Werber in der Krise Schön uncool

Die Geschichte von Carlos Obers kennen die wenigsten. Dabei wohnt Obers nur vier Kilometer Luftlinie von "Scholz & Friends Berlin" entfernt, an der Grenze von Kreuzberg und Mitte, wo es sich wie Niemandsland anfühlt. In einem Hochhaus hat Obers sich auf zwei Etagen sein Leben eingerichtet. Unten steht ein langer, weißlackierter Tisch mit vielen Stühlen, daneben deckenhohe Regale mit Kunstbänden. An der Wand lehnt ein Aluminium-Rad, an einem Schreibtisch macht eine Assistentin mit Headphone irgendwelche Termine aus.

Gummibären und Waschmittelmarken

Der Raum wirkt wie die Simulation einer Agentur. Es ist ja auch eine Agentur. Nur werden hier eben keine Gummibären oder Waschmittelmarken verkauft. Tatsächlich betreibt Obers hier unter dem Namen "Greta Brentano" eine Escort-Agentur.

Obers ist einer dieser typischen Quereinsteiger der goldenen Jahre. Er begann in Frankfurt als Buchhändler, wurde dann Werbeleiter des Piper-Verlags und sattelte schließlich um, zum Werbetexter bei der GGK. Er betextete Kampagnen von Siemens, IBM oder der Vogue. Bis vor zehn Jahren war er Sprecher des ADCs. Bis vor ein paar Jahren arbeitete er beratend für die Münchner Agentur Serviceplan an Kampagnen für Strellson oder Comma.

Keine Callgirls

Obers ist außerdem die Art Mann, der in den 80er Jahren von der Werbung als Ideal propagiert wurde: trainierter Oberkörper, drei-Tage-Stoppeln am Kinn, Augen in Brutalblau. Seine Stimme ist tief, gewinnend. Was der ehemalige Texter in wohlgesetzten Worten erzählt, ist eine Mischung aus faszinierender Lebensgeschichte, anrührendem Schicksal und moralischer Resignation.

Die Frauen, die er vermittelt, seien, ganz wichtig, keine Callgirls. Sie seien Musen, Hetären wie die des klassischen Altertums, die kultiviert Männer unterhielten. Wie nur ist er überhaupt in dieses Business gerutscht?

Eine Ex-Freundin habe ihn angesprochen, sie wollte Nobel-Callgirl werden und brauchte einen Internetauftritt. Obers gab, "damit sich das Ganze lohnte", Anzeigen in Stadtmagazinen auf. Mit Wortlauten wie: "Ein Mann, der Sie wirklich begehrt, bezahlt Sie nicht mit schönen Worten." Er ließ die geeigneten Bewerberinnen so fotografieren, wie er es in der Werbung gelernt hatte: über Art-Deco-Kinostuhlreihen drapiert, schmeichelhaft ausgeleuchtet, sepiafarben eingefärbt. Er gab diesen Frauen Namen von Dichtern wie "Sharon Novalis" oder "Lu Wedekind" und ließ eine Webpage bauen, auf der er sie im süffigen Jargon anpries: als gebildete, charmante Golfspielerinnen. Die, wie man dann unter der Rubrik "Mein Service" erfährt, eben auch "Golden Shower" lieben.

Superlativ produzierende Zehnkämpfer

Ist er nicht, klar gesagt: ein Zuhälter?

Aber nein, er sei ja der Auftragnehmer, nicht der Auftraggeber. Er helfe nur bei der Vermittlungsarbeit und warte die Webpage, dafür beziehe er halt Provision. Die Frauen seien hauptberuflich Akademikerinnen und Künstlerinnen, sie könnten sich nur eben gar nichts Schöneres vorstellen, als ihren Highclasskunden im Hotel de Rome, Ritz oder Adlon jeden Wunsch von den Augen abzulesen.

Obers ist wahrscheinlich nicht mal unehrlich. Er sagt das, woran er glauben muss. Als seine Dienste bei seiner letzten Agentur Serviceplan nicht mehr gebraucht wurden, hatte er nicht genug Geld, um sich zur Ruhe zu setzen. Er wird dieses Jahr 69, er ist topfit. Und er hat große Angst davor, immer älter zu werden und nichts zu essen zu haben.

Abseits des Wahnsinns

Es ist, als habe in den letzten Jahren die Branche eine Schleife gemacht. Und dabei die ausgespuckt, die der krisengeschüttelten Realität nicht mehr standhalten. Während amerikanische Serien wie "Mad Men" die selbstverliebten Anfänge der amerikanischen Werbung schon wieder mythologisieren, ist die Werbung in Deutschland wieder primär Dienstleistungsunternehmen, auf einem viel höheren, professionalisierteren Niveau als in den 60er, 70er Jahren. Wenn Sebastian Turner der Vorbote dieser neuen Zeit war, sind Menschen wie Karen Heumann, die Superstrategin von "Jung von Matt" ist und bereits mit 39 in den Vorstand aufrückte, die neuen Prototypen: dreifach studierte, betriebswirtschaftlich und kreativ versierte und auch ansonsten: Superlativ produzierende Zehnkämpfer.

Das Interessante ist: Vielleicht wird Norbert Herold erneut von der veränderten Situation profitieren. Vor einem Jahr haben Heye und Partner ihn in Rente geschickt, der ADC hat ihn für sein Lebenswerk ausgezeichnet - aber als Freiberufler und Berater arbeiten will und muss Herold trotzdem weiterhin, denn es kostet eben etwas, abseits vom Wahnsinn zu wohnen. Neulich sei ein junger Kollege auf ihn zugekommen und habe gesagt: Norbert, wir brauchen dich, deine Erfahrung. Man müsse demnächst über Projekte sprechen. Mal ausharren und abwarten, was draus wird.