Tilman Spengler über China Herr Richter und die Richter-Skala

Zwei Ausstellungen und das Erdbeben von Sichuan - ein Tagebuch aus Peking.

Von Tilman Spengler

Einen Tag, nachdem im Südwesten des Landes das grauenvolle Erdbeben getobt hat, wird in Peking eine Ausstellung eröffnet, die den plötzlich erschreckend aktuellen Titel "Living Landscapes" trägt. "Wir hätten uns glücklichere Umstände vorstellen können, um über die Natur und ihre verhängnisvolle Kraft mit Ihnen zu reden", sagt Martin Roth, Leiter der Staatlichen Kunstsammlung Dresden (SKD) in einer kurzen Ansprache, die das furchtbare Geschehen angenehm unaufdringlich mit dem künstlerischen Anlass verbindet.

Die Staatlichen Museen zu Berlin, die Bayerische Staatsgemäldesammlung München und die SKD haben aus ihren Beständen Gemälde in die chinesische Hauptstadt geschickt, deren gemeinsamer Bezugspunkt das Bild der Natur von der Romantik bis zur Gegenwart ist, vom "Mondaufgang am Meer" des Caspar David Friedrich zum "Frühling" des Markus Lüpertz, um zwei der in China bekannteren Namen zu nennen.

Die Ausstellung findet im dritten Stock des Nationalen Kunstmuseums statt. Zwei Etagen höher zeigen dieselben Veranstalter - erweitert um das Museum Frieder Burda - Gemälde von Gerhard Richter aus den Jahren 1963 - 2007. "Das ist eine unerwartet erfreuliche Ergänzung", bemerkt ein chinesischer Kunstkritiker, "Herr Richter ist eine gute Quelle für Zerstörung."

Wer in diesen Stunden das staatliche chinesische Fernsehen verfolgt, kann Bilder von verwüsteten Landschaften und Städten aus der Provinz Sichuan empfangen. Die Übertragung scheint keine Unterbrechung zu dulden.

II

In Peking zeigt sich an diesem Morgen die Sonne. Vor dem Altar der Dong Tang, der katholischen Kirche an der Einkaufsstraße Wangfujing, predigt der Priester über das gestrige Erdbeben. Es sei ein Zeichen des HERRN auch für das in alle Ewigkeit Überraschende SEINER Wiederkunft, ruft der Geistliche. Man solle das Zeichen als Warnung nehmen, nie und unter keinen Umständen nicht auf das Ende vorbereitet zu sein. Nur dann verlöre das Furchtbare seinen Schrecken. Denn eine größere Macht walte über unser Schicksal, eine Macht, die keine Rücksicht nehme auf die Leichtfertigen und die Unvorsichtigen, sagt der Priester, bevor wir die Fürbitten für die Toten und Verletzten sprechen.

Über den Platz vor der Kirche weht der Geruch von Rosen, junge Frauen spielen fröhlich Federball, der hagere Zeitungsverkäufer klemmt die Titelseiten der neuen Ausgaben an die Wände seines Standes. Die Aufmacherbilder zeigen in blauen und grauen Farben Szenen der Verwüstung, eingestürzte Häuser, kaputte Dörfer, in Großaufnahmen auch Bilder von Opfern und Helfern, letztere meist in verzweifelten Posen. Für die Titelseiten chinesischer Zeitungen waren das bislang unbekannte Motive.

III

Das Wort "ming" bedeutet im Chinesischen einen Begriff, den wir mit "Schicksal", aber auch "Mandat" oder "Fügung" übersetzen. Heutzutage ist dieser Ausdruck besonders populär in allen Angelegenheiten des Herzens, daher besonders bei professionellen Heiratsvermittlern. Doch der Begriff hat eine ehrwürdige Tradition. Herrscher, so weiß es die klassische Staatsphilosophie, regieren kraft eines "himmlischen Mandates". Letzteres kann ihnen entzogen werden, wenn sie zulassen, dass das Land in Unordnung gerät. Eine solche Unordnung kündigt sich gemeinhin durch Naturkatastrophen an, Überschwemmungen, Dürren oder eben Erdbeben. Meist gibt es Vorboten, die der kluge Herrscher zu deuten weiß.

