Scorpions: Umstrittenes Cover Die böse Blöße

Im Internet scheinen die Behörden im Kampf gegen Kinderpornographie kapituliert zu haben. Nun entbrennt eine Diskussion um ein 32 Jahre altes Scorpions-Cover.

Von Martin Zips

Im Internet - das ist ein alter Hut - finden sich Millionen von Seiten mit zweifelhaftem Inhalt. Bilder und Filme, auf denen alles, was anatomisch irgendwie möglich ist, vorgeführt wird. Von menschlichen Wesen übrigens, denen der Theologe und Philosoph Thomas von Aquin einmal zugestanden hat, grundsätzlich vom Typus "Animal Rationale" zu sein. Wobei es der Entscheidung jedes Einzelnen obliegt, ob er sich eher auf die Seite des Animalischen oder des Rationalen schlägt.

Pornographisch? Auf jeden Fall werbewirksam: Mit dem Album "Virgin Killer" gelang den Scorpions 1976 der Durchbruch.

(Foto: Foto: oh)

Bekannt ist auch, dass vieles von dem, was selbst von Minderjährigen mühelos aufgerufen werden kann, ohne Zweifel als jugendgefährdend einzustufen ist - und dennoch nicht so leicht verboten werden kann. Da mutet der Kampf, den verdiente Institutionen führen, die sich "Bundesprüfstelle" oder "Freiwillige Selbstkontrolle" nennen, hoffnungslos verloren an. In Sachen Sex "kommen schon länger keine Anträge mehr", sagt Elke Monssen-Engberding, Vorsitzende der Bundesprüfstelle. Die Welt scheint kapituliert zu haben.

Werbewirksame Plattenhülle

Nun aber liegt eine heftig diskutierte Beschwerde vor: Es geht um die Verbreitung eines Fotos, das von Kritikern als kinderpornographisch eingestuft wird. Vor dem Hintergrund des ganz normalen Internetwahnsinns erscheint es freilich absurd, dass sich die aktuelle Beschwerde auf ein Plattencover aus dem Jahr 1976 bezieht. Der mittelmäßigen deutschen Rockband Scorpions war damals mit dem Album "Virgin Killer" der Durchbruch gelungen - was auch mit der Diskussion zusammenhängen könnte, die die Öffentlichkeit damals werbewirksam über die nackte Zehnjährige auf der Plattenhülle führte.

Wegen des (heute 42 Jahre alten) Mädchens, von dem nur der Vorname Jaqueline überliefert ist, durfte "Virgin Killer" in einigen Ländern nur in schwarzem Kunststoff eingeschweißt verkauft werden. In den USA, erinnert sich der damals zuständige Artdirector Steffan Böhle, 62, sei die anstößige Platte zur ersten deutschen "Underground-LP" geworden. Als Export-Artikel sei sie unter dem Ladentisch erhältlich gewesen. Gar kein Problem mit dem Cover hätten die Japaner gehabt: "Die hätten sich nur über eine erwachsene Nackte aufgeregt", sagt Böhle.

Wegen der Empörung hatten sich die Scorpions einst auch für ein Alternativ-Cover entschieden: Es zeigt die Lieblingsband von Ex-Kanzler Gerhard Schröder - angezogen und fröhlich hüpfend. "So etwas wie mit dem Mädchen würden wir nie wieder machen", sagte Scorpions-Gründer Rudolf Schenker kürzlich in einem Interview. Nichtsdestotrotz wird die Platte auch heute in vielen Ländern verkauft - mitunter mit schwarzen Balken auf dem Cover.

Geschmackssache

Spätestens seit den Diskussionen um Vladimir Nabokovs Roman "Lolita", dem Aufklärungsfotobuch "Zeig mal!" von Will McBride und den Szene-Filmen von Larry Clark hat die berechtigte Frage nach dem künstlerischen und moralischen Wert der Verbindung "Minderjährige plus Erotik" Tausende von Autoren beschäftigt. Selbst die Faustregel, wonach es nicht Kunst sein könne, was dem Kommerz diene, greift nicht immer: So feiert die Fachwelt dieser Tage die in Kinderbuchoptik gemalten, millionenteuren Akte von Lisa Yuskavage ("Tittenhimmel", "Kleiner Wichser") als große Kunst. Geschmackssache.

