Werner Flume gestorben Feuerkopf senior

Der einzige deutsche Ordinarius, der in einer Zeitung schreiben konnte wann immer er wollte: Zum Tod des großen Juristen Werner Flume im 101. Lebensjahr.

Ein Nachruf von Heribert Prantl

Es gibt einen Traum, den viele ordentliche Universitätsprofessoren träumen. Sie träumen davon, nicht nur Fachbücher und Fachaufsätze zu schreiben, sondern Zeitungsartikel. Sie wollen, weil sie so viel wissen, ihr Wissen nicht nur der Fachwelt vorsetzen, sondern der ganzen Welt.

Dafür eignet sich die Zeitung. Aber dort sitzen Journalisten, die an der professoralen Darstellungsweise herummäkeln und wiederum von sich selbst glauben, dass sie alles noch viel besser wissen als die Professoren.

Der einzige deutsche Ordinarius, der in einer Zeitung schreiben konnte wann immer er wollte (und er wollte oft), war Werner Flume - Professor für Römisches Recht, Bürgerliches Recht, Steuerrecht und Rechtsgeschichte, von 1949 bis 1953 in Göttingen, dann in Bonn.

Er war ein Großmeister seines Faches, ein juristischer Entdecker, ein klassischer Liberaler, ein Feuerkopf - und das nicht nur, wenn er seine legendären Vorlesungen hielt. Die 68er Jurastudenten mochte er nicht und sie ihn auch nicht, aber weder sie noch die nachfolgenden Semester kamen ohne Flume aus, wenn sie selbständiges juristisches Denken lernen wollen.

Werner Flume hat die Kraft des römischen Rechts wiederentdeckt, aus dessen Geist das Zivilrecht interpretiert und das Steuerrecht systematisiert.

Sein dreibändiges Lehrbuch zum Allgemeinen Teil des Bürgerliches Rechts ist ein Klassiker, der Band "Das Rechtsgeschäft" stammt zwar von 1965, ist aber immer noch eine juristische Denkschule sondergleichen. Wer die juristische Kraft der "anderen Meinung" kennenlernen will, der lese dieses Buch.

Flume war der Meister der "anderen Meinung", also der juristischen Positionen, die von den Urteilen der Gerichte abweichen. In vielen Fragen, in denen er lange Zeit (nur von den Juristen der Anfängersemester belächelt) Minderheitsmeinungen vertrat, hat er sich durchgesetzt - oft erst, als er schon lange im Ruhestand war.

Hier Flume! Getretener Quark wird breit. Nicht stark!

Aber mit diesen wunderbaren Gaben ist noch nicht erklärt, warum Werner Flume jahrzehntelang jederzeit in einer Tageszeitung schreiben durfte. Seine Zeitung war das Handelsblatt, er hat dieses Blatt geprägt - mindestens so, wie heute Helmut Schmidt die Wochenzeitung Die Zeit prägt.

Das kam so: Flume brach 1932/33 seine wissenschaftliche Laufbahn ab, wurde Syndikusanwalt und der juristische Berater und Freund von Friedrich Vogel, dem späteren Verleger des Handelsblattes.

Er bestimmte, so hieß es dort zum hundertsten Geburtstags Flumes, "weitgehend den Charakter der Zeitung". Flume war nicht nur der Souffleur des Verlegers, sondern auch respektierter Zensor der Zeitung.

Hans Mundorf, bis 1994 Handelsblatt-Chefredakteur, erinnert sich an ein Erlebnis als junger Redakteur, als er einen eher populistischen Leitartikel zur Steuerreform geschrieben hatte. Am Erscheinungstag klingelte das Telefon: "Hier Flume! Getretener Quark wird breit, nicht stark! Guten Tag!"

Werner Flume ist am Mittwoch, wenige Monate nach seinem hundertsten Geburtstag, in Bonn gestorben.