"Kröten, Zehntausende Kröten sind in Chengdu durch die Straßen gezogen, aber niemand hat sich etwas dabei gedacht."

"Die Zentrale war nicht informiert."

"Nicht informiert? Bei Zehntausenden Kröten? Unser Ministerpräsident ist doch Geologe!"

"Die Zentrale ist keine Kröte. Sie kann die Augen nicht überall haben."

Die beiden Grauköpfe, deren Sprache sie als Akademiker verrät, sitzen auf einer Bank im angenehmsten Park von Peking, dem Yüanmingyüan. Dieser Ort ist der gartenarchitektonische Versuch eines irdischen Paradieses, das leider schon vor anderthalb Jahrhunderten zerstört wurde. Allerdings nicht durch die Natur, sondern durch den Einsatz englischer und französischer Kolonialtruppen. Ruinen sind hier zu bewundern und kluge Greise, schließlich liegen die berühmtesten Universitäten Pekings in unmittelbarer Nachbarschaft.

"Das Klima ändert sich. So war es schon immer, wenn eine neue Dynastie kam. Das stand neulich erst in Nature. Weil sich das Klima ändert, sinken die Ernten. So einfach ist das."

"Gegen das Klima sind wir machtlos wie Spatzen mit Lehm auf den Flügeln."

"Die Zentrale zeigt Kraft. Das ist wichtig."

IV

"Die Zentrale", so lautet das Kürzel für das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas. "Die Zentrale" hat Scheiß gebaut, "die Zentrale" hat es denen mit ihrer imperialistischen Vergangenheit mal so richtig gezeigt, "die Zentrale" muss sich jetzt um die Probleme kümmern. Die Verklärung des Antikommunismus in den Ländern der westlichen Staatsgemeinschaften hat dazu geführt, dass in diesen Tagen kaum Verständnis mehr aufgebracht wird für ein Volk, das auch unter diktatorischen Bedingungen zu seiner Regierung hält.

Der Mann, der in diesen Stunden und Tagen zur Chiffre für "die Zentrale" geworden ist, führt die Partei nicht an, es handelt sich vielmehr um den Ministerpräsidenten Wen Jiabao. Sein Name steht für den Versuch von Ordnung, möglicherweise von Rettung und gegen schwindende Hoffnung. Hierzulande würde man von Glaubwürdigkeit reden.

Weder auf den ersten, noch auf den zweiten Blick erscheint Ministerpräsident Wen als die Idealbesetzung für diese Rolle. In Zeiten, in denen Katastrophenhilfe mit Bildwerk zusammenfällt, könnte man sich eine charismatischere Figur vorstellen. Ein amerikanischer Präsident wäre von seinem Wortlieferanten und seinem Herrenausstatter modisch besser beraten worden. Wen trägt weder modischen Helm noch revolutionäre Kappe, zudem bewegt er sich so vorsichtig, fast linkisch im Gelände, als habe sich ihm der Schrecken der Erde persönlich mitgeteilt. Wenn der Ministerpräsident zwei schluchzenden Waisen mitteilt, sie seien jetzt zwar ohne Eltern, doch sie hätten ja immerhin noch ihn, den Ministerpräsidenten, dann klingt er wie ein verzweifelter Redner, der weiß, dass im Trost nur zählt, dass überhaupt geredet wird.

Doch viel größer ist das Wunder der Bilder. Nie zuvor war auf einem chinesischen Bildschirm zu sehen, dass ein Ministerpräsident tröstlich redet, während die Kinder einfach weiter weinen. So viel Gemeinschaft war noch nie. Das ist auch das Verdienst des Ministerpräsidenten.

V

"Ich habe dieses Bild von Herrn Gerhard Richter mit großer Befriedigung gesehen", sagt die ältere Graphikerin am Abend der Eröffnung der beiden großen Ausstellungen im Nationalmuseum über ein Gemälde aus den achtziger Jahren, "es ist ja nicht besonders groß, das Bild, ich rede von der brennenden Kerze. Vermutlich hat Herr Richter dabei an das olympische Feuer gedacht. Bilder sagen eben mehr als Worte."

Der Autor ist Schriftsteller, Sinologe und Herausgeber des Kursbuchs.