Weltuntergang Tag des Posaunenklangs

Johannes Fried hat mit Verve eine detaillierte Geschichte des Weltuntergangs geschrieben, mit den Top-Denkern von Descartes bis Newton. Nostradamus ist nur Nebenfigur, der bayerische Mühlhiasl bleibt draußen.

Von Rudolf Neumaier

Im Glaubensbekenntnis der katholischen Kirche, dem Credo, ist am Ende vom ewigen Leben die Rede und weiter vorne von Christus, der kommen wird "zu richten die Lebenden und die Toten". Nur an dieser Stelle kann man das dezent versteckte Grauen heraushören, das den Leser im Titel von Johannes Frieds Geschichte der Apokalypse frontal anschreit: "Dies irae" - der Tag des Zorns. Jener Tag, an dem "laut wird die Posaune klingen, durch der Erde Gräber dringen, alle hin zum Throne zwingen".

Wenn nicht mehr das gesamte Christentum, so doch immer noch die katholische Sektion glaubt laut ihrem Katechismus an ein "Ende der Welt", obgleich die kirchliche Dogmatik die Bibel ausnahmsweise weich spült und die Johannes-Offenbarung keinesfalls mehr als "Voraussage kosmischer Ereignisse" sehen will. In der Offenbarung des Johannes Fried klingt am Ende ein Staunen durch, vielleicht sogar Enttäuschung: Der Glaube an den Weltuntergang ist selbst untergegangen. Wer heute vom Ende des Planeten Erde spricht, kommt in aller Regel aus den der Theologie so fernen Naturwissenschaften. Ist die Geschichte jetzt wirklich am Ende? Apokalyptischer Reiter, ick hör dir trapsen.

Johannes Fried, Jahrgang 1942, hat in Frankfurt Mittelalterliche Geschichte gelehrt und offenbar seit Jahrzehnten einen Zettelkasten zum Thema Apokalypse kultiviert. Für die Verve, mit der er ihn nun ausgeschlachtet und verwertet hat, hätte er erneut eine Auszeichnung für wissenschaftliche Prosa verdient, wie er sie bereits vor zehn Jahren mit dem Sigmund-Freud-Preis erhielt.

Nostradamus ist bei ihm nur eine Randfigur, und Endzeitschwadroneure wie der bayerische Wahrsager Mühlhiasl kommen bei Fried ebenso wenig vor wie Berichte über düstere Marienerscheinungen. Fried beschäftigt sich vielmehr mit Kapazitäten, die im eschatologischen Diskurs der vergangenen Jahrhunderte satisfaktionsfähig waren. Mit Gelehrten wie dem franziskanischen Philosophen Wilhelm von Ockham und Nikolaus von Kues sowie mit René Descartes und Isaac Newton.

Seit den Anfängen der Christenheit schwelte die Weltuntergangserwartung. "Wellen gleich schlug sie bald höher, bald weniger hoch, bald stürmischer, bald sanfter durch die Seele der Gläubigen und ließ sie handeln, Werke der Buße verrichten", schreibt Fried. Stets hing die Apokalypse mit dem Erwarten des Antichrist zusammen: Im Jahr 1578 etwa machte Fried vier Zeitungen aus, die berichteten, in Babylon sei der Antichrist geboren worden. An manchen Stellen vermitteln Frieds Quellen den Eindruck, die Angst vorm Jüngsten Tag und dem letzten Gericht sei der wichtigste Antriebsmotor des christlichen Wohlfahrtswesens gewesen. Die Geschichte ließ sich zwiefach erzählen: Entweder schürten Prediger Angst, riefen zur allgemeinen Demut auf und festigten dadurch hergebrachte Hierarchien. Oder sie erschütterten diese Hierarchien, indem sie wie Jan Hus und Savonarola in Klerikern den Antichrist sahen, gegen den vorzugehen sei. Hus wurde verbrannt, Savonarola gehängt.

All die Untergangs-Beschwörungen landeten zum Glück "im Säurebad der Aufklärung". Und heute fragt man sich, ob für eine Apokalypse die Erdkugel verbrennen muss, oder ob's reicht, wenn aus einer Dystopie wie Huxleys "Schöne neue Welt" Wirklichkeit wird.

Johannes Fried: Dies Irae. Eine Geschichte des Weltuntergangs. Verlag C. H. Beck, München 2016. 352 Seiten, 26,95 Euro. E-Book 21,99 Euro.