Staatsbibliothek rüstet auf Digital im Original

Die verschiedenen Darstellungsformen der App bieten für jeden User das Richtige, egal ob interessierter Laie oder Literaturwissenschaftler.

(Foto: Bayerische Staatsbibliothek)

App "Deutsche Klassiker in Erstausgaben" eingeführt

Von Astrid Benölken

Ihren Wert sieht man den Büchern von außen gar nicht an. Der Einband ist abgegriffen, die Seiten sind fleckig mit einem Stich ins Gelbe. Doch Erstausgaben sind unschätzbar kostbar für Literaturwissenschaftler. Selten ist man Goethe so nah, als wenn man - natürlich mit Handschuhen - durch die Seiten seiner Erstveröffentlichung des "Fausts" blättert, selten spürt man den ursprünglichen Charakter des Werks so intensiv, als wenn man die von heutiger Rechtschreibung unberührten Wörter liest.

Daneben haben alte Erstausgaben heutzutage auch einen respektablen materiellen Wert, sind zu begehrten Sammlerobjekten geworden: Eine deutsche Erstausgabe von Franz Kafkas "Verwandlung" aus dem Jahr 1915 ging vor einiger Zeit bei einer Onlineversteigerung für mehr als 23 000 Euro über den virtuellen Ladentisch. Ist das Werk erworben, verschwindet es schnell in einem voll klimatisierten Safe. Die Bayerische Staatsbibliothek verfügt über einen umfangreichen Bestand an solchen Tresorschätzen, dank einer riesigen Scannerflotte und des Mammutprojekts Digitalisierung ist nun vieles virtuell erfasst. Doch der Zugang ist für Literaturinteressierte oft umständlich. Das soll durch die neue App "Deutsche Klassiker in Erstausgaben" nun anders werden.

Geplant war ursprünglich, die Applikation etwas griffiger "100 Klassiker in Erstausgaben" zu nennen - angesichts des Arbeitsumfangs sind es nun zunächst 30 Werke geworden, eine ausgesuchte Mischung aus den Bereichen Lyrik, Epik und Drama. Vielfach sind es recht bekannte Stücke wie Kafkas "Verwandlung" oder Goethes "Faust", aber auch weniger vertraute Werke wie ein öffentlich bislang kaum wahrgenommener Gedichtband von Annette von Droste-Hülshoff sind darunter. Das Besondere liegt nicht in der eigentlichen Veröffentlichung der Texte - solche Vorstöße gab es bei erloschenem Urheberrecht schon andernorts, etwa mit dem "Projekt Gutenberg" - sondern der Aufbereitung derselben. So kann der Benutzer zwischen drei verschiedenen Ansichten wählen, einer schlichten E-Book-Aufmachung des Texts, Scans des Originalwerks und einer "Hybrid-Sicht", wie Klaus Ceynowa, Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek, sie nennt, bei der die E-Book-Schrift über den Text der Erstausgabe gelegt wird. Damit bliebe die "Aura" der Werke, weiterhin erhalten; die vielfach in Fraktur- oder Mischschriften verfassten Bücher seien aber auch für Laien lesbar.

Es ist nicht das erste Zugeständnis der Staatsbibliothek ans digitale Zeitalter. Die neueste Applikation miteingerechnet, hat sie inzwischen acht Apps veröffentlicht; darunter eine Anwendung zu Ludwig II., die Augmented-Reality-Elemente enthielt, und die bisher erfolgreichste App "Famous Books". Im Jahr 2008 startete die Bibliothek sogar als erste große Bücher-Institution eine Second-Life-Insel als Anlaufstelle in der virtuellen Realität, um sich "der nächsten Stufe der Internetentwicklung" anzunehmen. Eine Sackgasse, so wie die gesamte Second-Life-Entwicklung, wie sich später herausstellen sollte. "Auf der Insel war es zwar schön, aber auch recht einsam", kommentiert Ceynowa den Vorstoß aus heutiger Perspektive.

Sieben Jahre später ist Second-Life längst Geschichte, zur persönlichen Ausstattung gehört stattdessen die eigene App. Wie viele Nutzer sie später einmal tatsächlich verwenden werden, lässt sich anhand der bisherigen Veröffentlichungen der Staatsbibliothek nur mutmaßen. Es handele sich hierbei ja "nicht um Angry Birds, sondern um eine Kulturapp", relativiert Ceynowa schon mal im Vorfeld. Dabei lagen die Entwicklungskosten immerhin im niedrigen fünfstelligen Bereich. Neben Geld wurde auch viel Arbeitszeit in die Gestaltung des Angebots investiert, ein dreiviertel Jahr dauerte es von der Idee bis zum Launch. Trotzdem ist die App zunächst nur einem ausgewähltem Publikum vorbehalten: Derzeit gibt es die "Deutschen Klassiker in Erstausgaben" nur für Apple-Geräte. Eine Android-Version ist in Planung - kommt aber aller Voraussicht nach erst im kommenden Frühjahr raus.

Schade eigentlich, bietet die App doch einen großen Mehrwert für den Nutzer: Er kann digital Lesezeichen setzen, Notizen verfassen, sich in die kompakten Zusatzinformationen zum Werk vertiefen oder, ganz altmodisch, einfach nur lesen. Ob das Erlebnis, in einer Erstausgabe zu schmökern, auf dem Bildschirm das Gleiche ist, wirft die schon oft ausgetragene Diskussion zwischen E-Book und gedruckter Lektüre auf. Wie man auch dazu stehen mag: Zumindest braucht man sich zum Umblättern auf dem Handy nicht extra Handschuhe anzuziehen.

Deutsche Klassiker in Erstausgaben, App, kostenlos erhältlich im App-Store