T. Rex auf DVD Der Milchbubi mit der längsten Wirkung

Im Grunde war doch alles ziemlich öde, und nur die Verpflegung okay. Doch jetzt erlebt die Eisdielen-Bisexualität des Glamrock einen zweiten Frühling: Zumindest auf einer DVD-Edition, die Marc Bolan und seine Band T. Rex feiert.

Von KARL BRUCKMAIER

Ein jeder Rockstar kommt in seinem Leben an einen Punkt, an dem er einen Zwerg braucht. Oder mehrere.

Marc Bolan, früh verstorben mit 29 - Das war Glam? Eine rote Schlaghose und Kettchen um den Hals? Ein Kinder-Tamburin?

(Foto: )

Ozzy Osbourne hatte einen, Bob Dylan hatte ein paar, Neil Young gleich ganz viele.

Und Marc Bolan kriegte den seinen 1972: Der Zwerg verspeiste den aus Schokolade gefertigten Außenspiegel eines alten Cadillacs, während Ringo Starr in einem Mäusekostüm und Marc Bolan unter einem überdimensionierten Hut auf den Lehnen des roten Cabriolets saßen und peu à peu die einzigen drei Textzeilen vergaßen, die sie sich für diesen Drehtag hätten merken müssen. Ringo war Regisseur und Produzent und Marc Bolan sein Hauptdarsteller in dem Film "Born to Boogie".

Die Portokasse bei Apple, der Beatles-Firma, schien noch voll; jeder, der eine Kamera halten konnte, hielt sich für den neuen Pennebaker, und wenn einem gar nichts einfiel, dann nannte man das Ergebnis "surrealistisch". Zog Ringo sein Mäusekostüm aus, so kam ein Rasputin-hafter Vollbart zum Vorschein, konterkariert durch einen Ehrfurcht gebietenden Vokuhila. Marc lächelte: So war das also auf dem Gipfel. Im Grunde ziemlich öde, aber die Verpflegung okay.

Marc Bolan hieß eigentlich Marc Feld, stammte aus kleinsten Verhältnissen in East London, und hatte bereits früh beschlossen, sein Leben durch Rock'n'Roll zu retten, wie Lou Reed zehn Jahre später singen würde. Marc mutierte zum "Face", zum Vorstadtgecken, zur Londoner Variante eines modebewussten Beatniks, halb John-Lee-Hooker-Fan, halb Sartre-Connaisseur, der das eine nicht hörte und das andere nicht las, aber eben das untrügliche Gespür dafür besaß, was als cool galt. Sein hübsches Gesicht zierte bald die Titelblätter von Modezeitschriften für Jugendliche. BBC-Diskjockey John Peel hatte einen Narren an dem Jungen gefressen und nahm ihn zu all seinen Auftritten und Interviews mit. Marc klampfte und ein Steve Peregrin-Took genannter Drogenfreak klopfte die Bongos, weil kein Geld für ein Schlagzeug da war. Das Duo nannte sich Tyrannosaurus Rex und hatte mit seiner Mischung aus Straßenmusik und "Herr der Ringe"-Mystik bescheidenen Erfolg.

Doch das vorgeblich schüchterne Herumschleichen um Peel, das ständige Antichambrieren bei Pink Floyd, die intensive Zusammenarbeit mit dem Produzenten Tony Visconti führten geradewegs zum popmusikalischen Triumph: Mit der Verkürzung des Namens zu T. Rex, der Entlassung Tooks - ersetzt durch Conga-Spieler Mickey Finn - und der Verwendung einer elektrischen Gitarre begann eine bis heute beispiellose Karriere, was dazu führte, dass man 1972 die Band in England, auf dem Höhepunkt ihres Erfolges, für "größer als die Beatles" ansah.

Zwischen "Ride a White Swan" im Oktober 1970 und der LP "Tanx" von 1973 herrschte "T. Rextasy": Jede Single wochenlang an der Spitze der europäischen Charts, selbst in den USA konnte man einen Top-Ten-Hit landen.

Aber nach den eisernen Gesetzen des Teenie-Marktes war nach knapp zwei Jahren alles vorbei, Marcs Topf auf dem Kopf ein alter Hut und die Musik der Schmäh von gestern. Im September 1977 starb Marc Bolan in den Trümmern eines Mini Cooper. Er galt mit seinen 29 Jahren als der alte Mann des Glam, als Pop-Opa.

Auf der nun erschienenen Doppel-DVD "Born to Boogie" (Sanctuary Records SVE 4016) kann sich der heute auf die Fünfzig zugehende T. Rex-Fan von einst selbst ein Bild machen von sich und seinem Idol. In jenen so fern scheinenden Märztagen des Jahres 1972, auf dem Gipfel also, gibt es keinen Anlass für Trauer: Ringo Starr, angezogen vom Kreischen der Teenager, die vor noch nicht allzu langer Zeit seinen Namen auf den Lippen hatten, dreht einen Film allein über ihn, Marc.

