Schauspiel Aus der Klamottenkiste

Das Nürnberger Staatstheater spielt Gerhart Hauptmanns "Die Ratten" als trashige Tragikomödie

Von Florian Welle, Nürnberg

Julia Bartolome steht im weißen Kleidchen auf der Bühne: Sie ist Frau John, ein Häuflein Elend mit eingedrehten Füßen und schockverzerrtem Gesicht. Dazu weht aus der Ecke eine traurige Akkordeon-Weise, Philipp Weigand spielt sie, mit Maske auf dem Kopf. Er ist das Adelbertchen, Frau Johns Sohn, der nur wenige Tage alt wurde. Ein Gespenst.

Bartolome kniet sich neben ihn, ihre Arme so, als würde sie noch ihr Neugeborenes halten. Dann ein stummer Schrei, und die Eingangssequenz endet jäh. Zu derart bildgewaltiger Verdichtung von Schmerz und Elend, die im Folgenden Jette Johns unmoralisches Handeln glaubwürdig motiviert, wird Sascha Hawemanns Inszenierung von Gerhart Hauptmanns "Die Ratten" erst wieder gegen Ende des dreistündigen Abends finden. Bis dahin aber ist erst mal überdrehte Theaterfarce angesagt. In deren Zentrum stehen der ehemalige Theaterdirektor Harro Hassenreuter mit Familie und der Schauspielschüler Spitta.

Hawemann hat an dem 1911 uraufgeführten Stück sichtlich nicht die Kleine-Leute-Tragödie um tote und verkaufte Babys interessiert, sondern die von Hauptmann als zweite Ebene in die Tragikomödie eingezogene Theaterdebatte: Hier Hassenreuter als Vertreter der hehren Klassik, dort Spitta, der das alles für "mumifizierten Unsinn" hält und dem Naturalismus huldigt. Nun war dieser Streit ja schon in den frühexpressionistischen Entstehungsjahren der "Ratten" ein Anachronismus, und der schlaue Hauptmann hat ihn dementsprechend bereits in die Nähe der Karikatur gerückt. Umso mehr ist er dies heute, und so muss Hawemann diesen Theaterdiskursstrang, der ihn, warum auch immer, am meisten gereizt hat, fast zwangsläufig in den Trash treiben.

Die Frage scheint fortan zu sein, wer von den Darstellern am lautesten bellen kann. Stefan Lorch gibt als Hassenreuter die Oberknallcharge - sein outriertes Spiel führt sein Eintreten für den hohen Ton natürlich ad absurdum. Flankiert wird er von seiner Frau - Nicola Lembach als Alkoholikerin - sowie seiner Tochter Walburga, die hier ein Junge in Frauenkleidern (Philipp Weigand) ist und sich in Spitta verliebt, verklemmt-aufmüpfig gespielt von Julian Keck. Auch nur Karikaturen: Josephine Köhler als Piperkarcka, mehr Straßendirne als Dienstmädchen. Sowie Frau Johns Bruder Bruno, Stefan Willi Wang als bucklig Männlein mit Schlägervisage. Bühnenbildner Wolf Gutjahr deutet die rattenverseuchte Mietskaserne, neonlichtgrell ausgeleuchtet, mit Papierwänden an. Durch die stürzen nun alle gerne krachend auf die Bühne, als wären sie nur Vollpfosten und nichts anderes - Slapstick lässt grüßen. All diese Ideen würden, partiell eingesetzt, vielleicht als Störmomente taugen. In unablässiger Abfolge produzieren sie indessen nur enervierende Langeweile.

Und so dreht sich die Inszenierung schnell im Kreis. Der überhitzte Leerlauf zu Roy-Orbison-Schlagern kommt erst zur Ruhe, als Hassenreuter und Konsorten gen Straßburg abdampfen und Frau John und ihren Mann allein zurücklassen. Daniel Scholz ist ebenso überzeugend in seiner aggressiven Verzweiflung wie nun wieder Julia Bartolome in ihrer ganzen Not. Die Inszenierung, deren Ansatz allenfalls phasenweise trägt, können sie aber unterm Strich auch nicht mehr retten.