ZDF-"Heute-Journal" Das siebte Mainzelmännchen?

Am Dienstag Abend war Claus Klebers Kopfhaltung so untypisch wie die Haltung des Senders: Das "Heute Journal" machte Propaganda für die Internetaktivitäten des ZDF.

Von Christopher Keil

Im Dezember 2005 wurde Markus Schächter, 58, vorzeitig in seiner Position als Intendant des ZDF bestätigt. Es war eine gewöhnungsbedürftige Wiederwahl für einen Sender, in dem sich die im Fernsehrat beheimateten Parteien nicht auf die Spitzenpersonalie einigen konnte. Schächter war am Ende der amtliche Kompromiss von roter und schwarzer Fraktion. Doch im Dezember vor drei Jahren stimmten dann 60 der 61 Räte für seine Vertragsverlängerung.

Der Koalitionskandidat, der nach seinem Lehramtsstudium lieber journalistisch als pädagogisch tätig werden wollte, wird das ZDF bis 2012 führen. Er hat es seit 2002 mit großer Geschwindigkeit und klugem Auftreten zu einem führenden Inhalteanbieter im Internet ausgebaut. Die ZDF Mediathek ist technisch fabelhaft ausgestattet, auf den Online-Seiten setzt das Zweite in webgerechter Optik auf populäre und nachrichtliche Highlights.

Nun ist Schächter ein Fall von Belehrung und Propaganda ins ZDF-Programm geraten, der so gar nicht zum sonst von ihm gepflegten Stil taktischer und emotionaler Zurückhaltung passt.

Am Dienstagabend, in der Halbzeitpause des Abschiedsspieles von Oliver Kahn in der Münchner Allianz-Arena, begann Claus Kleber einen "Heute-Journal"-Beitrag mit völlig unüblichem Blick zur rechten oberen Studioecke. Dort hatte der Moderator die Zeit gemessen und sagte: "Wahrscheinlich haben Sie es jetzt 30 Sekunden nach neun Uhr abends, und Sie sehen uns im Fernsehen live. Das muss aber nicht so sein. Immer mehr Zuschauer sehen unsere Beiträge im Internet, dann, wann sie wollen."

Und während die Regie sich in Klebers markenhaftes Gesicht mit den blauen Augen über der blauen Krawatte und der stets nach links geneigten Kopfhaltung zoomte, wurde in knappen, wohlklingenden Sätzen die Existenzangst des öffentlich-rechtlichen Fernsehens thematisiert - mit Hinweis auf einen Streit, der zwischen deutschen Verlegern, der deutschen Politik und den gebührenfinanzierten Anstalten tobe.

Diesen Streit gibt es. In diesen Wochen soll eine gesetzliche Regelung das Wirken von ARD und ZDF im Zukunftsmedium Internet beschreiben, wo alle teilhaben und Geld verdienen wollen. Die Verleger fürchten den jährlich mit über sieben Milliarden Euro Rundfunkgebühr ausstaffierten, zügellosen Konkurrenten. Die Ministerpräsidenten haben der EU-Kommission einen Entwurf vorgelegt, der bald verabschiedet wird; an diesem Mittwoch gab es dazu noch einmal eine Anhörung der Bundesländer.

Mutterland des öffentlich-rechtlichen Fernsehens

Vor dieser Anhörung hielt es Schächter offenbar für angemessen, den englischen Kollegen Mark Thompson dem deutschen Publikum vorzustellen. Thompson, 51, ist Chef der BBC. Kleber sagte über ihn im Heute-Journal: "Da hat sich heute in Berlin auf der Internationalen Funkausstellung eine Stimme von Gewicht gemeldet. Jemand aus dem Mutterland des öffentlich-rechtlichen Qualitätsfernsehens."

Richtiger wäre gewesen, dass sich das ZDF bei Thompson gemeldet hat. Der Director General der BBC wurde Dienstagmorgen vom ZDF ausgewählten Journalisten zugeführt, er hielt anschließend einen schlecht besuchten Vortrag über die digitale Zukunft staatlich finanzierter Medien. Schächter begleitete den Gast fürsorglich. Im "Heute-Journal"-Beitrag am Abend, der auf Klebers Ankündigung folgte, wurde der Brite als Kronzeuge gegen alle in Stellung gebracht, die einen kontrollierten Einsatz staatlicher Rundfunkanstalten im Internet fordern.

Gerne hätte der Zuschauer sicher auch erfahren, dass der britische Qualitätssender auf Werbung, Schleichwerbung und Gewinnspiele verzichtet. Außerdem hat die BBC den offiziellen Auftrag, die Digitalisierung des Medienmarktes in Großbritannien aufzubauen, was bedeutet, dass der staatliche Rundfunk mit seiner Apanage von beinahe vier Milliarden Euro jährlich in technische Infrastruktur und Know how investiert und davon auch die kommerzielle Konkurrenten profitieren.

Laufzeitfrist für Mediatheken

Die sehen das wohl auch in England nicht ganz so entspannt mit der Online-Expansion der British Broadcasting Corporation, wie Mister Thompson das erzählt, zumal die BBC 2007 über 40 Millionen Euro Verlust gemacht hat mit ihrer Website. Doch eines vergaß das "Heute-Journal" völlig: Man kann die Verhältnisse in Deutschland und im britischen Königreich nicht vergleichen - mit wenigen Ausnahmen.

Eine davon ist die Sieben-Tage-Frist für Aktuelles in den Mediatheken. Auch in England gibt es dieses Zeitfenster für die BBC-Mediathek, den iPlayer, worüber das Heute-Journal nicht informierte. Thompson kritisierte die geplante Fristsetzung in Deutschland und sagte, es wäre schlecht, wenn Dokumentationen über die Geschichte der Demokratie fehlen würden.

Genau die würden in der ARD- oder ZDF-Mediathek nie fehlen. Was gelöscht werden müsste nach einer Woche, könnte über den Regelweg der Beantragung wichtiger Bildungs- und Informationsprogramme dauerhaft eingestellt werden. Zum Beispiel der Oliver-Kahn-Abschied von Dienstagabend, ein denkwürdiger Moment des Sportes.

Dass ein Intendant für die Bewegungsfreiheit seines Senders im Internet kämpt, ist verständlich. Dass dafür das "Heute-Journal" instrumentalisiert wird, nicht. In der BBC wäre so ein Beitrag nie gelaufen.