Tagung Mit einem Klick zu Dürer

Der Kunsthistoriker Bernhard Maaz, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, würde die digitale Online-Sammlung seiner Museen gerne weiter ausbauen.

(Foto: Lukas Barth)

Viele Museen würden gerne ihre Online-Angebote erweitern

Von Susanne Hermanski

Es klingt so toll wie simpel: Die großen Museen dieser Welt stellen ihre Bestände online, zugänglich von jedem noch so entlegenen Ort unserer nach Bildern verrückten Welt. Ein Klick genügt, schon zoomt sich der Neugierige unter den Regenschirm zu Spitzwegs "Poeten", der Kunsthistoriker durch die Lockenpracht von Albrecht Dürer und jedermann in die Säle der Pinakothek der Moderne. Aber was sieht er da? "No image" ist auf dem Bildschirm in einem deprimierend grauen Feld zu lesen. Zwar nicht in jedem dieser virtuellen Räume, aber doch in den meisten und dort an unzähligen Stellen: "No image". Name und Details wie Größe und Provenienz des Werkes sind darunter penibel verzeichnet, zu sehen ist das Gemälde, die Skulptur oder Installation aber nicht. Das ist enttäuschend - und somit gerade nicht gut fürs Image des Hauses.

Der Grund, weshalb vor allem zeitgenössische Kunst im Netz oft unsichtbar bleibt, ist aber nicht etwa, dass die Museen ein paar Trümpfe im Ärmel behalten wollen. Die Ursache für diese Leerstellen liegt in verschiedenen juristischen Barrieren. So behalten Künstler die Urheber- und Bildrechte an ihren Werken in der Regel, nach ihrem Tod gehen die Rechte dann für 70 Jahre auf ihre Erben über. Erst danach sind sie "gemeinfrei". In München wurde dieses Problem im Frühling offenkundig, als Bernhard Maaz, der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, einerseits stolz den Launch der "Online-Sammlung" der Pinakotheken verkündete, andererseits sogleich die Tücken dieses Unterfangens schildern musste: Vieles, was die Menschen, besonders die eigentlich so heftig umworbene jüngere Generation interessiert - die moderne Kunst - bleibt im Netz verborgen. Anderen Museen in Deutschland, wie denen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin, geht es genauso. Wollten sie alles zeigen, was sie haben, müssten die dauerklammen Institutionen unter anderem Abgaben an die "Verwertungsgesellschaft (VG) Bild-Kunst" zahlen, die seit 1968 die Rechte Bildender Künstler wahrnimmt.

Auf einer Tagung in der Pinakothek der Moderne haben sich nun mehr als 200 Teilnehmer einen ganzen Tag lang mit den vielen Facetten des Themas "Museen im Digitalen Raum. Chancen und Herausforderungen" auseinandergesetzt. Organisiert hatte die Tagung Antje Lange, die die Digitale Kommunikation der Pinakotheken betreut. Die junge IT-Expertin sprach unverblümt den "Struggle for Life" an, den viele Museen angesichts rückläufiger Besucherzahlen in den nächsten Jahren führen werden. Und sie verriet auch, was ihr Lieblings-Tool ist, um für die Nutzer der Pinakotheken-Homepage so schnell wie möglich zugänglich zu machen, was eben zulässig ist. Sie nennt es "den Sterbe-Filter". Denn was in den "Open access" kommt, also sichtbar sein darf, richtet sich nach dem Todesdatum des Schöpfers des jeweiligen Werkes. Derzeit liegt der Stichtag im Jahr 1946.

Fachleute aus Museen und Kulturinstitutionen, Juristen, Wissenschaftler und Studierende waren gekommen. Hunderte weitere verfolgten die Tagung live via Twitter und kommentierten sie mehr als 2000 Mal. Der Philosophie-Professor Julian Nida-Rümelin beschwor gleich zum Auftakt die ethischen Aspekte der Digitalisierung, in deren Ära "das humanistische Ideal der Persönlichkeitsbildung aktueller sei als je zuvor". Ellen Euler, Professorin für Open Access und Open Data an der Fachhochschule Potsdam, kritisierte die engen Grenzen der digitalen Präsentation von kulturellem Erbe. Sie rief die Museen und andere Kulturerbe-Einrichtungen auf, ihre Freiräume besser zu nutzen. Sie sollten den virtuellen Besuchern weitergehende Freiheiten für die Forschung einräumen und deren Freude und den spielerischen Umgang mit den digitalisierten Beständen befeuern. Dorothee Haffner, Professorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, betonte, dass sich die Museen als Bewahrer von kulturellem Erbe verpflichtet sehen sollten, ihre Objekte sowohl real als auch digital zugänglich zu machen. Experten aus dem Ausland wie Merete Sanderhoff vom Statens Museum for Kunst in Kopenhagen, brachten Beispiele dafür mit, wie das andere bereits umsetzen.

Höhepunkt der Tagung war eine Podiumsdiskussion, bei der fundamental über die Nutzbarkeit von Kunstwerken im Netz debattiert wurde. Vertreten war dabei auch die häufig von Museumsleuten als zu unflexibel oder bürokratisch kritisierte VG-Bild-Kunst. Sie hatte ihre mutige Justiziarin Anke Schierholz geschickt - und schon allein dadurch Verhandlungsbereitschaft signalisiert. In seinem Fazit erklärte Bernhard Maaz, wie er sich den Kompromiss vorstellt, der die Anliegen von Künstlern, Museen und Kunstinteressierten unter einen Hut bringt. Nämlich zumindest niedrig aufgelöste Abbildungen aller Epochen fürs Netz zuzulassen und "den Umgang mit der Urheber- und Bildrechtspraxis für die Bedürfnisse des 21. Jahrhunderts anzupassen". Denn "No image" ist auch keine Lösung.