"Eine Depression ist ein fucking Event!": Sarah Kuttners Romandebüt "Mängelexemplar".
Das war fällig: In der Serie "Musiksender-Moderatorinnen schreiben Bestseller" folgt auf die "Feuchtgebiete" nun eine Trockenübung. Charlotte Roches traurig-obsessives Ekelbuch über Körperausscheidungen, Selbstverstümmelung und Enddarmerotik im Psychoschatten eines familiären Traumas soll nach Auskunft der Autorin zu siebzig Prozent autobiographisch sein. Die fast gleichaltrige Sarah Kuttner, die mit Roche außer der Karriere bei Viva und MTV eine geradezu furchterregende Umtriebigkeit auf diversen Gebieten gemeinsam hat, erzählt in ihrem Romandebüt "Mängelexemplar" von Depressionen, betont jedoch, mit dem Leiden keine persönliche Bekanntschaft gemacht zu haben.
Bild vergrößern
Sarah Kuttner, Moderatorin und Romanautorin. (© Foto: ddp)
Anzeige
Nur eine Panikattacke, so heißt es, habe einmal bei ihr angeklopft. Unter Freunden, Bekannten und Kollegen aber konnte sie genügend Material zum Modethema sammeln, sind doch Depressionen längst keine "Tabuzone" mehr, sondern das, was einschlägige Medien genüsslich eine "Volkskrankheit" nennen. Was allerdings auch daran liegt, dass der Begriff Depression mittlerweile inflationär verwendet wird für alle Arten von Traurigkeit, Verstimmung oder zeitweiligem Lebensüberdruss.
Der nicht so leise Feentritt
Und daran, dass wir in einem Zeitalter leben, das reibungsloses Funktionieren im Alltag mit seelischer Gesundheit verwechselt und deshalb pathologisiert, was seit Jahrtausenden zum menschlichen Dasein gehört: Melancholie, Taedium vitae, Weltschmerz oder Liebesleid. Ohne diese existentiellen Erfahrungen wäre mindestens die Hälfte aller Werke der bildenden Kunst, Musik und Literatur nicht entstanden, auch wenn Schwermut allein noch keine schöpferische Inspiration garantiert. Vergleicht man unter diesem Aspekt frühere Epochen mit der unsrigen, so kann einen der Verdacht beschleichen, dass zwischen dem Zwang zum Gut-drauf-sein und der Tendenz zur geistigen Verarmung ein direkter Zusammenhang bestehen könnte.
Vor anderthalb Jahrhunderten dichtete Gottfried Keller: "Sei mir gegrüßt, Melancholie/Die mit dem leisen Feenschritt/Im Garten meiner Phantasie/Zur rechten Zeit ans Herz mir tritt!" Vor fünfzig Jahren lautete ein angesagter Romantitel immerhin noch "Bonjour tristesse". Heute beginnt ein Buch, das umstandslos die Bestsellerlisten stürmt, mit dem Satz: "Eine Depression ist ein fucking Event!"
Der so spricht, ist ein Psychiater, und das lässt kurzzeitig hoffen, es möge sich beim Folgenden um eine Satire handeln. Aber in Sarah Kuttners Welt, das wird rasch offenbar, reden alle so, und zwar ununterbrochen. Wer den Code und das dazugehörige Milieu nicht kennt - das ist nicht unbedingt eine Altersfrage -, stolpert nicht bloß über staunenswert niedrige Peinlichkeitsschwellen, sondern verpasst auch die liebevoll ausgedachten Pointen, von denen die Erzählung lebt.
Mit Anglizismen gemästete Sprache
Man muss also wissen, was ein "Niels-Ruf-Grinsen" ist, was eine "Fresse Galore" bedeutet und was sich hinter einer "Emo-Maschine" verbirgt, um den Text goutieren zu können. Und man sollte bereit sein, all seine Coolness zusammenzuraffen, wenn die mit Anglizismen gemästete Sprache ihren Enddarm nach außen stülpt: "You can get it if you really want. Ich wante vermutlich nicht really genug. Auf der anderen Seite wante ich zumindest genug, um ordentlich unzufrieden zu sein, es nicht zu getten."
Wer danach immer noch weiterlesen mag, hat es mit einem Zwitter aus Fallgeschichte, Ratgeber und aufgekratzter Mädchen-Unterhaltung zu tun. Karo, siebenundzwanzig Jahre alt, Ich-Erzählerin in des Wortes penetrantester Bedeutung, hat ihren Job als Eventmanagerin verloren und ist von ihrem Freund Philipp, der ihr eigentlich schon seit geraumer Zeit auf die Nerven ging, verlassen worden. Außerdem wurden ihrer Kindheit ein paar Schönheitsfehler zugefügt durch einen abwesenden Vater, eine überforderte Mutter und einen pädophilen Onkel, was sich nun in mangelnder psychischer Stabilität niederschlägt.
Das alles hätte zur Not einen Romanstoff ergeben, im Sinne jenes unvergesslichen Beton-Werbeslogans: Es kommt darauf an, was man daraus macht. Hier aber sollte offenbar die Ratgeberfunktion im Vordergrund stehen, und so handelt Kuttner die Lebenskrise ihrer jungen Heldin im Fachjargon ab: Panikattacke, Angststörung, Depression.
