein lächerlicher Artikel der SZ mehr....aber haben wir wirklich anderes erwartet?
Man könnte glatt Schwindelanfälle bekommen, so willkürlich versucht Ihr Autor Christopher Keil, die Welt auf den Kopf zu stellen. Mit diesem Artikel liefert die SZ genau jene Form von Propaganda, die doch eigentlich dem ZDF unterstellt werden soll.
Autor Keil nimmt stellvertretend für das öffentlich-rechtliche Fernsehen das ZDF ran. Warum? Weil der Sender es wagt, uns Zuschauern auch im Internet das anzubieten, was uns gehört: Die vielen guten Berichte und Sendungen von ARD und ZDF, die wir Zuschauer mit unseren Rundfunk-Gebühren bezahlt haben. Diese Sendungen gehören den Gebührenzahlern genauso, wie jedem Zeitungsleser das Exemplar seiner abonnierten Tageszeitung gehört (Ob gedruckt oder online). Niemand ist bislang auf die Idee gekommen, den Zeitungs-Abonnenten spätestens nach sieben Tagen das Produkt wieder weg zu nehmen, für das sie bezahlt haben. Diese "Sonderbehandlung" soll im Interesse der Zeitungsverleger offenbar nur für Rundfunkgebührenzahler eingeführt werden. Wie schön, wenn man sich für solche Pläne so tolle Medienredaktionen und Autoren wie Christopher Keil leisten kann.
Axel Stehle
Ich halte es für extrem bedenklich, daß sich bestimmte Institutionen und Politiker glauben Gesetze gelten lediglich für den "kleinen Mann".
Die BBC wurde rechtskräftig verurteilt, weil sie Zuschauer anrufen ließen in Sendungen die bereits aufgezeichnet wurden bzw. in denen nur BBC-nahe Personen durchgelassen wurden.
Dies war auch bei privaten Sendern in England der Fall. Dennoch ist dies bei öffentlich-rechtlichen Sendern was anderes. Diese bekommen nunmal automatisch erhebliche Summen von den Zuschauern...
Betrug ist Betrug. Da muß man nichts schönreden. Ich würde auch nicht gerne 50 Cent für einen Anruf ausgeben, wenn ich nicht einmal eine sehr geringe Chance hätte was zu gewinnen. Bei aufgezeichneten Sendungen ist dies schwerlich möglich....
(Nur eine Quelle die ich kurz gegoogelt hatte: http://diepresse.com/home/kultur/medien/402297/index.do)
Markus
Ich denke es ist unstrittig, eine Instanz wie das öffentlich rechtliche Fernsehn und Radio zu haben, die gemäß dem Rundfunk-Staatsvertrag uns Bürgern eine Grundversorgung bieten muss. Über die Qualität und unsere Rechte als zahlende Kunden lohnt es sich sicherlich, wie in manchen Kommentaren geschehen, zu diskutieren.
Unstrittig ist für mich aber ebenso, dass ich Zwangs-Kunde des öffentlich rechtlichen Rundfunks bin oder hat sie der freundliche Herr an der Tür schon mal gefragt, ob sie das Programm buchen wollen oder nicht. Unter diesem Aspekt habe ich den Beitrag im Heute Journal gesehen und lese diesen Bericht und die Kommendentare. Ich kann sehr wohl verstehen, dass die Verleger sich gegen diese sieben Milliarden Euro Steilvorlage in manchen Bereichen wehren wollen.
Paging