Volksseuche Folk-Musik Klangmolke aus dem Mittelalter

2006 war in der Popmusik das Jahr des Neo-Tudor. Wie das klingt? Wie handgeklöppelter Folk für Friedensbewegte. Das Schlimme ist: So könnte sich die Zukunft des Pop anhören.

Von Karl Bruckmaier

Wenn die Kollegen aus der Zukunft dereinst eine auf fünfzig Folgen angelegte SZ-Edition mit den eintausend besten Songs der Jahre 2005 bis 2054 zusammenstellen, wird das Jahr unserer Gegenwart, wird 2006 einen eher blassen Band hergeben:

Joanna Newsom

Joanna Newsom beim Durchschreiten einer ihrer Klanglandschaften, mit Baum, Blumenbluse und gut dressiertem Hund.

(Foto: Foto: Billions)

Madonnas Krampfadern-Pop werden wir hören müssen, Justin Timberlake in all seiner Unbeholfenheit, den Hausfrauentröster Robbie Williams natürlich, die lustigen Gnarls Barkley, die schwülen Scissor Sisters als Novelty Act - und Joanna Newsom wird unter den Auserwählten sein, die damals 24-jährige Ikone des Neo-Folk.

Joanna, heilig gesprochen von allen Pop-Päpsten. Joanna, (selbst-)stilisiert zur Gioconda des Folk. Joanna mit der Harfe. Und nie wird vergessen, auf die drei Erzengel Steve Albini, Jim O'Rourke und Van Dyke Parks mit ihren sonnenwindgegerbten Gesichtern voller Weisheit und Güte zu verweisen, die ihr zur Seite standen bei der Erschaffung ihres Album-Kleinods "Ys", die ihr heftig ins Ohr zischflüsterten, was zu tun und was zu lassen sei - aber sich damit eigentlich nur in den Glanz des höchsten Guts drängelten, das Pop kennt, nämlich: Jugend.

Gitarre mit Puffärmel

Denn es ist trotz des bejahrten Sting' und seinem Album mit der Lautenmusik eines John Dowland, trotz der "11 Songs aus teutschen Landen" der angegrauten deutschen Improvisationsmusik-Elite um Ulrich Gumpert so, dass es gerade die Jugend des Jahres 2006 ist, die sich gewissermaßen in musikalischen Strumpfhosen präsentiert, also so tut, als säße die erste und nicht die zweite Elisabeth auf Englands Thron, als trage man Pluderhosen und Puffärmel, als schreite man beim Tanz taktgenau im Kreise.

Als schlage man überall die Laute und die Harfe, wo sich rauschebärtige, fein blässliche, also vorwiegend weißhäutige Hippiekinder zusammentun, um Musik zu machen, während ringsum der Krieg gegen den Terror und alle, die keine Amis sind, durch die Welt tobt, musikalisch angetrieben von Hip-Hop, zu dessen Beats sich übergewichtige Gangster-Darsteller und ein Heer afroamerikanischer Unterwäschemodels drängeln, die alle in Treue fest die Republikaner wählen und Hummer fahren - während Europas Kritiker zum Pop-Himmel flehen, all diese Äußerungen der Selbsterniedrigung und Prostitution seien doch bitte eigentlich nur Akte emanzipierter Subjekte in einem postmodern elaborierten Spiel.

Da tut sich also ein feiner, kleiner Riss auf, vordergründig wieder einmal zwischen den Rassen, in Wahrheit aber wie meistens zwischen den Klassen: Hip-Hop als Sound für die Doofen, die Prekären, die Privatfernsehsklaven dieser Welt; dagegen Neo-Folk, Anti-Folk und all dieses Tudor-Getue, das noch keinen eigenen Markennamen trägt - noch nicht- für die Kinder aus gutem Haus, einigermaßen belesen, halbgebildet und durchaus nicht abgeneigt, während eines Freisemesters mal was richtig Ausgeflipptes zu unternehmen wie etwa einen Joint zu rauchen.

Soundtrack der kulturellen Restauration

So wie die an den amerikanischen Universitäten beheimateten Folk-Revivalisten der späten Fünfziger und frühen Sechziger Jahre die Quasi-Unschuld von Blues, Bluegrass oder den religiösen Hymnen des US-Südens entdeckten und in eine neue Popmusik umdeuteten, so scheinen sich ihre Enkel nach kurzem Interesse am selben Quellenmaterial nun das England der Tudors erwählt zu haben als Projektionsfläche für ihren neuen Akademiker-Pop.

Auf den zweiten Blick ist es verständlich, dass sowohl alternde Popkritiker wie auch vom ewig gleichen Indie-Rock angeödete Youngster zur Schalmei greifen: Pop ist eine zyklische Branche, da war die Rückkehr des Feinsinnigen lange überfällig.

