Von Fritz Göttler

Da musste was raus: Mit "Rocky Balboa" hat Stallone alles riskiert - und ein großes melancholisches Alterswerk geschaffen.

Der Mann hockt schon hinterm Steuer seines Lieferwagens, bereit, den Motor anzulassen. Aber dann hält er inne, starrt vor sich hin, und die Frau neben ihm, die er nach Hause bringen will, ahnt wohl, warum er zögert. Da ist etwas, das in ihm arbeitet, da ist etwas, das muss heraus.

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Also steigt er aus, geht über die Straße zurück zu den Kids auf der gegenüberliegenden Seite, die noch fröhlich rumpöbeln vor der Bar, die eben geschlossen hat. Als er nach einiger Zeit wieder zurückkommt, bringt er eine Entschuldigung mit für die Frau - die Kids hatten sie in der Bar dumm angequatscht, weil sie es höflich abgelehnt hatte, einen Drink mit ihnen zu nehmen.

Von der Würde des Alterns

Marie, die Frau, arbeitet hinter dem Tresen der Bar. Rocky, der Mann am Steuer, hat ein kleines italienisches Restaurant und zehrt von seinem Ruhm als nationale und vor allem als städtische Boxer-Legende. Die beiden verkörpern die arbeitende Bevölkerung der Stadt Philadelphia.

Sie sind beide alleinerziehend, und die Söhne machen es ihnen nicht immer leicht. Es hat eine andere Frau gegeben in Rockys Leben, in den fünf Filmen der Serie, Adrian - sie ist nun tot, und er hat diesen Tod nie verwunden. Er besucht Adrian oft auf dem Friedhof, sitzt vor ihrem Grab, hält Zwiesprache.

Man denkt in diesen Momenten an den alten Captain Brittles, den Teufelshauptmann in John Fords Kavalleriewestern ,,She Wore a Yellow Ribbon'', den John Wayne spielte, mit weißem Haar und zerfurchtem Gesicht.

Rocky hat einen Klappstuhl im Baum neben dem Grab deponiert - der Friedhof ist wie ein zweites Zuhause. Altern, die Würde des Alterns, Einsamkeit und Ritterlichkeit, das sind die Akkorde, die in diesem Film, dem sechsten der Serie, angeschlagen werden.

Dreißig Jahre ist das nun her, jene unglaubliche 49.Oscar-Nacht im Jahr 1977, als Jack Nicholson gegen Ende des Abends den Umschlag aufriss und den besten Film des Jahres verkündete - und der Gewinner war, man hörte und staunte ... "Rocky".

Die Verblüffung war groß

Die Verblüffung war groß, die Kritiker zeigten sich konsterniert. Denn die vier Konkurrenten waren immerhin Scorseses "Taxi Driver" und Pakulas "All the President's Men", Lumets "Network" und Hal Ashbys "Bound for Glory" gewesen.

Vier Filme, die ausgesprochen kritisch den Zustand der amerikanischen Gesellschaft, das Nixon-Vietnam-Trauma in den Blick rückten - bei Scorsese ist es der mörderische Saubermann Travis Bickle, bei Alan J. Pakula die Watergate-Affäre -, während Rocky sich in die amerikanische Flagge hüllte. Filme, die inzwischen zum Großteil in den Kanon des modernen amerikanischen Kinos gerutscht waren. Aber durch den überraschenden Sieg am Oscar-Abend war auch der Filmemacher und Star Stallone, nolens volens, in den Einzugsbereich der Autorenfilmtheorie geraten.

Natürlich war schon damals ,,Rocky'' nicht der strahlend-optimistische Außenseiter neben den vier Nestbeschmutzern, war ein mindestens ebenso hässliches Entlein wie diese. Der Boxer als Spiegelbild zum Taxi Driver, auch in Rocky arbeitet es, auch er explodiert am Ende wie Travis Bickle.

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