Sammelband Ernstfall

In "Tage und Werke" ist Peter Handke als Literaturkritiker zu entdecken. Mitte der Sechzigerjahre schrieb der junge Handke als Rezensent für eine Radio-"Bücherecke".

Von Lothar Müller

Nicht selten, und oft mit hochfahrendem Stolz, tritt bei Peter Handke als Ich-Figur der Schriftsteller auf, zeigt auf seine Schreibgeräte und betont, dass er in der Schrift und im Schreiben lebe. Er hat aber ein Gegenüber, das ihn seit je begleitet: den Leser Peter Handke. Er ist älter als der Autor, der aus ihm herausgewachsen ist. Und wenn der Schriftsteller sagt: "Die Schrift ist meine Heimat. Heimat, aber gefährlich," dann steht ihm der Leser in nichts nach. Auch er lebt in der Schrift, auch ihm ist sie Heimat, auch ihm kann sie gefährlich werden. Und auch er taucht häufig als Ich-Figur im Werk Peter Handkes auf. Manchmal sekundiert er in Repliken und Richtigstellungen dem Autor und Übersetzer, nicht selten ergreift er in eigener Sache das Wort, in Kommentar, Nachwort oder in einer Notiz über andere Leser.

Jetzt ist der Band "Tage und Werke. Begleitschreiben" erschienen. Mag sein, dass sein Titel mit dem Hesiod-Titel "Werke und Tage" spielt. Aber das ist unerheblich. Es geht hier nicht um Weltzeitalter, sondern um Werke, die der Tag dem Leser und Autor Handke zugetragen hat. Und um Ereignisse wie Preisverleihungen, Einweihungen von Denkmälern, Geburtstage von Freunden, Verlagsquerelen. Früher hätte man die "Begleitschreiben", die hier versammelt sind, Gelegenheitsschriften genannt. Die meisten sind publiziert.

Und so kann, wer will, hier noch einmal nachlesen, wie der Autor Handke sich ein frisches Durchatmen der Welt wünschte, als Obama erstmals zum Präsidenten gewählt wurde, wie er im Konflikt um die Suhrkamp-Geschäftsführung seinen gespitzten Bleistift gegen den inzwischen verstorbenen Hans Barlach richtete, wie er reagierte, als er beim Heine-Preis in Düsseldorf wie beim Ibsen-Preis in Norwegen wegen seiner Äußerungen über die Kriege auf dem Balkan in die Kritik geriet.

Oder er kann nachlesen, wie der Leser Handke sich nach Jahrzehnten an Rolf Dieter Brinkmann erinnert, an "seine Sprach-Ansätze und Schwünge", die ihm als "parallel zu gewissen Ästen vor einem großen Himmel" erscheinen, wie dem Bekenntnis zu Brinkmann das zu Friederike Mayröcker an die Seite tritt, wie der Leser Handke zum Nachwortschreiber wird für Ernst Meister und Kito Lorenc, John Cheever und Florjan Lipuš, die Briefschreiber Romain Rolland und Stefan Zweig oder das gemeinsame Tagebuch von Sophia und Nathanael Hawthorne.

Was aber diesen Band zum Ereignis macht, ist das Auftreten des Lesers Peter Handke in sehr junger Gestalt, in einer Rolle, die er bald wieder abgelegt hat, ohne das damit betretene Terrain je wieder preiszugeben: die Rolle des Literaturkritikers. Die dreizehn Manuskripte, die Handke zwischen Dezember 1964 und September 1966 in Graz für die Radio-Sendung "Bücherecke" verfasst hat, waren bis auf Auszüge bisher ungedruckt.

Jetzt zeigen sie unter dem Titel "Portrait des jungen Dichters als Büchereckenschreiber im Radio Steiermark" die Doppelfigur des Lesers und Schriftsteller Handke am Beginn seiner Autorschaft. Unter dem Titel "Die Wörter als Wirklichkeit" steht eine dieser Sendungen am Beginn dieses Buches. Das ist ein Bekenntnis Handkes zu seiner Kritik am landläufigen Realismus, der Betonung des "Gemachtseins" der Literatur auch dort, wo sie vorgibt, unmittelbar dem Leben zu entstammen. Die Sendung behandelt Autoren der "Wiener Gruppe", vor allem Konrad Bayers Prosastück "Der Kopf des Vitus Bering", lobt die Abkehr "von der unbekümmerten Fiktionswut des traditionellen Geschichtenerzählers" ebenso wie die Vermeidung der dogmatischen Verengung der von Ludwig Wittgenstein erlernten Sprachkritik: "Er begann, wenn auch formal ironisiert, wieder Geschichten zu erzählen . . .".

