Verleger Heinz Bauer Also spricht das Phantom

Hier regiert die Großfamilie: Der äußerst pressescheue Verleger Heinz Bauer gibt ein Interview - keine ganz gewöhnliche Geschichte.

Von Hans-Jürgen Jakobs

Er hat geredet und tatsächlich ein langes Interview gegeben - jener Hamburger Großverleger, über den es bisher vor allem Anekdoten gab. Wie er einst im VW Käfer heimlich zur BWL-Vorlesung an der Hamburger Uni fuhr, mittels eines Casio-Taschenrechners schnell zu kalkulieren pflegt oder in den Weihnachtsferien zuhause die Abo-Bestellungen der Redaktionen kontrolliert. Einige Monate vor seinem 70. Geburtstag macht sich Heinz Bauer gewissermaßen selbst vorab ein Geburtstagsgeschenk und plaudert im Spiegel über Geschäfte, Gewohnheiten und Gewöhnliches.

Also spricht das Phantom: "Billigheimer ist doch bloß ein Schlagwort, um unseren Erfolg herunterzureden." Oder "Mäzenatentum ist nicht mein Ding." Phasenweise wirkt das Interview, als würde ein Fragenkatalog zur Vorbereitung einer Enthüllungsstory über einen Verlegerclan abgearbeitet - ganz nach dem Motto: "Eine schrecklich nette Familie".

Und, tatsächlich: So hieß eine fertige Spiegel-Geschichte, die am 27. Mai, kurz vor Redaktionsschluss der Pfingst-Ausgabe, aus dem Heft flog. Es soll an diesem Tag ein Telefonat zwischen Bauer-Sprecher Andreas Fritzenkötter und Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo gegeben haben, in dem ein Exklusiv-Interview fixiert wurde. Immerhin befragte die Autorin zusammen mit Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron den chronisch pressescheuen Verleger.

Dem Familienbetrieb des Heinz Bauer macht ein Generationenwechsel zu schaffen. Der Umsatz (2008: 1,79 Milliarden Euro) des Bauer Verlages mit vielen preisgünstigen Unterhaltungsgazetten stagniert, ein unbändiger Spartrieb muss Rendite sichern, und die interne Kultur ändert sich radikal: Der Clan der Bauers mit Verlegersgattin Gudrun, 65, vier Töchtern und einem Schwiegersohn ist überall dabei. Mit Günter Sell, 66, verlässt der letzte Exponent einer starken Managergilde das Haus.

Soviel Familiensinn gibt es bei keinem anderen deutschen Medienriesen. Von den sechs Kindern des Bertelsmann-Patrons Reinhard Mohn ist beispielsweise nur Tochter Brigitte sehr aktiv; Sohn Christoph hat sich nach dem Flop des Online-Portals Lycos Europe beschränken müssen. Bei Axel Springer sind die leibhaftigen Kinder des Verlegers abgefunden, zwei Enkel spielen jene bescheidene Rolle, die ihnen Haupterbin Friede Springer lässt. Und die zwei Kinder des Münchner Bunte-Verlegers Hubert Burda sind für die Verantwortung noch zu jung.

Bei den Bauers ist alles anders. Hier regiert die Großfamilie. Gleich sieben Mitglieder sind in leitenden Funktionen aktiv. Einmal im Jahr zeigt sich die fidele Gemeinschaft: auf der eigenen Gala zur Verleihung der Goldenen Feder. Selbst der knochentrockene Patriarch ist hier vor Tanzattacken seiner Frau nicht sicher. Doch wenn die Musik verklungen ist, heißt es wieder: Schluss mit lustig. Mit aller Macht regiert die Dynastie einen Verlag, der als Weltmeister im Drucken und Drücken gilt, als Discounter unter Deutschlands Pressehäusern. TV Movie, Maxi oder Tina gehören unter den 282 Objekten in 15 Ländern zum besseren Inventar eines Verlages, der in den USA etabliert ist, in Polen feine Geschäfte macht und in Großbritannien stark wächst. Auch eine Tageszeitung (Magdeburger Volksstimme) gehört dazu.

Vergangene Woche wurde Yvonne Bauer, 32, in die oberste Geschäftsleitung der Bauer Media Group befördert - ein Zeichen für die Vorbereitung des Erbfalls, auch wenn Heinz Bauer erklärt, er wisse nicht, wann er keine Lust mehr habe und wann er nicht mehr fit genug sei. Yvonne Bauer gilt als die härteste der Bauer-Sisters. Sie hat sich aus Sicht des Seniors in der Aufarbeitung einer unappetitlichen Affäre hervorgetan: Eine Drückerkolonne hatte im Zusammenspiel mit Bauer-Vertriebsleuten den Verlag um einige Millionen erleichtert. Das flog vor fast drei Jahren auf und bestärkte den Altverleger in seinem Misstrauen, alle wollten nur sein Bestes: sein Geld. Die Tochter griff durch. Vor Wochen feuerte sie überraschend ihre Assistentin und teilte in einer Mail an einige Geschäftsführer mit, ein solcher Posten sei "aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr haltbar".

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wie sich das Töchter-Quartett im Bauer-Verlag schlägt.