Gottseidank ist es aber nicht nur Joanna Newsom - die allerdings wegen ihres weltumspannenden Erfolgs stilprägend werden dürfte -, die den neuen Tudor-Sound repräsentiert, der wie geschaffen scheint, einer Zeit der kulturellen Restauration einen leicht konsumierbaren und vordergründig anspruchsvollen Klang zu verleihen: als kulinarisches Hintergrundrauschen zu einem apokalyptischen Gesellschaftsszenario.

Doch vermag dieses Hintergrundgeräusch durchaus noch mächtig anzuschwellen und die wahre Pop-Tradition, die auch den Schmutz kennt und den Dreck, zu repräsentieren: Wo bei der Heiligen Joanna das CD-Booklet einen Goldschnitt verpasst bekommt, um die bürgerlich-bibliophile Attitüde dieser Rotweintrinkermusik auf die Spitze zu treiben, trieft andernorts doch noch kräftiges Blutrot aus den Plattencovern und CD-Hüllen und verschreckt zartere Gemüter mit derben Geschichten und ebenso derbem Feedbacklärm an der richtigen Stelle.

Vom tatsächlichen Ende der Welt melden sich etwa The Drones aus Tasmanien, die neben heftigem Rockdröhnen eben auch diese dezidierten Folk-Passagen aufweisen, die allerdings von marodierenden Sträflingen und kannibalischen Massenmördern aus der australischen Gründerzeit bevölkert sind.

Elektronik mit Drehleier

Stichwort Dröhnen: Auch die Psychedeliker Oneida aus Brooklyn scheinen mit ihrem aktuellen Album "Happy New Year" in einer elektrifizierten Version der Ära Heinrich VIII. angekommen zu sein: Nicht ungefährlich für selbsternannte Großstadtindianer.

Wir psychedelisch interessierten Hörer müssen auch noch den Eintopf aus Pilzen und geheimnisvollem Puderzeugs auslöffeln, dessen Wirkung man braucht, um einem ebenfalls tudoresken Rock-Opus wie "Ticket Crystals" zu erliegen, das Bardo Pond, eigentlich Dröhn-Propheten der unversöhnlichsten Sorte, angerührt haben. Das kriegt Joanna zu hören, wenn ihre Zeit im Kerker gekommen ist.

Dortselbst, in einer Zelle neben Thomas Morus, sitzt Alexander Tucker für das Album "Furrowed Brow" ein; sein Verbrechen: unerlaubtes Zitieren fünfhundert Jahre alter Intonationsweisen. Zu mählichem Dröhnen. Eher in eine Newsom-ähnliche Kerbe schlagen Espers aus Philadelphia, deren Album "II" sich anhört wie Pentangle mit schwerer Migräne.

Und es werden immer mehr mit dieser neuen Volksseuche infiziert, die zu Schreittanz und zum Tragen weiter Leinenkleider führt: Tunng schreiben sich ein paar junge Engländer, die Elektronik und Folk charmant verklöppeln; hinter Dungen verbirgt sich ein blonder Schwede mit wilden Musikphantasien, die auch Drehleier und Brummtopf mit einschließen; auch New Yorks CocoRosie scheinen sich zum Schnürmieder bekehrt zu haben und der Kreis schließt sich, wenn Hal Willner, der Spezialist für Trend-Compilations, sich ein Auge aussticht, ein Bein abhackt und eine Doppel-CD mit alten Seeräuberballaden einspielen lässt: "Rogue's Gallery".

Scheingebildete Drohgebärde

Aus dem ersten studentischen Folk-Revival haben sich im Lauf der Jahre die Singer/Songwriter herausgemendelt, die auf Jahrzehnte den Ton angaben in Sachen Pop für die gehobenen Stände. Und die, bei aller Kritik, eben auch eine Art politisch-moralischer Instanz darstellten.

Was Joanna Newsom, die eigentlich für eine Art ungefährlicher Avantgarde stehen muss, für eine Kunst, die keine Anstrengung verlangt, und was die gesamte, sich noch ungezähmt und ungezügelt gebende Tudor-Bande für die Fortschreibung der Popgeschichte bedeuten, werden mit letzter Sicherheit erst die Kollegen des Jahres 2054 beurteilen können; denen bleiben schließlich auch noch gut vier Jahrzehnte zum Nachdenken.

Wir Zeitgenossen müssen das Phänomen annehmen als unerwartete Chance, als uneingelöstes Versprechen, auch als scheingebildete Drohgebärde in Zeiten der Entzweiung und Verrohung.