Die Tür gleitet ins Schloss, während die Gäste weiter diskutieren. Draußen ist es nass, ein Zeitungsverkäufer steht frierend an der Ecke. Ich kaufe ihm keine Zeitung ab. Wozu auch? Morgen wird das Blatt, aktualisiert und mit weniger Rechtschreibfehlern, vor meiner Wohnungstür liegen. Ich habe keine Eile mit der Information. Lieber singe ich auf dem Heimweg meinen eigenen kleinen Lobgesang auf die Zeitung schlechthin.

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Zeitungen, trällere ich die erste Strophe in die Nacht, sind nur scheinbar altmodisch. In Wirklichkeit vereinen sie eine Vielzahl von Vorzügen, die sie gerade für den modernen, ungeduldigen, medienerfahrenen Menschen zu einer idealen Quelle von Information und Unterhaltung machen. Denn: Kein anderes Medium erlaubt es, sich so schnell und selbstbestimmt einen Überblick über das Tagesgeschehen zu verschaffen, dabei ganz nach Belieben Themen nur zu überfliegen oder aber genauer zu studieren; auch aus Gebieten, die einen nur schwach interessieren, vieles mitzukriegen, ohne dass man klicken oder eine Sendung zu Ende hören müsste.

Wann und wo es passt

Eine erstaunliche Anzahl von Bits und Bytes bahnt sich den Weg in den Kopf beim Durchblättern einer Zeitung. Zeitungen waren immer schon mobil, man liest sie, wann und wo es gerade passt, und kann die Lektüre jederzeit unterbrechen: Zeitungsleser sind frei und unabhängig!

Zeitungen, so beginnt meine zweite Strophe, sind übersichtlich und überraschend. Der Leser weiß, was er wo zu erwarten hat - und stößt plötzlich auf ein langes Seite-Drei-Stück über den letzten auf Schreibmaschinen spezialisierten Laden in Berlin.

Danach hätte er im Internet niemals gesucht, auch nicht Radio oder Fernsehen dafür angeschaltet. Aber jetzt nimmt er sich vielleicht die Zeit und genießt den süffigen Stil des Autors, der Autorin. Überhaupt, Sprache: Gute Zeitungen pflegen unterschiedliche Stile, Formen und damit Blicke auf die Welt. Zeitungsleser sind sprachverwöhnt!

Zeitungen halten zusammen

Und, dritte Strophe: Zeitungen bilden Gemeinschaften, über die Grenzen der Generationen und special interest groups hinweg. Sie bieten Anknüpfungspunkte, geistige Heimat, Gesprächsstoff für alle - gerade weil sie in ihrem Umfang begrenzt sind und man nicht endlos weiterklicken, -hören, schauen kann. Zeitungen halten Familien zusammen: Jeder kriegt einen Teil, der Kleinste die Kinderseite. Zeitungen sind wie Lebenspartner: Hat man sich für eine entschieden, gewöhnt man sich an sie mit allen ihren Macken.

Eine konsequent nicht-monogame Beziehung: Selbstverständlich holt sich der Zeitungsleser seine Bilder aus dem Fernsehen, hört im Auto Radio, sucht im Internet nach speziellen oder brandaktuellen Infos, selbstverständlich müssen die Zeitungsmacher sich der neuen Medienwelt anpassen, interaktiver, einladender, auch: demütiger werden. Aber: Gäbe es nur die anderen Medien, dann müsste die Zeitung dringend erfunden werden! Das ist meine Schlussnote.

Durch die Glasscheibe eines Cafés erkenne ich einen meiner nostalgischen Bekannten, den Kopf über die Zeitung gebeugt. Ich klopfe an die Scheibe, er blickt mich an, mit Augen, in denen noch ein Text hängt, leicht benommen und doch konzentriert, irgendwie glücklich. Wozu noch Zeitungen?, ist mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen, und der allerletzte: ist doch klar.

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