Aus ihrer Geschichte weiß die Kirche, dass aus jeder Splittergruppe eine große Gegenkirche wachsen kann. Die glühende Frömmigkeit, die auch der vollkommen agnostische Zuschauer während einer tridentinischen Messe, samt ihrem Charme der klandestinen Untergrundhandlung, erleben kann, ist ein Menetekel: So volle Kirchen erlebt die derzeitige Amtskirche nur an hohen Feiertagen.
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Gefährlich zweideutig
Dazu kommt ein kirchenrechtliches Problem von gefährlicher Zweideutigkeit. Die Weihe der lefebvristischen Bischöfe erfolgte 1988 zwar im Dissens mit der römischen Kirche - Versuche, einen Kompromiss zu finden, waren unmittelbar zuvor an den überzogenen Bedingungen von Erzbischof Marcel Lefebvre gescheitert -, aber der sakramentale Charakter der Weihe könnte deswegen gleichwohl unauslöschlich sein. Jedenfalls eröffnete sich hier die Chance einer abweichenden apostolischen Nachfolge mit allen magischen Qualitäten des Priestertums, die eine Heilsanstalt wie die Kirche nicht ignorieren kann.
Hier gibt es eigentlich nur zwei Wege: Kompromiss oder - heute nur bildlich - Auslöschung mit Feuer und Schwert, also mit schärfsten kirchenrechtlichen Sanktionen. Da nicht einmal die Exkommunikation fruchtete, entschloss sich Papst Benedikt XVI., den Weg des Kompromisses zu gehen, die Exkommunikation - nicht die Suspension im Amt - aufzuheben, in der Hoffnung auf weitere Einigungen. Dem liegt eine kirchenpolitische Grundentscheidung zugrunde, die im Pontifikat dieses Papstes bereits mehrfach sichtbar geworden ist: Die innere Einheit der Kirche mit ihrer Tradition ist ihm ein höheres Gut als Ökumene, Dialog mit anderen Religionen oder gar Erfolg bei den liberalen Öffentlichkeiten vor allem der westlichen Welt.
Der Irrsinn des Möglichen
Nicht dass Benedikt all dies ganz ausschlüge: Er hat durchaus Gesten gegenüber dem Judentum und dem Islam - weniger gegenüber den protestantischen Kirchen, denen seine besondere intellektuelle Geringschätzung gilt - getan, die im Rahmen seiner dogmatischen Grundhaltung ein Höchstmaß an Großzügigkeit signalisieren sollten. Dazu kommt eine intellektuelle Offenheit gegenüber der zeitgenössischen Philosophie - beispielsweise im Dialog mit Jürgen Habermas -, die Ratzinger-Benedikt zu einem respektierten Autor auch bei Nichtkatholiken werden ließ. Wann ist das einem Papst zum letzten Mal gelungen?
Doch diesen intellektuellen Kredit hat er nun erst einmal verloren. Die Äußerungen des antisemitischen, verschwörungstheoretisch infizierten Wirrkopfes Williamson sind so ekelerregend, dass beispielsweise die führenden katholischen Intellektuellen Frankreichs, unter ihnen Rémi Brague oder René Girard, sich umgehend von einer Kirche distanzierten, die die Gemeinschaft mit solchen Gestalten sucht. Das muss den Papst weit tiefer treffen als die läppischen Rücktrittsforderungen Hans Küngs oder das ziemlich beispiellose Grummeln des deutschen Episkopats.
Dass der Papst zum selben Zeitpunkt einen Hetzer wie Gerhard Maria Wagner zum Weihbischof von Linz ernennt, gehört zu einem vom Vatikan bemerkenswert dilettantisch verfolgten Drehbuch im Genre "ostentative Unabhängigkeit vom Meinungsklima".
Außerordentlich unattraktiv
Zwar kann die Aufregung der liberalen Öffentlichkeit der Papstkirche bis zu einem gewissen Grade durchaus gleichgültig sein, selbst der Protest eines gefühlvollen, zeitgemäßen Gegenwartschristentums. Weniger aber vielleicht ihre Ausstrahlung bei all jenen, die sich um die geistige Überlieferung der Kirche auch im Kampf mit der Zeit bemühen. Hier nämlich darf man mit großer Kühle feststellen: Was nun, nach der Öffnung der von der Außenluft abgeschlossenen Kapsel Piusbruderschaft ans Licht kommt, ist außerordentlich unattraktiv.
Menschen, die - wie nun auch ein lombardisches Mitglied dieser Gemeinschaft - den Holocaust für historisch inexistent halten, werden auch sonst geneigt sein, alles Mögliche, nur nicht das Vernünftige, für wahr zu halten. Der große katholische Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton hat genau diese Drift in den Irrsinn des Allesmöglichen als die größte Gefahr benannt, die vom Unglauben ausgeht. Menschen wie Williamson verhalten sich nicht nur zutiefst verletzend gegenüber den Juden, zumal den überlebenden Opfern; sie zeigen ein gestörtes Verhältnis zu den kommunikativen Grundlagen irdischer, nicht geoffenbarter Wahrheit.
