Resümee Du bist nicht allein

Das Rodeo-Festival zeigt auf, wie es mit der freien Theaterszene München und deren internationaler Vernetzung weitergehen könnte

Von Petra Hallmayer, Sabine Leucht, Egbert Tholl

"Rodeo" ist vorbei - und man hat viele neue Gesichter gesehen in Münchens freier Szene. Die vierte, von Sarah Israel kuratierte Ausgabe des Festivals war keine Bestandsaufnahme, eher ein Tableau der Möglichkeiten, das aufzeigte, in welche Richtungen es weiter gehen könnte mit dem freien Theater in München. Für neue Impulse sorgte schon allein das "Bloom up"-Programm, das in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut internationale Künstler einlud, mit ausgewählten Kollegen in München zu arbeiten.

Mit dem Erbe der deutschen Kolonialherrschaft in Papua-Neuguinea befasste sich das "Bloom up"-Projekt von Oliver Zahn, Julian Warner und Phoebe Wright-Spinks. Die Britin führte durch die Ozeanien-Ausstellung im Museum Fünf Kontinente, wobei sie ganz anders gestaltete Räume in Museen zur Kolonialgeschichte in Papua-Neuguinea beschrieb, ehe sie im Depot auf die Schätze verwies, die den Besuchern verborgen bleiben. "O wie wohl ist mir am Abend" rührte an die Frage nach dem musealen Umgang mit fremden Kulturen, die beengte Fokussierung unseres Blicks und die kollektiven Erinnerungslücken. Zahn und Warner listeten eigene Auslassungen auf, skizzierten all die "schönen Szenen", die sie auch "zeigen hätten können" und die wir jedoch (leider!) nicht gesehen haben. Was wir gesehen haben, war eine formal und gedanklich spannende erste Annäherung an ein komplexes Themenfeld. In diesem Projekt steckt künstlerisches Potenzial, daraus könnte etwas werden. Viel mehr lässt sich dazu allerdings nicht sagen. Aber das ist schon ziemlich viel angesichts der kurzen Probenzeit.

Beeindruckend professionell haben Jessica Glause, Kleopatra Markou, Aleksandra Pavlović und Beatrix Simkó das schmale Zeitfenster genutzt. Das multilinguale Quartett ließ sich in "Get to Know Kassandra" von der griechischen Schwarzseherin zu einem "Bloom up" über Männergewalt inspirieren. Die quirlige Griechin Pavlović klagte im HochX Agamemnon wegen "sexueller Belästigung am Arbeitsplatz" an. Die köstlich als aufgetakeltes Blondchen herumstaksende Glause gab Einblicke ins "Vaginallesen", und gemeinsam führten alle grotesk erotische Wetterfeetänze vor. Allein das altfeministische Kassandra-Bild, das sie zeichneten, war arg schlicht, und was wir da über männliche Gewalt und weibliche Diskriminierung hörten, wussten wir längst. Doch das energiegeladene Spiel und der Witz der Performance versöhnten mit ihren Schwächen.

Bei den "Bloom ups fragt man sich, ob die Präsentation vom jeweiligen Arbeitsstand eines Projekts nicht einen anderen Rahmen erforderte, um die Performer zu schützen und den Erwartungen der Zuschauer zu genügen - beispielsweise einen Tag der offenen Probenräume. Ein zweites neues Format zur Förderung von Arbeitskontakten hingegen muss sich als solches überhaupt erst noch beweisen. Denn das, was "Tobias M. Draeger" gemeinsam mit Agnes Hausmann und Diego Bagadal in der vom Muffatwerk mit errichteten "Soloplattform" tänzerisch wie verbal an gefühligen Spasmen von unglaublicher Naivität dahinschwurbelte, setzt auch das größte Kirchenkerzenmeer nicht in gnädiges Licht. Es ging um die Kontaktaufnahme mit den eigenen Ahnen.

Doch so esoterisch und enttäuschend das ganz auf Vernetzung angelegte Festival begonnen hatte, am Ende erbrachte es doch den Beweis, dass sich eine gewisse Form des Beharrungsvermögens, wenn nicht gar der Penetranz, auch in ästhetischen Dingen auszahlt. In Claudia Senoners "Zonen 4.2." bringen drei Performer durch gespannte Nylonsaiten miteinander verbundene Blechdosen mit Händen zum Klingen und lassen mit Wäscheklammern bestückte Elektrozahnbürsten in ebendiesen trommelwirbeln. Vom leisen Windhauch bis zum ohrenbetäubenden Sägen und Heulen steigert sich Michael Maierhofs höchst ungefällige Komposition für ungewöhnliche Klangkörper. Wenn man die Augen schließt, wähnt man sich unter misslaunigen Straßenkläffern. Öffnet man sie, sieht man drei sehr ernste Spieler in einer oft witzigen Choreografie, die dann am meisten überzeugt, wenn die Bewegung rein zweckgebunden ist.

Allerdings: Der Plastikbecher-Komponist Maierhof ist Hamburger und Senoner seit 2012 auch keine Münchnerin mehr. Und die Produktion, die ganz am Ende des Festivals nachgerade glücklich macht, ist das einzige Ganz-und-Gar-Gastspiel, das Sarah Israel sich gegönnt hat: In Jolika Sudermanns "Infanten" haben sich die Performer Hilde Labadie und Dwayne Toemere bis in die winzigste Körperunwucht und Seelenkrümmung hinein in die Welt von Kleinkindern zurückbegeben, die mit dem ganzen Körper die ernsthafteste Welterforschung betreiben und mit den ersten zusammenhängenden Wackelschritten zu Superhelden für sich selber werden.

Es steckt viel Komik, aber auch eine enorme Lebensweisheit in dem Stück, das doch eigentlich nur aus Wanken, Greinen und brabbelnder Mundgymnastik besteht. Toll, wenn man sich so produktiv in etwas verbeißen kann. Die Münchner Szene kann daraus nur lernen - "Rodeo" war ja von Beginn an als Lernfestival konzipiert.