Schwulsein - evolutionsbiologisch betrachtet Alles wegen Mama

Das "Schwulen-Gen" gibt es nicht. Doch könnte Homosexualität auf den Einfluss der Mütter zurückgehen. Mutmaßt man in gelehrten Zirkeln von Padua.

Von Kosta Schinarakis

Das "Schwulen-Gen" gibt es bestimmt nicht. Da sind sich Wissenschaftler spätestens seit dem Jahr 2000 einig, als die These des Amerikaners Dean Hamer in sich zusammenbrach. Der Biochemiker vom National Cancer Institute hatte 1993 behauptet, eine Region im Erbgut von homosexuellen Brüdern ausfindig gemacht zu haben, die deren sexuelle Neigung verursache. Doch Hamers Schwulen-Gen erwies sich als Irrtum.

Tatsächlich hatten die Mütter und Tanten der Schwulen auffällig mehr Kinder als die der heterosexuellen Männer.

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Eine familiäre Komponente könnte Schwulsein aber nichtsdestotrotz haben. Italienische Forscher haben dafür jetzt ein neues Indiz geliefert. Ihr Fund könnte auch erklären, weshalb Homosexualität trotz einer vermuteten genetischen Komponente nicht längst ausgestorben ist: Schließlich ist der Fortpflanzungserfolg von Schwulen zweifelsfrei geringer als der von Heterosexuellen. Gäbe es also eine direkte genetische Ursache für das Schwulsein, müsste sie der Evolutionstheorie zufolge längst aus dem menschlichen Gen-Pool verschwunden sein. Der Anteil von Schwulen in der Bevölkerung gilt aber seit Jahrtausenden als konstant.

Die italienischen Verhaltensforscher um Andrea Camperio-Ciani von der Universität Padua haben rund 200 homo- und heterosexuelle Männer nach ihrem Stammbaum gefragt und dabei etwas Überraschendes festgestellt: In den Familien der Mütter gab es mehr Schwule als auf väterlicher Seite (Proceedings of the Royal Society B, doi: rspb.2004.2872). Demnach könnten die Frauen die Neigung zur Homosexualität an ihre Söhne weitergeben, so die Erklärung der Italiener. Selbst wenn diese sich dann nicht so stark fortpflanzen wie heterosexuelle Söhne, könnte das für die Mütter evolutionsbiologisch Sinn machen: wenn dieselben Erbanlagen ihnen und ihren Töchtern eine größere Kinderschar sichern.

Tatsächlich hatten die Mütter und Tanten der Schwulen auffällig mehr Kinder als die der heterosexuellen Männer. So könnten die weiblichen Verwandten das Defizit ausgleichen, das die Kinderlosigkeit der Schwulen hinterlässt. Schließlich bedeutet Schwulsein eine verstärkte sexuelle Orientierung hin zu Männern. Wenn dieselbe Vorliebe bei Frauen besonders ausgeprägt ist, könnte sie zu einer erhöhten Fruchtbarkeit führen, so die italienischen Verhaltensforscher.

Die Wissenschaftler betonen aber zugleich, dass neben genetischen Faktoren auch soziale Faktoren die Ergebnisse erklären können. So werden zum Beispiel Erziehungsmethoden eher von der Mutter an die Töchter weitergegeben als zwischen den Männern der Familie. Auch gebe es kein genetisches Modell, das alle Aspekte ihrer Daten erklären würde.

"Insgesamt gibt es nur wenige gesicherte Fakten über die Entstehung von sexueller Orientierung", sagt der Sexualmediziner Hartmut Bosinski von der Universität Kiel. So falle auf, dass Schwule mehr ältere Brüder haben als Heterosexuelle. "Aber wie das kommt, weiß niemand", so Bosinski. Auch seien im Hirn von Schwulen Teile des Hypothalamus, der die Hormone steuert, dichter mit Nervenzellen besetzt. "Im Hormonhaushalt selber spiegelt sich das aber nicht wider", so Bosinski. Letztlich gelte für Homosexualität das gleiche wie für Linkshändigkeit oder Intelligenz: "Einen Beweis für eine alleinige genetische Ursache gibt es nicht."