Als die Sendung am 12. September 1966 ausgestrahlt wurde, war Handke schon von Graz nach Düsseldorf gezogen. Und es war viel passiert seit der vorangegangenen "Bücherecke" vom 4. April 1966. Im März 1966 war sein erster Roman "Die Hornissen" bei Suhrkamp erschienen. Aber nicht damit, sondern mit dem Doppelschlag seines Auftritts bei der Tagung der Gruppe 47 Ende April in Princeton und der Frankfurter Premiere seines Stücks "Publikumsbeschimpfung" in der Regie von Claus Peymann Anfang Juni 1966 war Handke zum Autor der Saison geworden.

Es hat sich eingebürgert, Handkes Auftritt in Princeton, bei dem er die "Beschreibungsimpotenz" der Gruppe 47 attackierte, als frühes Beispiel für erfolgreiches Selbstmarketing abzubuchen. Vor allem Günter Grass hat schon im September 1966 seine Replik - langfristig erfolgreich - mit dem Reklamevorwurf verbunden. Wenn man aber nun liest, wie der junge Büchereckenschreiber seit 1964 die Sprache der Literaturkritik sehr unaufgeregt, wenn auch gelegentlich schneidend erprobt, dabei immer um begriffliche Schärfe bemüht, tritt der Reklamecoup in den Hintergrund. Und in den Vordergrund tritt das Wechselspiel von Autor und Leser Handke, die Grundlegung seiner Autorschaft im Medium der Kritik.

Schon in der ersten Sendung stellt er - am Beispiel von Cesare Pavese - die Sprache der Kritik auf den Prüfstand. Alles Psychologisieren, alles Philosophieren beim Erzählen ist ihm verdächtig, selbst im Blick auf Virginia Woolfs "Mrs. Dalloway" kennt er kein Pardon, stellt ihr "die große Genauigkeit in den Beschreibungen des Sterbens" bei Ambrose Bierce gegenüber. Seine Empfindlichkeit gegen Sprachklischees und "Automatisierungen" - übrigens auch der Errungenschaften von Joyce und Faulkner - lebt von der Aneignung der "Mythen des Alltags" von Roland Barthes, der "Aufsätze zur Theorie und Geschichte der Literatur" des russischen Literaturhistorikers Boris Eichenbaum.

Peter Handke

"Die Kunst aber lässt sich nichts vorschreiben, sie lässt sich keine moralischen Gebote geben, und keineswegs ist es ihre Aufgabe, das Bestehende zu erhalten."

Während er seine Sende-Manuskripte verfasst, wird der Büchereckenschreiber zum Suhrkamp-Autor; der Edition Suhrkamp und Bibliothek Suhrkamp gilt sein besonderes kritisches Interesse. Nicht respektlos, aber unbefangen kritisiert er Adornos Heidegger-Polemik "Der Jargon der Eigentlichkeit" oder Walter Benjamins Essay "Zur Kritik der Gewalt", Freuds "Mann Moses" oder Martin Walsers "Erfahrungen und Leseerfahrungen". Was ihm vorbehaltlos gelungen erscheint? Ein Satz wie der des Lyrikers Zbigniew Herbert: "Die Verzweiflung der Stühle äußert sich im Knarren". Denn das ist Beschreibungspotenz.

Er ist ein interessanter Kritiker, der junge Handke. Sein jetziger Herausgeber, der Leser Peter Handke, hat ein weiteres unpubliziertes Stück beigesteuert, einen nachdrücklichen Hinweis auf drei Bücher: "Scham und Würde" des Norwegers Dag Solstadt, "Geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich" des Österreichers Xaver Bayer und "Vorvorgestern" des Serben Dragan Aleksić. Der aktuelle Leser Handke hat ein neues Hauptmotiv: die Verteidigung des "Ernstes", der Literatur, die es mit sich selber ernst meint. Dafür ruft er Goethe und die Sprache der Bibel an. Ernst meinte es auch schon der Büchereckenschreiber.

Peter Handke: Tage und Werke. Begleitschreiben. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. 287 Seiten, 22,95 Euro. E-Book 19,99 Euro.