USA: Aktion "saubere" Sprache Heiliges F-Wort!

Zum ersten Mal seit dreißig Jahren soll das höchste Gericht der Vereinigten Staaten wieder über die Sauberkeit öffentlicher Sprache entscheiden. Auf dem Prüfstand steht ein sehr beliebter Ausdruck.

Von J. Schloemann

Der von Marcel Reich-Ranicki völlig zu Unrecht mit Atze Schröder verwechselte Komiker Helge Schneider stand einmal zu Beginn eines seiner Live-Programme auf der Bühne, blickte ins Publikum und sagte: "Ich sehe, es sind auch Kinder hier. Das ist schön. Aber in der zweiten Hälfte sind die bitte weg. Denn da sage ich einmal 'Sack'!"

Was für eine schöne Ironisierung der eigenen Wortkunst sowie der sittlichen Gefährdung durch dieselbe. Denn in der Tat nutzt Helge Schneider immer wieder den Effekt skatologischen Vokabulars, das noch unanständiger ist als "Sack". Aber der Entertainer erzielt die pennälerhaft-entwaffnende Wirkung dieser Passagen in der Regel nur, weil sie so vereinzelt, so überraschend in einem ziemlich schmutzfreien Gemisch von intelligentem Witz, Parodie des Alltagslebens und Nonsense auftauchen. Wie die Dosierung ausfällt, entscheidet darüber, wie gelungen dieser oder jener die Show des Komikers findet; es ist eine Frage des Geschmacks, nicht des Verbots.

Die seelische Entwicklung

Das kann man aber auch anders handhaben. Nicht darüber, ob man ein einziges Mal "Sack", sondern darüber, ob man ein einziges Mal "fuck" sagen darf, ist nämlich in den USA gerade ein Verfahren vor dem Supreme Court anhängig. Zum ersten Mal seit dreißig Jahren wird das höchste Gericht der Vereinigten Staaten wieder über die Sauberkeit öffentlicher Sprache entscheiden.

Im Jahr 1978 hatte der Supreme Court geurteilt, dass die TV-Ausstrahlung der Schimpfwort-Kaskade "Filthy Words" des Komikers George Carlin nicht unbedingt von der im ersten Verfassungszusatz garantierten Meinungsfreiheit gedeckt sei; die Sendung solcher Programme in Radio und Fernsehen dürfe unterbunden werden, wenn die Gefahr bestehe, dass Kinder und Jugendliche unanständiger Sprache ausgesetzt werden, die ihre seelische und moralische Entwicklung gefährde.

Die zuständige Kontrollbehörde, die Federal Communications Commission (FCC), hat diese Vorgabe seitdem recht liberal gehandhabt, jedenfalls dann, wenn ein schmutziges Wort einem Sprecher eher singulär herausgerutscht ist. Diese Praxis wurde auch dann im wesentlichen beibehalten, als der Gangsta Hip Hop in den achtziger Jahren Anstoß erregte, auf Initiative der Ehefrau von Al Gore der Warnhinweis "Parental Advisory: Explicit Lyrics" auf CDs geklebt und im übrigen jedes böse Wort von den US-Medien selbst mit vorauseilendem Puritanismus durch einen Piepton ersetzt wurde.

So durfte etwa der Sänger Bono bei der Verleihung der Golden Globes 2003 "This is really, really fucking brilliant" sagen: Die FCC maßregelte den ausstrahlenden Sender nicht, weil Bono "fucking" nicht verwendet habe, um "sexuelle oder Ausscheidungs-Organe oder -Aktivititäten" zu beschreiben, sondern bloß als Mittel der Emphase. "Fleeting expletives" ("flüchtige Kraftausdrücke") ist der hübsche Name für diese Fälle.

Verderbliche Kopulation

Doch die FCC wurde unter George W. Bush konservativer, die Gangart härter. 2006 rügte die Behörde den Sender Fox, weil dort bei den Billboard Music Awards in den Jahren 2002 und 2003 die Sängerin Cher und die Reality-Schauspielerin Nicole Richie "fuck" beziehungsweise "shit" und "fucking" gesagt haben. Nachdem ein New Yorker Appellationsgericht dieses Vorgehen 2007 für "willkürlich" erklärt hatte, riefen die Sittenwächter den Supreme Court an.

Ausgerechnet am Tag der Präsidentenwahl, am 4. November, wird die erste mündliche Verhandlung stattfinden. Man könnte meinen, dass Amerika an diesem Tag Wichtigeres zu entscheiden habe; aber die Wahlhelfer, ja Millionen von Wählern des unterlegenen Kandidaten werden wohl an diesem Tag das F-Wort oder das S-Wort so oft ausrufen, wie es die Wallstreet-Broker in den letzten Wochen getan haben, und den Fernsehsendern wird sich auch an diesem Tag die Frage stellen, ob sie diese Ausrufe dokumentieren dürfen oder nicht.

Es geht also nicht darum, die Sprache generell der Verrohung preiszugeben, es geht um die Liberalität der amerikanischen Öffentlichkeit. Selbst frühere FCC-Mitglieder kritisieren den Rechtsstreit gegen Fox Television als "viktorianischen Kreuzzug".

Soeben hat sich der bekannte Linguist Steven Pinker eingeschaltet. Im Atlantic Monthly erinnert Pinker daran, dass unsere Schimpfwörter zwar den Vorstellungswelten von Scham, Magie, Religion und Tabu entstammen - dazu gibt es eine eigene Wissenschaft, die Malediktologie -, dass sie aber ihre ursprüngliche Bedeutung eben oft abgelegt haben. "Fuck you!" habe, obgleich grammatisch und semantisch unsinnig, Flüche wie "Damn you!" ersetzt, weil die Profanierung religiöser Inhalte ihre Kraft verloren habe.

Zudem verwahrt sich Steven Pinker dagegen, dass der Bundesanwalt des Justizministeriums, der Solicitor General, zur Unterstützung der strengen Position der Kontrollbehörde ausgerechnet aus seinem, Pinkers, letztem Buch zitiert habe. Aus seiner Bemerkung, dass unfeine Wörter (natürlich) je nach Kontext auch beleidigend sein könnten, dürfe nicht seine Ansicht geschlossen werden, dass jedes exklamierte "fucking" direkt in die verderbliche Kopulation führe. Zur Beförderung der Zensur, so Pinker, stehe er als Sprachwissenschaftler nicht zur Verfügung.

Es ist zu hoffen, dass die Bundesrichter es nach ihrem Studium der Schimpfwortforschung genauso sehen werden.

Traumberuf Anglizist: "That's fein!"

mehr...