Für sie besteht - wie einst für die antifreimaurerischen Gegner der Französischen Revolution - die Weltgeschichte aus lauter Machenschaften hinter den Kulissen. Ihr Geist unterscheidet sich nicht von dem der Reißer eines Dan Brown, nicht einmal vom gnostischen Weltaufriss im "Harry Potter", den Weihbischof Wagner so verdammt.
Angesichts eines so glibbrigen geistigen Abgrunds darf man auch die intellektuellen Sympathisanten der Piusbruderschaft im deutschsprachigen Raum nach ihrem Verhältnis zu dieser Gespensterwelt befragen. Jedenfalls könnte sich die Aufhebung der Exkommunikation der vier Lefebvristen als ein Pyrrhus-Sieg der Traditionalisten erweisen: Schmieriger, abstoßender hat man diesen Untergrund, der doch nur Reinheit in der Tradition sucht, nie gesehen. Vielleicht hat Benedikt XVI. für die dauerhafte Einheit seiner Kirche am Ende mehr getan, als im zunächst bewusst war.
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(SZ vom 03.02.2009/holz/rus)
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Es ist schade, daß sich in diesem Forum rund um die gründliche Analyse von Gustav Seibt triviale, oberflächliche Ping-Pongs eingestellt haben. Seibt hätte bessere Kommentare verdient. Einen möchte ich beifügen:
Seibt schreibt zu recht, daß sich Benedikt XVI. gar nicht bewußt war, daß er zur langfristigen Einheit seiner Kirche möglicherweise sehr viel beigetragen hat.
Er war sich aber wohl noch weniger bewußt, daß er mit dieser erneuten Kontroverse Katholiken wie Nichtkatholiken einen sehr tiefen Einblick in das Denken, in die dogmatischen Strukturen und in die innerkirchlich(!)-logischen Abhängigkeiten seiner Kirche und seiner Kurie vermittelt hat. Diese Kirche ist letztlich Gefangene ihres eigenen, über Jahrhunderte gewachsenen Theoriegebäudes. Und dieses Gebäude hat möglicherweise mit lehramtlicher Theologie sehr viel zu tun, mit offener Vermittlung des Wortes Gottes wohl fast nichts mehr. In diesem Fall meine ich mit "Wort Gottes" die Biblel ja, es gibt ja noch andere "Worte Gottes" in unserer Welt.
Und dieser tiefere Einblick offenbart, daß diese Kirche neue Luther, Zwingli und Calvins brauchte. Doch die bald 500 Jahre alte Reformation hat leider auch Kraft und Schwung verloren, denn sie ist ihrerseits eine Gefangene der eigenen, diversen protestantischen Dogmatiken geworden.
In dem Sinne sind die Ratzinger-Fehlleistungen wichtige Beiträge zur Beleuchtung der tiefen Verstrickungen der Kirche in ihrem eigenen katholischen Lehrgebäude. Wer weiß, vielleicht ist dieses Pontifikat von Gott in die Welt gesandt worden, um das dogmatische Dickicht zu durchbrechen, das es Gläubigen verunmöglicht, den direkten Weg zu IHM zu finden. So wie es die Reformatoren vor bald 5 Jahrhunderten geleistet hatten.
Typisch Ratzinger, er versucht wieder mal den Spagat. Basierend auf bewusst lausiger Übersetzung der Urtexte zimmert er weiter am Unfehlbarkeitsnymbus der katholischen Kirche. Die Lefebvre-Jünger sind noch bescheuerter als der ganze Vatikan. Die sollten wirklich mal in einen lateinisch-griechischen Intensivkurs, Ratzinger eingeschlossen.
Kann jemand dem Papst einen Hinweis auf die Seite
www,womens-bible.com
zukommen lassen? Dann dämmerts bei ihm vielleicht, wie daneben die katholische Kirche mit ihren Glaubensansätzen wirklich ist...
Ein Glaube, der auf Güte, Vergebung und Liebe gründet, kann nicht von Männern stammen. So einfach kann Glaube sein.
Es ist ganz angenehm seibts unaufgeregten Artikel zu lesen.; nach all dem rücktrittsgefuchtel und den Sündensuaden in unseren Medien.
R.Greiler ist ein Verschwörungstheoretiker der alten Schule. Sofern er überhaupt wahrnimmt, daß die Aufhebung der Exkommunikation in keinem direkten Zusammenhang mit den wirren Thesen von Williamson stand und sich der Papst außerdem massiv und nachhaltig gegen die Leugnung ausgesprochen hat, wird er dies nur für einen klugen Schachzug des Papstes halten, um der Öffentlichkeit die angebliche "Wahrheit" möglichst schonend nahezubringen.
Allerdings hat das alles nicht mit dem Papst zu tun.
Denn der und auch die übrige katholische Kirche, ausser dem bisher einzigen Bischof der Piusbruderschaft, hat ja nun den Holocaust nie geleugnet.
Warum benutzen Sie eigentlich den Papst und die katholische Kirche für ihre Machenschaften, den Holocaust zu leugnen.
Paging