In Australien wiederum befand gerade der New South Wales Supreme Court, dass die Figuren der US-amerikanischen Zeichentrickserie "The Simpsons" nach den Gesetzen des Bundesstaates und des Commonwealth als "Personen" zu gelten hätten - und dass Darstellungen sexueller Handlungen dieser Figuren als Pornographie zu werten seien. Das Urteil gegen einen Mann, bei dem man manipulierte Bilder auf dem Computer gefunden hatte, die die Simpsons-Kinder beim Sex zeigten, sei daher rechtens. Er war zuvor wegen des Besitzes von Kinderpornographie - gemeint sind die Simpsons-Bilder - zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe und einer Geldbuße verurteilt worden.

Ein anderer aktueller Fall: Weil sie ihren Freundinnen Nackt-Fotos von sich auf das Handy geschickt hatte, wird eine 15-jährige Schülerin aus Ohio beschuldigt, Kinderpornographie verbreitet zu haben. Manchmal nimmt eine gutgemeinte Idee groteske Züge an.

Der kindliche Scorpions-Akt sollte laut Designer Böhle einen Liedtext illustrieren, in dem es "um die Jungfräulichkeit der Natur" geht, "die durch den Menschen zerstört wird". Zur aktuellen Diskussion - ausgelöst durch die Sperrung des Artikels über "Virgin Killer" auf der britischen Wikipedia-Seite - sagt er: "Ich finde Internet-Indizierung grundsätzlich richtig, wenn sie Kinderpornographie und Gewaltverherrlichung verhindert. Aber wir haben das nie pornographisch gemeint. Ist es nicht viel schlimmer, dass sich jedes Kind heute innerhalb von zwei Sekunden die größten Perversionen, Sex und Gewalt, im Internet als Bild und Video ansehen kann?"

Kindliche Nacktheit allgegenwärtig

Auch Michael von Gimbut, 62, Fotograf des Bildes, stimmt die Diskussion nachdenklich: "Was folgt als Nächstes? Gerade im skulpturellen Bereich ist die kindliche Nacktheit doch allgegenwärtig. Da können Sie in Berlin jeden zweiten Brunnen zerschlagen. In den bayerischen Kirchen sind ja auch überall nackte Putti." Gimbut beteuert: "Wir liebten und beschützten die Kinder damals und schliefen nicht mit ihnen." Bei der Aufnahme seien er, seine Frau, die Mutter des Kindes, die Schwester und drei Assistentinnen dabei gewesen. Das Modell sei nicht in "unnatürlicher, geschlechtsbetonter Körperhaltung" fotografiert worden. "Ich habe den Eindruck, dass man hier einen Musterprozess führen möchte. Niemand hat die Bundesprüfstelle ernst genommen, in der letzten Zeit. Nun hat sie eine Möglichkeit, wieder ins Gespräch zu kommen." Damals habe sie das Motiv geprüft und durchgewunken, so der Fotograf.

Bei der "Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter", wo die neue Beschwerde ankam, heißt es: "Wir sehen durchaus, dass das beanstandete Cover als Posenbild gesehen werden kann, das wäre dann illegal." Nun sei die Bundesprüfstelle dran. Sie wird das Cover der Kommission für Jugendmedienschutz vorlegen, weil die berechtigt sei, einen Antrag auf Indizierung zu stellen.

Die britische Internet Watch Foundation indes hat das Motiv von seiner schwarzen Liste genommen, nun wird auch der Virgin-Killer-Artikel bei Wikipedia wieder zu öffnen sein. Auch das FBI war schon mit dem Cover befasst. Ergebnis: Keine Pornographie.

Gewinner der Debatte dürften mal wieder die Scorpions sein. "Da wird derzeit richtig viel Geld gemacht", vermutet Fotograf Gimbut.