Synchronisation Noch spielt Tom Hanks in Deutschland Lotto

Man kennt ihre Stimmen, doch kaum ihre Namen: Synchronsprecher wie Arne Elsholtz. Wenn sie einmal aufhören und Englisch weiter selbstverständlich wird, könnte das Synchronisieren von Spielfilmen ein Anachronismus sein.

Von Jürgen Schmieder

"Das ist ein Abenteuer", sagt Bill Murray am Ende des Films "Die Tiefseetaucher". Das heißt: Der Satz scheint aus seinem Mund zu kommen. In Wirklichkeit hören die Kinobesucher aber Arne Elsholtz. Das ist der Mann, der dem Hollywood-Star seine Stimme leiht. Murray wurde für seine Darstellungskunst in der Presse gefeiert. Elsholtz' Name wurde in keiner Kritik erwähnt. Elsholtz ist das gewohnt, er wird für gewöhnlich noch nicht einmal im Abspann erwähnt. "Außer bei Zeichentrickfilmen wie ,Ice Age'", bemerkt der Synchronsprecher. Als die Stimme des Mammuts Manni stand sein Name sogar auf dem Plakat.

Synchronsprecher führen ein Schattendasein in der Filmbranche, obwohl sie jeder Filmfan kennt. Christian Brückner ist berühmt für seine Interpretation von Robert DeNiro, Manfred Lehmann ist die deutsche Stimme von Bruce Willis. Arne Elsholtz spricht vor allem Tom Hanks' und Bill Murrays Texte. Die Stimmen der Sprecher sind bekannt, ihre Namen weniger. Das zeigt sich an den Nebentätigkeiten. Bei der Lotto-Werbung im Radio glaubt man, Tom Hanks würde die Millionen anpreisen, das Computerspiel zu "Wer wird Millionär?" scheint Tom Selleck zu moderieren. Es sind aber ihre deutschen Synchronsprecher. Christian Brückner genießt einen ausgezeichneten Ruf als Hörbuch-Sprecher, Arne Elsholtz ist in Radio-Werbungen zu hören. "Wenn man bedenkt, wie wichtig die Synchronisation für einen Film ist", so Eckhard Schleifer vom Bundesverband Kommunale Filmarbeit, "ist es unglaublich, in welchem Maße die Branche ignoriert wird."

Englische Fassungen immer beliebter

Dass die Branche bald ganz verschwinden könnte, daran denkt von den Verantwortlichen noch niemand. Dabei wird das Interesse des Publikums an Originalversionen von Filmen immer größer. Kinobetreiber zeigen bei Blockbustern - beispielsweise "Million Dollar Baby" - neben der synchronisierten Fassung zusätzlich eine Originalversion des Films. Auch die Einführung der DVD auf dem deutschen Markt hat ihren Teil dazu beigetragen. Vor zehn Jahren mussten Filmfans noch Unsummen ausgeben, um einen Film in seiner ursprünglichen Version zu kaufen. Nun bekommt man beim Kauf des Films beide Versionen zu einem vernünftigen Preis.

Ein weiterer Grund ist der Bildungsstand vieler jugendlicher Filmfans. Englisch wird ab der dritten Klasse unterrichtet, immer mehr Menschen bezeichnen sich selbst als bilingual und können einem englischsprachigen Film inhaltlich ohne Probleme folgen. Eine Untertitelung würde ausreichen. Nur nicht-englische Filme müssten noch synchronisiert werden. Das aber sind gerade einmal 20 Prozent der importierten Werke.

Auch die Filmkritik ignoriert die Synchronisation von Spielfilmen. So verwundert es kaum, dass der letzte Disput, den Elsholtz mit einem Filmkritiker hatte, aus dem Jahr 1984 datiert. Damals hatte Helmut Karasek die Interpretation von Elsholtz im Spiegel verrissen. "Es gab dann eine Replik", erinnert sich Elsholtz, "die sogar im Jahresrückblick erwähnt wurde." Ansonsten gibt es nur vereinzelte Kommentare, als Faustregel gilt: Über Synchronisation wird nur geschrieben, wenn sie schlecht war.

