Raubkunst Ein Safe voller Bilder

Hat Hermann Görings oberster Kunsträuber Bruno Lohse kräftig in die eigene Tasche gewirtschaftet? Im März starb er 95-jährig. Jetzt beschäftigen sich Europas Staatsanwälte mit seinem Fall.

Von Stephan Handel

Das Auffälligste an dem Haus ist seine Unauffälligkeit - ein Mehrfamilienhaus im feinen Münchner Viertel Bogenhausen, Rosen im Garten, der Eingang liegt hinten. An der Haustür acht Klingelknöpfe, neben dem obersten steht: Dr. Lohse. Hier wohnte bis zu seinem Tod am 21. März Dr. Bruno Lohse, Kunsthistoriker, Kunsthändler - und im Zweiten Weltkrieg Hermann Görings Chefeinkäufer. Man könnte auch sagen: Chefräuber. Denn Lohse war einer der Verantwortlichen für den Kunstraub, durch den die Nazis Museen und Privatsammlungen in den besetzten Gebieten, vor allem in Frankreich, ausplünderten.

Lohse, 1911 nahe Herford geboren, studierte Kunstgeschichte und Philosophie in Berlin, promovierte 1936 und führte zunächst ein kleines Kunstgeschäft. 1937 trat er in die NSDAP ein. Zu Beginn des Kriegs diente er als Sanitäter, wurde jedoch im Februar 1941 dem "Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg" (ERR) zugeteilt. Der ERR war für die Beschlagnahme von Gütern - vor allem aus jüdischem Besitz - in den besetzten Gebieten verantwortlich. Bald nach seiner Überstellung an den ERR lernte Lohse Hermann Göring kennen - er sollte für den Reichsfeldmarschall eine Sonderausstellung holländischer Maler im Pariser Jeu de Paume begutachten. Göring war von Lohses Kunstverstand beeindruckt - und schrieb, unter dem Datum vom 21. April 1941, eine Vollmacht: "Dr. Bruno Lohse ist von mir beauftragt, in Kunsthandlungen, Privatsammlungen und auf öffentlichen Versteigerungen Kunstgegenstände zu erwerben. Alle Dienststellen des Staates, der Partei und der Wehrmacht sind angewiesen, ihn bei der Durchführung seines Auftrags zu unterstützen."

Fortan fuhr Lohse zweigleisig: Für den ERR sollte er in Frankreich Kunstwerke konfiszieren, hauptsächlich jedoch arbeitete er für Göring - damit einen Führerbefehl aus dem Jahr 1940 missachtend, nach dem alle beschlagnahmten Kunstwerke zunächst Hitler zur Verfügung gestellt werden mussten. Nach Kriegsende wurde Lohse von den Amerikanern bei Neuschwanstein festgenommen. Danach verbrachte er - so steht es in den Biographien - zehn Jahre in französischer Gefangenschaft. In der Bayerischen Staatsbibliothek allerdings existiert ein Bild aus der Sammlung des Hitler-Fotografen Heinrich Hoffmann: Es zeigt Hoffmann, Lohse und weitere Personen heiter an einem Gartentisch und ist auf das Jahr 1950 datiert.

Ungeachtet dessen, wie lange und ob Lohse in Gefangenschaft war, irgendwann ließ er sich in München nieder und begann, mit Kunst zu handeln. Im März starb er 95-jährig. So fehlt die Hauptperson in einer Angelegenheit, die nun Staatsanwälte in München, Zürich und Liechtenstein beschäftigt.

Pissarros Meisterwerk

Wenige Monate vor Lohses Tod erhielt eine Dame in Zürich ein Angebot. Die Dame ist Alleinerbin von Gottfried Bermann Fischer und Enkelin von Samuel Fischer, der den S. Fischer Verlag gegründet hat. Der Familie Fischer war 1938 auf der Flucht vor den Nazis ein Gemälde gestohlen worden, "Le Quai Malaquais, Printemps" des französischen Impressionisten Camille Pissarro. Und genau dieses Gemälde boten zwei Männer der Fischer-Erbin nun an - gegen ein "Finder's Fee", also Finderlohn in Höhe von 18 Prozent des Marktwertes. Der wird auf rund fünf Millionen Euro geschätzt. Die Händler gaben an, ein gutgläubiger Käufer habe das Bild in den Fünfzigern von Bruno Lohse erworben.

