Streit um "Defiance" Daniel Craig und die polnischen Nationalisten

Seit Hollywood im Film "Defiance" die Bielski-Brüder als Helden feiert, streitet Polen um die Rolle der jüdischen Widerstandskämpfer.

Von Thomas Urban

Groß war die Aufregung in Polen, bevor der Hollywood-Film "Defiance" ("Trotz") in die Kinos an der Weichsel kam. In ihm spielt der blonde britische James-Bond-Darsteller Daniel Craig einen jüdischen Partisanen, der im Zweiten Weltkrieg in den undurchdringlichen Wäldern des damaligen Ostpolens gegen die deutschen Besatzer kämpft. Tuvia Bielski heißt er im Film, so nannte er sich allerdings erst später. Seinerzeit hieß er noch Tewje Bielski - der Name, der jetzt in Polen wieder heftig diskutiert wird.

"Defiance" zeigt, wie Bielski und seine drei Brüder aus mehreren hundert versprengten Juden, die aus den von der SS eingerichteten Ghettos fliehen konnten, eine Untergrundtruppe formen. Sie werden unterstützt von sowjetischen Partisanen, die sie auch bewaffnen. Inszeniert hat das Ganze der amerikanische Regisseur Edward Zwick ("Blutdiamanten", "Der letzte Samurai"), für den dieser Film ein sehr persönliches Anliegen ist - er hat Mitglieder der eigenen Familie im Holocaust verloren.

In Polen protestierte die nationalpatriotische Presse gegen den Film, das Argument: Die Bielski-Brüder würden als Helden dargestellt, in Wirklichkeit aber habe ihre Partisanentruppe die Dörfer der Region ausgeplündert, dabei jeden Widerstand der Bauern brachial gebrochen. Ihr schlimmstes Verbrechen: Sie hätten in dem Dorf Naliboki, das heute zu Weißrussland gehört, 128 polnische Zivilisten ermordet. Sie seien "jüdisch-bolschewistische Banditen" gewesen, befand die Tageszeitung Nasz Dziennik, herausgegeben von den Betreibern des nationalistischen Senders Radio Maryja. h

Auch die überregionale Presse nahm sich des Themas an. Es schien sich ein neues Kapitel des großen Streites um die "Judenkommune" abzuzeichnen, um die Frage nach den polnischen Juden, die, verbittert über die antisemitische Politik Warschaus in den Vorkriegsjahren, ihr Heil im Sozialismus sahen und zu Funktionären des verbrecherischen stalinistischen Systems wurden.

Diese Frage hatte hinter den heftigen Kontroversen über die Judenpogrome von Jedwabne 1941 und Kielce 1946 gestanden. Dabei handelt es sich keineswegs nur um Debatten über die Bewertung längst abgeschlossenes Kapitel der Geschichte. Vielmehr betreffen sie ganz direkt das Selbstbild der polnischen Konservativen und Nationalisten als "Volk der Helden und Opfer".

Den amerikanischen Filmemachern wurde vorgeworfen, sie hätten verschwiegen, dass Tewje Bielski unter dem Vornamen Anatol sich den sowjetischen Besatzern nach deren Einmarsch in das damalige Ostpolen im September 1939 als Kommissar zur Verfügung gestellt habe. Die Kommissare waren die Aufseher der Partei in der Armee, sie hatten die Deportation der polnischen Führungsschicht in die Arbeitslager Sibiriens und am Polarkreis zu gewährleisten.

In dem Film, der mit dem eingeblendeten Satz "Dies ist eine wahre Geschichte" beginnt, fehlt der polnische Aspekt völlig. Die Handlung ist eindimensional erzählt, die Charaktere sind schwarzweiß und auch die politische Landschaft ist klar und überschaubar: hier die brutalen und hinterlistigen deutschen Besatzer, dort die heldenhaft um ihr Leben und ihre Freiheit kämpfenden Partisanen. In Wirklichkeit waren die Verhältnisse in der Region überaus verworren: Es gab nämlich nicht nur jüdische Partisanen, sondern auch polnische und sowjetische, die sich zuerst mit größtem Misstrauen begegneten, später sogar gegeneinander kämpften.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie der Film mit geschichtlichen Fakten umgeht.

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