Tom Hayden über Gangs und Ghettos "Sonst hört der Wahnsinn nie auf"

"Geld für Gerechtigkeit, nicht für Gefängnisse", fordert der Aktivist Tom Hayden. Anders als durch Sozialisierung von Gang-Mitgliedern könne man die Gewalt in den Ghettos nicht besiegen.

Interview: Jonathan Fischer

Die Krise der amerikanischen Ghettos dramatisiert sich seit Jahrzehnten. Seit 1980 sind bei den Kämpfen der Street Gangs in den Ghettos der amerikanischen Großstädte über 25 000 Menschen ums Leben gekommen. Aktivisten wie Tom Hayden vergleichen die auf mehrere Hunderttausend geschätzten Gangmitglieder mit traumatisierten Kriegsveteranen. In seinem Buch "Street Wars" (New Press, New York, 448 Seiten, 19,95 Dollar), hat Hayden das Fazit seiner langjährigen Arbeit für eine Befriedung und Rehabilitation der Gang-Jugend niedergeschrieben.

Tom Hayden engagiert sich seit den 60er Jahren für Bürgerrechte und Frieden. Von 1982 bis 2000 er Parlaments-Abgeordneter in Kalifornien.

(Foto: Foto: Getty Images)

SZ: Obwohl das Problem der Streetgangs in Amerika nie gelöst wurde, hört man nur selten davon. Die Hinrichtung von Tookie Williams vor zwei Jahren war einer der wenigen Momente, in denen sich die Medien damit beschäftigten.

Tom Hayden: Es gibt eine zyklische Faszination mit dem Thema. Viele Bestseller wurden darüber geschrieben, Filme wie "Westside Story" darüber gedreht, aber das alles hat niemals zu irgendeiner vernünftigen politischen Aktion geführt. Wir gehen - gemessen an Häftlingszahlen, Polizei- und Gefängnisausgaben - härter gegen Gangs vor als jede vergleichbare Nation der Welt. Und doch verschärft sich die Krise.

SZ: Wo liegt das eigentliche Problem?

Hayden: Das eigentliche Problem sind die Politiker. Als in den 60er Jahren der Krieg in Vietnam den Krieg gegen die Armut ablöste, wurde auch eine neue Politik der Härte geboren. Seitdem schürt man mit dem Thema Gangs Ängste, stempeln Politiker die verwahrloste Jugend aus den großstädtischen Armenvierteln als unheilbar Kriminelle ab. Die Öffentlichkeit ist durch zahllose Filme, in denen hochgerüstete Polizisten Türen eintreten und mit automatischen Waffen um sich schießen, auf die Polizeiperspektive eingeschworen. Aber der Wahnsinn wird nicht aufhören ohne die einzubeziehen, die sie begonnen haben. Wir brauchen dringend Programme für Ex-Gangmitglieder.

SZ: Nur, welche Wähler kann man damit gewinnen?

Hayden: Wenn sich 25 000 Weiße gegenseitig in ethnischen Kriegen umbringen würden, gäbe es einen öffentlichen Aufschrei. Politiker würden Friedenspläne diskutieren, Vermittler losschicken, Reformen voranbringen. Offensichtlich ist unsere Regierung eher willens Friedensprozesse im Mittleren Osten oder Nordirland zu unterstützen als in unseren eigenen Städten. Bestehen die Gangs doch hauptsächlich aus armen Latinos und Schwarzen, ohne jede politische Anwaltschaft. Ganz im Gegensatz zu den starken Lobbies von Polizei und Justiz, die sich dank drakonischer Gesetze wie die "Three Strikes And Out"-Regel tausende sicherer Arbeitsplätze in der Strafverfolgung und im Vollzug bewahren.

SZ: 99 Prozent der Opfer von Ganggewalt gehören Minderheiten an. Müssten diese nicht selbst eine Initiative ergreifen?

Hayden: Die Menschen mit Gangmitgliedern in der Familie oder Nachbarschaft haben gemischte Gefühle: Sie mögen die Schießereien und ihre oft zufälligen Opfer nicht. Auf der anderen Seite geht die Polizei kaum zartfühlender vor. Ihre Politik des Wegschließens hat viele Gangs im Gefängnis erst entstehen oder wachsen lassen. Das Dilemma ließe sich nur durch soziale Programme und eine Initiative der Wirtschaft lösen.

SZ: Was hat die Wirtschaft mit den Gangs zu tun?

Hayden: In den ärmeren Vierteln der Großstädte, wo Gangs besonders virulent sind, herrscht meist bittere Armut. Keine Jobs, keine Industrie, wen lockte da nicht eine vergleichsweise schnelle Art, zu Geld zu kommen? Besonders wenn schon der Vater, die Onkel, die Brüder oder die Freunde dabei sind. Ich kenne Großfamilien, in denen alle 50 Mitglieder einer Gang angehören. Das stellt dann eine Art beschützendes Netzwerk dar - man hat schon einen Onkel in diesem Gefängnis und einen Neffen in jener Nachbarschaft, der auf einen aufpassen wird.

