Tanz-Musik-Drama "Lo Real/Le Réel/The Real" Vernichtungsflamenco

Israel Galvan ist der Choreograph des Tanz-Musik-Dramas 'Lo Real/Le Réel/The Real'. Er selbst tanzt die Hauptrolle.

(Foto: dpa)

Madrid streitet über ein Tanzstück, das Hitler und Flamenco verbindet. Israel Galvàn inszenierte das Drama, welches vom Massenmord an den Sinti und Roma, aber auch von der seltsamen Anziehungskraft erzählt, die die "Zigeunermusik" auf die NS-Kulturelite hatte. Bei der Premiere verließ ein Teil des Publikums das Teatro Real hörbar indigniert.

Von Thomas Urban

Schon im Vorfeld war sich die Madrider Presse einig, dass Gerard Mortier, der künstlerische Leiter des Teatro Real, ein großes Wagnis mit seiner neuen Welturaufführung eingeht: Das Tanz-Musik-Drama "Lo Real/Le Réel/The Real" ("Das Wirkliche") von Israel Galvàn verbindet Flamenco und Hitler. Es erzählt vom Massenmord an den Sinti und Roma, aber auch von der seltsamen Anziehungskraft der "Zigeunermusik", die die NS-Kulturelite in ihren Bann schlug.

Galvàn ist der nicht unumstrittene Star des Nuevo Flamenco aus Sevilla, der ihn als eigenständige dramatische Kunst an die Pantomime herangeführt hat. Ein sehr positives Echo fanden in den letzten Jahren sein Solo nach Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung" sowie "Das Ende dieses Zustandes der Dinge".

Heimliche Faszination für diese "afrikanische Kunst"

Galvàn tanzt auch die Hauptrolle: einen SS-Mann in schwarzer Uniformhose mit schweren Hosenträgern, die gleichzeitig Peitsche und Fessel sind. Zwei Tänzerinnen aus der Sevillaner Schule des Flamenco clásico stehen für die gepeinigten Gitanos, die Sinti und Roma. Sie veranschaulichen die Spannung zwischen der offiziell bekundeten Verachtung der Nazis für diese "afrikanische Kunst" und ihrer heimlichen Faszination.

Isabel Bayón und Belén Maya stellen den Flamenco als oft schmerzerfüllte Suche dem glatt polierten, scheinbar stets erotische Lebensfreude verströmenden Kostümtanz mit Kastagnetten gegenüber, wie er bei den Nazis gefragt war.

Die Eltern Galvàns stammen aus Gitano-Familien, die sich dem traditionellen Flamenco verschrieben haben, der Vater war zudem Zeuge Jehovas; beide Gruppen wurden von den Nationalsozialisten verfolgt. Galvàn, 39, hat sich seit seiner Jugend in das Thema tief hineingearbeitet, daher rührt ihm zufolge das Bestreben, in seiner Kunst die Berührung von Tanz und Tod auszuloten.

Unmittelbarer Anlass für "Lo Real" war für ihn seine Auseinandersetzung mit dem Film "Tiefland" von Leni Riefenstahl nach der Novelle des nationalpatriotischen spanischen Schriftstellers Angel Guimerà. Er handelt von einem Konflikt zwischen Dorfbewohnern und ihrem Fronherrn.