Vielleicht liegt das Problem von Synchronisationen darin, dass sich die Zuschauer nicht sicher sind, was sie von den deutschen Versionen halten sollen. Sind das bloße Übersetzungen oder Neuinterpretationen? Elsholtz, der auch als Synchronregisseur tätig ist - er war verantwortlich für "Indiana Jones" und "Austin Powers" -, antwortet zweideutig: "Wenn ein Bild sehr schlecht ist, dann darf man in die Galerie gehen und es übermalen. Nur: Wer würde sich erlauben, die Mona Lisa zu übermalen?"

Veto-Recht für Regisseure

Regisseure wie Steven Spielberg und Oliver Stone zum Beispiel behalten es sich vor, Veto gegen eine Synchronisation einzulegen. Wes Anderson, Regisseur von "Die Tiefseetaucher", verzichtete darauf. Das lässt Platz für Kreativität. Bleibt die Frage, ob die Zuschauer diese Kreativität möchten. In "Austin Powers" wurde aus der Figur Ivana Humpalot Anette Halbestunde. Eine korrekte Übersetzung ist das nicht, die Meinung der Zuschauer ging auseinander. Fans von Synchronfassungen sprachen von einer Sternstunde, die Gegner waren erbost.

Selbst die Sprecher - sie sind die Stars und die, die ihr Geld damit verdienen - sind nicht uneingeschränkt begeistert. Elsholtz, der bei zwei Filmen von Akira Kurosawa die Synchronregie übernahm, meint vieldeutig: "Ich sage nur soviel: Ich mag die japanische Sprache sehr gern." Das klingt nicht gerade nach einem Plädoyer für den Fortbestand der Synchronisation. Nur bei einem untertitelten Kurosawa würde man in den Genuss der japanischen Sprache kommen.

Bekannte Synchronsprecher leihen verschiedenen Stars ihre Stimme. Zum einen tun sie das aufgrund der berühmten Stimme. Der andere Grund liegt darin, dass sich einfach nicht genug verdienen lässt mit einem einzigen Hollywood-Star. Komplikationen gibt es dann, wenn zwei Stars, die normalerweise die gleiche deutsche Stimme haben, in einem Film mitspielen. So wird Jeff Goldblum in "Die Tiefseetaucher" von Martin Umbach gesprochen, Tom Hanks wie gewohnt von Arne Elsholtz. Die Zuschauer der Synchronfassungen werden es merken, allen anderen wird es egal sein.

Was, wenn die Stars aufhören?

So lange die Zuschauer Hollywood-Stars mit einer deutschen Stimme assoziieren, wird die Synchronisation Fürsprecher finden. Was aber, wenn die Stars der alten Garde - allen voran Arne Elsholtz und Christian Brückner - einmal aufhören, die DVD ihren Siegeszug fortsetzt und die Zuschauer Originalversionen den Übertragungen bevorzugen? Dann könnte die These von Guido Marc Pruys wahr werden, die er in seinem Buch "Die Rhetorik der Filmsynchronisation" formulierte und derzufolge "die englische Sprache auch im Film selbstverständlich wird und Synchronfassungen als Anachronismus gelten."

Dann werden manche Sprecher ihren letzten großen Auftritt haben. Bis dahin kwönnte es Tom Hanks, Bill Murray, Jeff Goldblum und Kevin Kline in den Sinn kommen, zusammen einen Film zu machen. "Dann mache ich aber auch noch Regie und sperre mich zwei Wochen ganz alleine ins Studio", scherzt Elsholtz. Erwähnt würde er deswegen freilich immer noch nicht. Es sei denn, Manni das Mammut spielt auch mit.