Wenn einem nicht der Rückspiegel von einem Zwerg abgekaut wird, stehen ausgestopfte Tiere im Apple-Studio herum, oder im Garten von John Lennons Landsitz wird ein Picknick abgefilmt, bei dem die Hälfte der Anwesenden Nonnenkostüme trägt. Die karge Ausbeute dieser allürenhaften Ausflüge in die Wunderwelt der Cineasten verschneiden Ringo und Marc mit Material, das bei zwei Konzerten in einer Londoner Sporthalle aufgezeichnet wird.

Auch hier regierte die blanke Unfähigkeit: Das Nachmittagskonzert liefert kaum brauchbares Material, weil ständig ein Mikro zusammenklappt oder die Soundanlage nicht richtig eingestellt ist. Beim Abend-Gig ist die Musik besser, aber hier filmen die Kameraleute auf einen geheimen Befehl hin hauptsächlich Marc Bolans Hals.

Die Aufnahmen aus den beiden Konzerten kann man nicht kombinieren, weil die Band jeweils verschiedene Klamotten trägt und die Lightshow komplett anders ist. T. Rex besteht an diesem Drehtag aus einem etwas müde wirkenden Marc Bolan, dem vermutlich einzigen Popstar, der bei einem Konzert ein T-Shirt mit dem eigenen Konterfei trägt, aus Mickey Finn, der sechs Congas braucht, um sein zugegeben an Coolness kaum zu überbietendes Gesicht dahinter zu verstecken, und aus der soliden Rhythmus-Sektion Billy Legend und Steve Currie, die die Songs einigermaßen zusammenhalten.

Vor der Bühne stehen und sitzen über zehntausend Teenager, Jungs mit halbmutig langem Haar, Mädchen mit Glitzerschminke um die Augen, und sie haben beschlossen, sich köstlich zu amüsieren, auch wenn Marc Bolan solistisch eine Null ist auf seinem Instrument und Finn keine Ahnung hat, für was man das Trommelzeugs hier eigentlich brauchen könnte.

Sie sind der Band dankbar, dass der Eintrittspreis für das Konzert schlanke 75 Pence beträgt, da macht es dann auch nichts, wenn das Bühnenbild bloß aus drei Bolan-Postern besteht und als Hauptattraktion aus einem Pappkarton vor "Get It On" Miniatur-Tamburine ins Publikum geworfen werden. Das war Glam? Eine rote Schlaghose und Kettchen um den Hals? Ein Kinder-Tamburin? Hatte das strenge Rock-Lexikon von Barry Graves doch Recht, als es von "Eisdielen-Bisexualität" schrieb?

Die DVD "Born to Boogie" versucht zwar die Ereignisse um den Marc Bolan des Jahres 1972 zu verklären, kann aber nichts verheimlichen - alles ist da, der Ringo-Film, die zwei kompletten Konzerte und Interviews mit jedermann von Tony Visconti bis zum letzten Nebendarsteller. Außer mit dem Zwerg. Das Glück in den Gesichtern der Zuschauer ist da, so bunt und leicht und frisch und unverbraucht.

Noch fünf Jahre zuvor strampelten sich junge Damen in Kostümen und mit toupierten Haaren bei Beatles-Konzerten den Doris-Day-Panzer vom Leib - jetzt ist die erste zivilisatorische Häutung, die sich Pop nennt, abgeschlossen. Und die Musik? Es stimmt alles, was über sie Schlechtes wie Schlichtes gesagt worden ist, doch hat Marc Bolan im Gegensatz zu zahllosen anderen Teenie-Bands ein paar Songs geschrieben, die durch Zeit und Kritik unkaputtbar sind. Selbst von T.Rex selbst. "Ride a White Swan", "Jeepster", "Hot Love", "Get It On", "Children of the Revolution", "Cosmic Dancer". Die Summe der nichtigen Einzelteile - der Gesang mit seinem hysterischen Vibrato, dieses dumpfe Donnern der Gitarrenriffs, dieses Herzschlagpochen der Congas, der Bierzelt-Rhythmus, den der Bass dauernd spielt - all das vereint sich in diesem halben Dutzend Lieder zu einer Art Premium-Schund, etwas, das auch nach drei Jahrzehnten eine vorbewusste Gültigkeit besitzt, die einen Teenager, der zufällig am laufenden Fernsehgerät vorbeimuffelt, zusammenzucken und fragen lässt: "Was ist denn das?" Und man antwortet als Vater betont lässig: "Marc Bolan. Und sein Zwerg."