Geblökt, dazwischengeredet und kurz das Echauffieren geprobt: Die ARD verschwand beim Thema Qualm mal wieder im Dunst.
Zum Leidwesen einsichtiger Menschen funktionieren Konferenzen oft nach der Devise, dass zu einem Thema zwar schon alles gesagt wurde, aber noch nicht von jedem. Also wird erneut zerkaut, was längst Brei ist.
Bild vergrößern
Der Zuschauer blieb am Sonntag bei der ARD im Dunst. (© Foto: ddp)
Anzeige
Ein bisschen wie solche Konferenzen muss man sich das öffentliche TV zwischen Europameisterschaft und Olympia vorstellen, das sehr verzweifelt nach Themen sucht, mit denen man die Sendeflächen halbwegs sinnvoll füllen kann. Die Verfüllung der Fläche funktioniert dank trainierter Routine weitgehend reibungslos, mit dem Sinn ist das nicht selten so eine Sache.
Sehr schön wurde das am Sonntag in der ARD beim verbalen Parallelslalom demonstriert, den "Presseclub" und "Anne Will" zwischen den vom Urteil zum Nichtraucherschutz aufgestellten Stangen austrugen. Morgens parlierten Journalisten, abends Politiker und Lobbyisten.
"Wie's jetzt weiter geht, das weiß keiner", sagte Presseclub-Moderator Jörg Schönenborn zu Beginn, und es verwunderte wenig, dass sich daran gegen Ende des Tages kaum etwas geändert hatte. Dafür hatte man lang darüber geredet, was ja aus sozialpädagogischer Sicht durchaus einen Wert darstellen kann.
Falls Helmut Schmidt auftaucht
So jedenfalls repetierten die im Kölner Studio anwesenden Journalisten Tage nach dem Karlsruhe-Urteil noch einmal so brav und harmonisch ihre Leitartikel, dass es schon sensationell wirkte, als Schönenborn mitteilte, dass für Raucher im Presseclub ein Sicherheitsaschenbecher vorgehalten werde. Wohl für den Fall, dass Helmut Schmidt mal auftaucht. Ansonsten schien es durchweg, als habe der Presseclub sich absichtlich zurückgehalten, um der Runde von Anne Will nicht noch das letzte Argument vorwegzunehmen.
Da passte es perfekt, dass Anne Will unmittelbar nach dem Presseclub kurz fürs selbe Thema werben durfte. Das Signal war klar: Wenn Sie in Sachen Rauchverbot jetzt nicht klug geworden sind, dann vielleicht heute Abend. Es blieb bei der Hoffnung, denn auch im Berliner Studio wurde der Dunst über den Stammtischen kein bisschen gelüftet.
Dort saßen die Politiker Daniel Bahr, Barbara Rütting und Lothar Binding, der Anwalt Michael Scheele und Marianne Tritz. Kurz nur währte Wills Versuch, die ehemalige Grünen-Abgeordnete Tritz, die nun in Diensten der Raucherlobby unterwegs ist, zu demaskieren. Da diese aber brav fast alles zugab oder verklärte, was man ihr vorwarf, verpuffte das journalistische Anliegen. Es wurde ein bisschen geblökt, ein wenig dazwischengeredet und kurz das Echauffieren geprobt.
Am Schluss stand die Einsicht, dass sich Presseclub und Anne Will durch Köpfe, Farbgebung und Sitzordnung unterschieden, dass man die Sendungen aber ansonsten getrost hätte austauschen können.
Das provoziert einen Blick auf den Kalender. Der sagt Sommer. Zeit der Wiederholungen. Notfalls auch am selben Tag? Das eröffnet weitere Möglichkeiten in der ARD. Irgendjemand sollte schleunigst eine Konferenz einberufen.
Alexander Kluge, der intellektuelle Schattenspieler des deutschen Kinos und der deutschen Literatur, wird achtzig. Jetzt lesen ...
- Das Internetvideo der Woche Rauchender Stolz 09.08.2007
- Reaktionen auf Raucher-Urteil "Licht am Ende des Tunnels" 30.07.2008
- Blauer Dunst in Deutschland WHO fordert absolutes Rauchverbot 01.08.2008
- Reaktionen auf Urteil "Konsequente Rauchverbote" 31.07.2008
- Urteil aus Karlsruhe Die Verfassung raucht 30.07.2008
(SZ vom 05.08.08/sst)
Griechenland in der Schuldenkrise
Schön groß und schön bunt und ab und zu knallt einer. Für das kindliche Gemüt in uns Zuschauern ein richtiger Spaß. Wozu dann dieser schrecklich ernsthaft klingende Name dieser Sendung?
