Workshops und Konzert Persönlichkeitsbildung

Jugendorchester-Festival im Werksviertel

Von Dirk Wagner

Es gibt die Überlegung, das Wort Person sei vom lateinischen Ausdruck "per sonare", also "durch klingen" abgeleitet. Demnach macht man eine Person an ihrer Stimme fest, die auch durch eine Maske hindurch klingt. Das Persönliche wäre also ihr Klang. Wenn man dem folgend nun die Wörter Person, persönlich und Persönlichkeit in Kontext setzt, ahnt man, welche Persönlichkeitsbildungen in der Tonhalle stattfinden, als junge Personen aus allen hier versammelten bayerischen Jugendorchestern und dem Tölzer Knabenchor zusammen mit der Human Beatbox Robeat die weltweit erste Konzertsinfonie für Beatbox und Orchester diesmal sogar mit Knabenchor aufführen: "Beatfire" von Jürgen Christ. Damit schließen die hier Vereinten das erste Jugendorchester-Festival "Auftakt!" der Jeunesses Musicales Bayern, auf dem die Mitwirkenden nicht nur mit großartigen Konzerten glänzten, sondern auch in Workshops ihre musikalischen Interessen vertieften.

In einem Workshop für Komposition spielte zum Beispiel jeder einen zufälligen Ton. Zunächst ein Heidenlärm, den die Teilnehmer sodann sortierten, erzählt der 16-jährige Violinist Lukas Bauer aus Sulzbach-Rosenberg. Seine Begeisterung bestätigt die These von Martina Taubenberger von der gastgebenden Whitebox: "Selbst wenn kein einziger Zuschauer käme, ist das Projekt schon erfolgreich." Nun sind Musiker aber auch geübte Zuhörer, weswegen jedes Orchester zumindest Mitglieder der anderen Formationen als interessiertes Publikum hat. Damit erscheinen deren Konzerte besser besucht als das Eröffnungskonzert am Vortag, zu dem die meisten noch nicht angereist waren.

Damit verpassten sie auch das geradezu übersinnliche Zusammenwirken des schwedischen O/Modernt Kammarorkester mit der gehörlosen Perkussionistin Evelyn Glennie. Um den Sound auch über die Vibration des Bodens zu erfahren, spielt Glennie barfuß. Die jungen Schweden folgen ihrem Beispiel und ziehen ebenfalls ihre Schuhe aus. Kontrabassist Jordi Carrasco Hjelm genießt es: "Wann zieht man denn die Schuhe aus? Das ist wie nach Hause kommen", sagt er nach dem Konzert, in dem das Kammerorchester mit Tschaikowskys Serenade für Streicher in C-Dur, op. 48 die Spannung auflöste, die Glennie in James Tenneys "Having Never Written a Note for Percussion" mit zwei Schlägel auf ein Tamtam aufgebaut hatte.

Ganz leise startet dieses Stück. So leise, dass man lange nur den immer lauter wirkenden Raumklang zu hören glaubt, sowie Geräusche von außerhalb und das eigene Atmen. Klänge, die man wahrnimmt, wenn man versucht, Stille zu hören. Das Tamtam dringt in diese Stille und überlagert sie bald. Obwohl Glennie nur den einen Gong spielt, glaubt man gar Kirchenglocken hinter einem lärmend rauschenden Elektrosmog zu vernehmen. Viele Zuschauer halten sich die Ohren zu, so laut gerät der Vortrag, bis er am Ende wieder in Stille mündet. Dann setzt Tschaikowsky ein. Als habe das Vorspiel die Sinne geschärft, wirkt dessen Serenade umso sinnlicher. "Als würde man nackt in einem See schwimmen", assoziiert später eine Mitarbeiterin der Whitebox.

"Es ist bedauerlich, dass so wenige melodische Kompositionen für Perkussionsinstrumente geschrieben werden", klagt die englische Komponistin Jill Jarman, deren "Mindstream" für Streicher, Marimba und Vibrafon auch zur Aufführung kommt. Obwohl es in vielen Teilen lässig improvisiert erscheint, ist das von Glennie in Auftrag gegebene Stück streng durchkomponiert. "Wir Percussion-Spieler haben leider keine Steinway-Marimba", sagt sie. Stattdessen probieren Perkussionisten gerne neue Instrumente aus. Das verunsichert Komponisten vielleicht.

Ilay, der mit sieben Jahren zu den jüngsten Zuschauern zählt, genießt indes Glennies Snare-Drum-Solo in "Prim" von Askell Masson, weil die Trommel mal laut und mal leise klingt. Seine fast 12-jährige Schwester Vanessa mag den Kontrabass ob seiner tiefen, manchmal gar brummigen Klangfarbe. Wo Festivals solche ersten musikalischen Interessen wecken, sind ihnen später auch neugierige und darum wohl aufgeschlossene Personen zu danken. Also wohlklingende Personen.