Das spätpubertäre Liebesgeplänkel und Szenegeschwätz, das man mit dem Genre der weiland Neuen Frauenliteratur schon gnädig versenkt wähnte, lebt hier in extrem juveniler Variante wieder auf und ist nun eingebettet in einen psychotherapeutischen Kontext. Mit ermüdender und romanwidriger Ausführlichkeit werden Therapiesitzungen sowie eine CD mit Anweisungen für das Autogene Training protokolliert.
Dazwischen geht es um neue Flirts, einen neuen Job, einen treuen Freund und die Aussöhnung mit der Mama. Die Art, wie die kettenrauchende Karo die Symptome ihrer Gemütsverdüsterung, ihre Panikanfälle und Stimmungsschwankungen schildert, lässt darauf schließen, dass die Verfasserin mit Depressionen der klinischen Art bisher nicht in Berührung gekommen ist: Alles bleibt auf der Ebene des Events, des medienkompatiblen und jederzeit sendefähigen Krisenmanagements, das es unter möglichst flotten Sprüchen zu absolvieren gilt.
Schleichwerbung und Lesesessel
Interessant sind die Lösungsvorschläge, die das Büchlein impliziert. Erstens ist es Karo vergönnt, sich neu zu verlieben (in der Beschreibung dieser vorsichtigen Annäherung gibt es immerhin Momente, die sich in jedem Mädchenbuch hübsch ausnehmen würden). Und zweitens entdeckt sie mit Hilfe des therapeutischen Personals die segensreichen Erfindungen der Pharmaindustrie.
Die werden zwar nicht beim Produktnamen genannt, aber in ihrer Wirkung so überzeugend dargestellt, dass der Verdacht auf raffinierte Schleichwerbung über dem Lesesessel schwebt. Im übrigen lautet die Diagnose für Kuttners Heldin: chronische Infantilität, Egomanie und popkultureller Plapperzwang. Dass sich dabei irgendwann ein Unbehagen einstellt, ist eher ein gutes Zeichen. Man muss es nur nicht gleich Depression nennen.
SARAH KUTTNER: Mängelexemplar. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009. 266 Seiten, 14,95 Euro.
- Jahresrückblick: Literatur Im Ekel steckt viel Kitsch 29.12.2008
- Charlotte Roche: "Wetlands" Shocking? 03.02.2009
- Charlotte Roche: Bestseller-Autorin 2008 Ich bin dann mal oben 29.12.2008
- Literatur vs. Wissenschaft Vergesst die Experten! 12.11.2008
- Bodo Kirchhoff: Krisen-Roman Das Weichei und der Korkenzieher 03.04.2009
(SZ vom 09.04.2009/irup)
TV-Kritik zu "Hart aber fair"
Bitte beachten Sie unsere netiquette und unsere AGB
"Das spätpubertäre Liebesgeplänkel und Szenegeschwätz, das man mit dem Genre der weiland Neuen Frauenliteratur schon gnädig versenkt wähnte, lebt hier in extrem juveniler Variante wieder auf und ist nun eingebettet in einen psychotherapeutischen Kontext."
Ich habe das Buch nicht gelesen, weiss auch nicht ob ich das noch machen werde - nur etwas interessiert mich: Wie oft waren sie in letzter Zeit in Gesellschaft von Mittzwanzigerinnen in einem In-Club? Sie würden sich wundern, was Sie da zu hören bekommen von dem sie glaubten es sei alles nicht wahr.
Bitte beachten Sie unsere netiquette und unsere AGB
Lustig, wieviele Leute sich diesen Artikel reintun, obwohl sie vorher schon davon überzeugt sind, dass Frau Kuttner nichts zu sagen hat ...
Wahrscheinlich hat sie wirklich keine klügeren Gedanken als jeder andere, der soviele zusammenhängende Sätze hintereinander schreiben kann. Aber sie drängt uns nichts auf,
im Gegenteil, WIR drängen uns auf und informieren uns, weil sie uns bekannt ist.
Ginge derselbe Artikel um ein Buch von Lieschen Müller, hätten wir ihn nicht gelesen und uns auch nicht darüber beschwert, dass sie sich für unglaublich wichtig hält.
Also bitte nicht Frau Kuttner für unsere eigene Promi-Gier beschimpfen, ja ?
dww
Da steht:
"Vergleicht man unter diesem Aspekt frühere Epochen mit der unsrigen, so kann einen der Verdacht beschleichen, dass zwischen dem Zwang zum Gut-drauf-sein und der Tendenz zur geistigen Verarmung ein direkter Zusammenhang bestehen könnte."
Pardon, aber wer so einen pauschalen Kram schreibt, kann die Popkultur der Gegenwart nur äußerst oberflächlich gestreift haben. Zwang zum Gut-Drauf-Sein? Derzeit wird doch überall die Österreicherin Soap&Skin mit ihrem Grabessound gefeiert, oder etwa nicht? Oder was war mit Antony & The Johnsons. Oder der amerikanischen Weird bzw. New Folk-Szene? Oder den ganzen Erben des Wave (Interpol, Editors etc.) in den letzten Jahre? Oder, oder, oder..
Die Gleichsetzung von Popkultur und Spaßkultur geht mir zunehmend auf den Keks. Dann bleibt halt bei Gottfried Keller, Leute.
Paging