Die Frau ging auf das Angebot jedoch nicht ein, sondern erstattete über einen Anwalt Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft München. München deshalb, weil einer der beiden Männer im Vorort Grünwald lebt. Der Leitende Oberstaatsanwalt Christian Schmidt-Sommerfeld bestätigt: "Wir haben ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Erpressung eingeleitet." Die Ermittler stießen im Fürstentum Liechtenstein auf die Schönart-Anstalt, eine Stiftung, in die Bruno Lohse sein Vermögen eingebracht hat. Von dort führte die Spur weiter nach Zürich. Die Staatsanwaltschaft München richtete also ein Rechtshilfeersuchen zur Beweissicherung an den zuständigen Schweizer Kollegen Ivo Hoppler.

Dem war der Name Lohse nicht unbekannt, denn es lagen ihm zwei weitere Rechtshilfeersuchen vor, wegen des Verdachts der Geldwäsche, beide aus Liechtenstein: Eine Treuhandfirma hatte gemeldet, die Schönart-Anstalt bewahre vermutlich illegale Gemälde. Hoppler tat, was von ihm verlangt wurde: Er überprüfte einen Safe in der Filiale Bahnhofsstraße der Zürcher Kantonalbank, den Bruno Lohse 1978 angemietet hatte. Der Safe Nr. 5 hat etwa die Größe eines begehbaren Kleiderschranks, und was Hoppler dort fand, verschlug ihm den Atem. Zwar will er Informationen der Süddeutschen Zeitung noch nicht bestätigen, doch handelt es sich danach um mehr als vierzehn Gemälde, von Dürer, Monet, Renoir, Sisley, Corot, Kokoschka, van Kessel, jedes einzelne Millionen Euro teuer.

Über die Ergebnisse seiner Ermittlungen mag Ivo Hoppler ebenfalls noch nicht reden, nur so viel: Ende dieser oder Anfang nächster Woche wird er den Staatsanwaltschaften in München und Liechtenstein seine Unterlagen übersenden. Die Gemälde hat Hoppler beschlagnahmt, sie ruhen weiterhin im Safe.

Nun muss zunächst überprüft werden, ob die Werke echt sind. Das ist bei Raubkunst so selbstverständlich nicht: Maria Almas-Dietrich, die Kunst für das einst geplante Hitler-Museum in Linz einsammelte, hat ihrem Führer diverse Male Fälschungen untergejubelt. Sollten die Zürcher Gemälde echt sein, beginnt die schwierige Arbeit der Rekonstruktion und Restitution: Wenn jemand meint, eines der Werke gehöre ihm, dann muss er sich zum Beispiel an die Staatsanwaltschaft seines Heimatlandes wenden, seine Ansprüche beweisen. Danach kann ein Rechtshilfeersuchen an die Schweiz gerichtet werden.

Hat Görings oberster Kunsträuber Bruno Lohse kräftig in die eigene Tasche gewirtschaftet? Wenn, dann schien das nicht groß aufzufallen, denn immerhin beschlagnahmten die Nazis in Frankreich 21.902 Kunstobjekte aus 203 Sammlungen. Lohse arbeitete nicht nur für Göring, auch für Martin Bormann und für Albert Speer. Anfang April 2006 wurde im Kölner Auktionshaus Van Ham ein Gemälde von Jakob Philipp Hackert versteigert, "Landschaft mit Motiven des englischen Gartens von Caserta". Es erzielte 430.000 Euro.

Erst später stellte sich heraus, dass das Bild früher zur Sammlung Speer gehört hatte. Wie es dorthin gekommen ist, ist unklar. Dass zur Nazizeit ein solches Bild gekauft wurde, ist zumindest ungewöhnlich: Hackert, Landschaftsmaler des frühen Klassizismus, Goethe-Zeitgenosse, war damals aus der Mode gekommen, er wurde erst um 1970 wiederentdeckt. Hat Albert Speer also den Tipp eines Experten bekommen? Die Dissertation, mit der Bruno Lohse 1936 promoviert wurde, trug den Titel "Jakob Philipp Hackert. Leben und Anfänge seiner Kunst".