SZ: Sie entwerfen in "Street Wars" mögliche Szenarien, um dem Kreislauf der Gewalt und Hoffnungslosigkeit beizukommen.

Hayden: Warum sollten wir als reichste Nation der Welt nicht einen Bruchteil unserer Polizei- und Gefängnisausgaben für die Arbeit ehemaliger Gang-Mitglieder und Friedensstifter ausgeben? Bisher haben wir einseitig auf Gefängnisse statt Gerechtigkeit gesetzt. Doch die Gangkultur hat sich dadurch nicht aufgelöst, sondern vielmehr im Rahmen der Globalisierung rund um die Welt fortgepflanzt. Los Angeles hat sich gerade zum ersten Mal in 30 Jahren dazu entschlossen, mit Hilfe von ehemaligen Gangmitgliedern eine Initiative zu gründen. Bürgermeister Antonio Villaraigosa hat mein Buch gelesen, bevor er eine Gang-Kommission einsetzte und auch den Polizei-Chef William Bratton dafür gewann.

SZ: Welche Hoffnungen setzen Sie nun in die Stadt Los Angeles?

Hayden: Drei Millionen Dollar sind leider eine lausige Summe für so ein Vorhaben. Da stimmen die Verhältnisse nicht. Einerseits hat das extreme Durchgreifen der Polizei und Justiz dazu geführt, dass in den USA, die 5 % der Weltbevölkerung ausmachen, inzwischen 25 % der weltweiten Häftlinge einsitzen. Auf der anderen Seite kommt der Rehabilitierung von Gangmitgliedern nur geringe Aufmerksamkeit zu. Aber es wird sicher eine Signalwirkung haben, wenn die Stadt Ex-Gangmitglieder als Friedensstifter engagiert.

SZ: Kann man denn mit solchen Initiativen das Job-Problem lösen?

Hayden: Nein, schließlich braucht es makro-ökonomische Lösungen, die die Deindustrialisierung der Gang-Gebiete zumindest abfedern. In den ärmeren Gegenden der Großstädte gibt es kaum Jobs, die mehr bieten als ein Hustler-Leben. Die Gang-Mitglieder sind aus Sicht unseres Wirtschaftssystems einfach menschlicher Überschuss. Das sind so genannte unbeschäftigbare Bevölkerungssegmente. Die muss man vertreiben, wegsperren oder in den Irak schicken.

SZ: Von wie viel Jugendlichen sprechen Sie da?

Hayden: Vorsichtig geschätzt haben wir in Los Angeles 93 000 junge Männer zwischen 18 und 23 ohne Abschluss oder Arbeitsplatz. Liberale Kapitalisten gehen immer noch davon aus, dass man diesen Menschen nur ein paar Computerkenntnisse beibringen müsse, um sie auf dem High-Tech-Arbeitsmarkt unterzubekommen. In Wahrheit aber existieren da strukturelle Barrieren. Die freie Wirtschaft lehnt es ab, sich entweder über Steuern oder Arbeitsplätze an einer Lösung zu beteiligen: Sie mag für 60 Prozent der arbeitswilligen Bürger funktionieren, aber sie sieht es nicht als ihre Aufgabe an, die Armen, strukturell Benachteiligten, und Ex-Gangmitglieder zu beschäftigen.

SZ: Man bräuchte also vom Staat finanzierte Arbeitsplätze?

Hayden: Dem Staat erscheint es billiger, die Ladenbesitzer zu versichern und mehr Polizei anzustellen, neue Gefängnisse zu bauen und auf die Gangmitglieder zu warten, wie Fische, die in das Netz schwimmen. Ein paar Jahre später werden sie entlassen und das Ganze fängt von Neuem an. An jedem beliebigen Tag sitzen allein in Kalifornien 200 000 Menschen hinter Gitter, die meisten davon jugendliche Gang-Mitglieder, die in diesem Käfig aufwachsen und alt werden.

SZ: Weil Politiker, die sich nicht als scharfe Gesetzeshüter geben, ihre Wahlchancen verspielen?

Hayden: So schien es lange Zeit. Aber neueste Umfragen sprechen für einen Bewusstseinsumschwung. Die Bürger wissen, dass Gefängnisse teuer sind und als Besserungsmaßnahme nicht funktionieren, dass Arbeitsplätze für gefährdete Jugendliche mehr bewirken. Sie würden das Geld lieber für Bildungs- und Arbeitsmaßnahmen als für Gefängnisse ausgeben. Aber sie ziehen die Politiker nicht zur Verantwortung. Ganz einfach, weil die meisten Wähler mit Gangs und Gefängnissen nichts zu tun haben.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, warum es laut Hayden nicht im Interesse aller Politiker ist, das Problem zu lösen.