Rimon geht nach Cincinatti Vermeintlich verschwundener Schatz

Glücklich halten Norman (li.) und Ed Frankel den Rimon in Händen. Um ihn in Empfang zu nehmen, reisten sie aus den USA nach Nürnberg.

(Foto: Olaf Przybilla)

Heikler Beutekunstfall: Die Israelitische Kultusgemeinde Nürnberg gibt einen Thoraaufsatz zurück

Von Olaf Przybilla und Susanne Hermanski, Nürnberg

Dieser Moment am Prinzregentenufer in Nürnberg schien vor vier Monaten noch gar nicht denkbar zu sein. Und nun hat es also doch geklappt: Das Brüderpaar Norman und Ed Frankel ist aus Cincinatti nach Nürnberg gekommen und hat in einer Anwaltskanzlei in der Nähe der Wöhrder Wiese das überreicht bekommen, worum die beiden seit 2008 leidenschaftlich gekämpft haben: einen Rimon, also einen jener kunstvoll verzierten Aufsätze, die in der Synagoge zu jeder Thorarolle gehören. "Wir sind beide sehr glücklich jetzt", sagt Ed Frankel. Sein Bruder nickt.

Der Rimon, gefertigt 1750, gehörte ursprünglich dem Großvater der beiden, Ernst Levite. Er war Rabbiner in der mittelfränkischen Gemeinde Mönchsroth und musste vor den Nazis fliehen. Rimonim sind liturgisch nur als Pärchen von Wert, beide wurden dem Rabbiner von Schergen der SA geraubt. Wie sie später in den Besitz der Israelitischen Kultusgemeinde in Nürnberg gekommen sind, ist nicht klar. Dass Levite sie der Gemeinde geschenkt hat, wie lange gemutmaßt wurde, dürfte aber ausgeschlossen sein. Der erste der beiden Thoraaufsätze war auch schon längst wieder bei der Familie Frankel, die in den USA lebt, als das Ringen um den zweiten entbrannte.

Dieser Streit um die Herausgabe des zweiten Rimon an die beiden Amerikaner hat tiefe Wunden geschlagen. An diesem Morgen in Nürnberg ist das immer noch spürbar. Bei der Übergabe des Rimon in einer Kanzlei ist Öffentlichkeit nicht erwünscht. Und weil auch der Anwalt der Frankels, Hannes Hartung, bei der Übergabe anwesend ist, wollte Rudi Ceslanski nicht daran teilnehmen. Ceslanski ist im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Nürnberg, der Ton der Auseinandersetzung mit dem Anwalt habe ihn tief verletzt, lässt er ausrichten. Und äußert sich auch bei Presseanfragen nur über einen Anwalt. Hannes Hartung wiederum ist ein Jurist, dessen Name sonst mit weit spektakuläreren Fällen als jenem der Frankels in Verbindung steht: Der Münchner NS-Raubkunst-Experte war der erste Anwalt, der Cornelius Gurlitt juristisch vertreten hat, er vertritt derzeit eine Gruppe von Nazi-Opfern, die erreichen möchte, dass in der bayerischen Landeshauptstadt künftig zum Gedenken auch Stolpersteine verlegt werden dürfen. Und erst kurz vor Weihnachten hat Hartung im Zusammenhang mit der Rückgabe einer Diana-Büste an die Republik Polen von sich reden gemacht. Die Marmorbüste aus dem Lazienki-Palast, ein seit den Fünfzigerjahren gesuchtes Beutekunst-Objekt, war vor wenigen Wochen aus Privatbesitz auf dem Wiener Kunstmarkt aufgetaucht.

Die Frankels hatten seit 2008 nachdrücklich versucht, den Rimon aus ihrem ehemaligem Familienbesitz von den Nürnbergern zurückzubekommen. Im Zuge dessen entspann sich mit der Israelitischen Kultusgemeinde ein Briefwechsel, der offenbar auf beiden Seiten Gräben aufgerissen hat. Im Namen der Kultusgemeinde hatte Ceslanski angeboten, den zweiten Rimon gegen eine "schöne Spende" zurückzugeben. In einem Brief vom 17. Januar 2008 war davon die Rede, "eine Summe in der Größenordnung von 25 000 US-Dollar würde unseren Erwartungen entsprechen". Das Geld solle verwendet werden für die Pflege von etwa 6000 Gräbern auf den jüdischen Friedhöfen in Nürnberg.

Um diesen zweiten Rimon entbrannte fortan ein erbitterter Streit. Die Frankels strengten im Herbst gar eine juristische Klage gegen die Israelitische Kultusgemeinde auf Herausgabe des Rimons an. Und deren Vorstand Ceslanski sah sich - von der SZ mit der Angelegenheit konfrontiert - in seiner Ehre getroffen: Er habe den Briefwechsel zwar seinerzeit unterschrieben, darin aber die Haltung des damaligen IKG-Vorsitzenden von Nürnberg, Arno Hamburger, wiedergegeben. Unterschrieben habe Ceslanski deshalb, weil sein Englisch hinreichend gut gewesen sei. Zwar habe er, Ceslanski, den zweiten Rimon früher auch einmal persönlich gesehen. Inzwischen wisse er aber nicht mehr, wo dieser hingekommen sei. Darüber Auskunft hätte womöglich nur Arno Hamburger geben können - der war aber im September 2013 gestorben. Wüsste er, Ceslanski, wo der zweite Rimon ist, "wäre dieser längst in Amerika".

Eine hoch unangenehme Situation, das betonten damals alle Beteiligten. Und ein exemplarischer Fall, wie moralisch kompliziert Restitutionsfälle sein können. Schließlich waren beide Seiten - die Familie Frankel und die Israelitische Kultusgemeinde - "Opfer des Holocaust", sagt Anwalt Hartung. Womöglich war auch das ein Grund dafür, dass man nun "sanften Druck" habe ausüben müssen, sagt er. Dass die Rückgabe nun doch noch geklappt hat, hält er für ein großes Glück. Möglich war das am Ende aber nur, weil die IKG den zweiten Rimon nun doch gefunden hat. Wo? Dazu will sich der IKG-Anwalt Elson Nowell nicht äußern. Wichtig sei allein, dass sich die Gemeinde aufgrund des "hohen emotionalen Werts" dazu entschieden habe, den Rimon zurückzugeben. Schade sei dagegen, dass die Gegenseite seit 2008 zwar viele Institutionen um Hilfe in der Sache gebeten habe, nicht aber noch einmal auf die IKG zugegangen sei. Stattdessen habe man "schmutzige Wäsche" gewaschen.

Diesen Eindruck wollen die Frankels nicht stehen lassen. Von einem guten Ende sprechen sie, man sei der IKG sehr dankbar und wolle nicht mehr zurückschauen. Ein Sohn von Norman Frankel will demnächst seine Hochzeit mit beiden Rimonim feiern. Rückblickend, sagt Anwalt Hartung, "lernen wir alle aus solchen Fällen".