Tutzinger Brahmstage Unaufdringlich eigenwillig

Von Gerhard Summer, Tutzing

Das Licht eines Sommers ist nicht so einfach einzufangen, aber es geht schon, wenn man sich anstrengt. Was der Maus "Frederick" in Leo Lionnis Kinderbuch gelungen ist, versucht auch eine Gemeinde am Starnberger See mit ihren Brahmstagen: Tutzing hält die Erinnerung an eine Sommerfrische wach, die der damals schon berühmte Komponist aus Hamburg 1873 in dem Ort verbrachte. Johannes Brahms kam Mitte Mai, nahm in der Villa Amtmann Quartier und muss sich dort pudelwohl gefühlt haben. War doch das Haus vorwiegend mit englischen Fräuleins besetzt, die ihn vergötterten. Er blieb bis zum Frühherbst, das Dorf hatte es ihm angetan, doch er kam kein zweites Mal.

Man könnte es auch so sehen: Tutzing sonnt sich im Glanze einer zufälligen Sommerfrische. Aber warum nicht, wenn ein so eigenwilliges Musikfestival dabei herauskommt? Und tatsächlich haben diese Brahmstage eine eigene Note, einen eigenen Duft, doch beides ist eher unaufdringlich. Auf den ersten Blick unterscheidet sich dieses Festival nicht so sehr von anderen: Natürlich, die Musiker sind handverlesen, etliche von ihnen kommen immer wieder. Sicher, der künstlerische Leiter Christian Lange und Mitorganisator Thomas Zagel haben ein Händchen für Talente, die auf dem Sprung zur großen Karriere sind; der Pianist Florian Uhlig etwa spielte schon in Tutzing, als noch die wenigsten etwas mit seinem Namen anfangen konnten. Und ja, die meisten der heuer fünf Konzertprogramme sind konservativ: Musik, die sich im Wesentlichen im Dreieck zwischen Brahms, seinem Förderer Robert Schumann ("Das ist ein Berufener") und seinem ewigen Vorbild Franz Schubert bewegt.

Aber Lange, Zagel und Cheforganisatorin Gisela Aigner haben auch Sinn für Experimente: "Brahms meets Jazz" ist eine Konzertserie, die hierzulande einmalig sein dürfte. Geiger Max Grosch und sein Quartett auf der einen Seite, das klassische Diogenes Quartett auf der anderen - das ist fast so wie die Schlacht, die sich Deep Purple im Jahr 1969 mit dem Royal Philharmonic Orchestra lieferten. Denn auch hier kommt es auf die Gegensätze und die Verwandlung der Brahmschen Motive und Themen an, die Grosch und seine Band nach allen Regeln der Kunst zerlegen.

Heuer kommt noch eine Extravaganz dazu, ein literarischer Spaziergang. Brahms war Literaturkenner, E.T.A. Hoffmann, Jean Paul, Novalis und Schiller gehörten zu seinen Lieblingen. Bei der Lesung mit BR-Sprecher Christian Jungwirth wird es ums "Göttliche und Dämonische" gehen, so die Ankündigung.

18. Tutzinger Brahmstage, 11. bis 25. Oktober, Infos unter www.tutzinger-brahmstage.de