..is was , Doc?
Schön, daß Deutschland keine größeren Probleme hat, als das Rauchverbot in der Gastronomie, das komischerweise in Frankreich, Italien, Irland und einigen Ländern mehr funktioniert.
Und die ARD sorgt mit soviel journalistischer Kompetenz leider weider, für die Erosion des Ansehens, daß der öffentlich-rechtliche Rundfunk genießt. Derweil führt das Fundament der Demokratie, Roland Koch, einen Kampf gegen den profilierten und unabhängigen Chefredakteur des ZDF.
Wen schert's denn noch, was "die" da in Berlin sagen???
Wer rauchen will, soll egal wo rauchen, wer's nicht will, soll's halt lassen!
Nennt man das "ziviler Ungehorsam"?
Dann ruf ich mal dazu auf !
Ach herrje, immer dieses Rauchthema. Ich kann nichts mehr dazu sehen und jetzt auch schon fast nichts mehr dazu lesen. Nur kurz:
Lasst die Leute doch qualmen, wenn´s nicht anders geht. Wozu dieser ganze gesetzliche Firlefanz der Landesgesetzgeber. So dumm sind wir Bürger doch nicht, dass der Gesetzgeber uns vorschreiben muss, wo wir was wann wie tun.
Schaut Euch doch mal das Urteil des BVerfG vom 30.07.2008 (1 BvR 3262/07) genauer an. Die Richter sind sich offenbar auch nicht einig. Immerhin wurden zwei Mindermeinungen mit veröffentlicht.
Liebe Politiker, kümmert Euch mehr um Wichtiges. Unsere persönlichen Angelegenheiten regeln wir schon ganz gut selbst.
@Frau Dowanda, wie gut dass es die von Ihnen zitierte Sendung gibt und Merkel und Beck die Augen geöffnet werden(?) Nur die Kritiker der Sendung haben sie offenbar meist geschlossen.
Liest man die Kritiken zum Presseclub und zu Anne Will oder auch schon an der Stelle zu Maybritt Illner oder Frank Plasberg so werfen diese in der Regel mehr Licht auf die Kritiker als auf die Sendung selber.
Wie naiv darf man eigentlich ungestraft sein und trotzdem noch für seine Arbeit bezahlt werden, wenn man von 45- bis 80-minütigen Sendungen Lösungen verlangt, an denen Parlamente und Gerichte seit Jahren (oder gar Jahrzehnten) feilen. Die Einfalt dieses Weltbildes ist kaum zu übertreffen und bildet sich wohl in etwa folgt ab:
Kurt Beck und Angela Merkel sitzen sich einmal die Woche Anne Will & Co gegenüber, diskutieren ein Lichtjahr um den Brei, dann kommt irgendein Experte oder ein wirklich Betroffener (offenbar der ausgemachte Wunderwuzzi aller Schreiberlinge) den die Moderatorin aus ihrem magischen Ärmel geschüttelt hat, dann sagt sie noch irgendeinen Zauberspruch. Die Sendung endet damit das sich abwechselnd Kurt und Angela ans Hirn hauen und sagen "Mensch, Angie/Kurt - so hab ich das ja noch gar niiiiieee gesehen. Jetzt wo wir bei Illner/Will/Plasberg sitzen - kommen wir doch glatt auf sowas!!!" Darauf fallen sie sich in die Arme und die Moderatorin verteilt dann den Inhalt aus den Geldbörsen der beiden an die Bedürftigen aufm Sofa, im Publikum, am Stehpult. Wenn das nicht reicht, nimmt sie noch ihr Honorar aus den GEZ-Beiträgen dazu und wirft es in 20-Euroscheinen unters Volk. Und alle, aber auch wirklich alle, sind glücklich.
Alle? Nein, nicht alle. Die ewigen Besserwisser unter den Kritikern sind jetzt überflüssig und müssen stattdessen die Rezepte bei den Kochsendungen bewerten, die 24 Stunden am Tag gesendet werden.
Paging