Tanzwerkstatt Europa Kluger Kopf

Der Tänzer Pere Faura gibt sein München-Debüt

Von Sabine Leucht

Die Story, die er über die Entstehung von "Striptease" erzählt, ist Quatsch. Mit ihr baut Pere Faura bloß die erste Brücke zu einem Publikum, dem er gerade mit schwarzem Hut und Sacco Posen vorgeführt hat. Erst bleibt eine Hand auf dem bekleideten Genital liegen, dann geht der Blick hinein in die Hose: Erfreut, fast überrascht. Das alles tanzt und mimt der Katalane in Zeitlupe und hält die Bewegungen an, wenn die Musik ins Stocken kommt. Ein permanenter Interruptus, der das Material zerlegt und vergrößert, aus dem gewöhnlich frau männeraufgeilende Strips konstruiert. Es ist wenig aufregend, dem Katalanen dabei zuzusehen, wie sein Körper Wogen schlägt, seine Krawatte den Boden peitscht oder den Hals eines Zuschauers in der ersten Reihe des Teamtheaters fängt. Und erhellend wird es erst, wenn er über Filme und postmoderne Theorien den Bogen zur Diskursebene schlägt: Zur Dechiffrierung der Codes einer Reaktionen antizipierenden "Kunst".

Dennoch wirkt das Ganze immer noch mehr charmant als präzise - bis man in einem Video sowohl Faura selbst als auch Demi Moore (in "Striptease" von 1996) sehen kann, deren Bewegungen er, sieht man jetzt, schon zuvor minutiös kopierte. Und plötzlich interagiert er auch mit den Film-Konterfeis der Besucher der Tanzwerkstatt Europa und schlingt die Krawatte wieder um den Hals des Herren, der uns nun von der Leinwand her ansieht wie den Tänzer wenige Minuten zuvor. Es gebietet ein kluger Kopf über den Körper des Tänzers und Choreografen, der sich später in Tuchfühlung zu den Zuschauern in einem Hula Hoop-Reifen verausgabt. Vivaldis "Vier Jahreszeiten" und männliches Lustgestöne begleiten diese Exerzitien, die die autoerotische Qualität intensiver Workouts ebenso karikieren wie das absurde Höher-Schneller-Weiter in zwischenmenschlichen Dingen. So konkret Fauras Mimik und Armbewegungen Lust markieren, so fern hält er sie sich und uns im Bannkreis seines Reifens. Andererseits schafft er es in "Bomberos con grandes mangueras" ("Feuerwehrmänner mit großen Schläuchen"), Einzelnen richtig nah zu kommen, ohne dass das je peinlich würde. Ein unspektakulär gewitztes und ziemlich witziges München-Debüt.