Ungeklärte NS-Vergangenheit: Das Kuratorium des Herbert-Quandt-Medien-Preises verliert drei wichtige Juroren, doch der Intendant des Hessischen Rundfunks, Helmut Reitze, macht weiter.
"Wie alles im Hause Quandt wurde auch dieser unangenehme Vorfall so diskret wie möglich geregelt. Es gab keine persönlichen Erklärungen, keinen öffentlichen Streit, keine Schlagzeilen." Öffentlich wurde es jetzt trotzdem, und zwar in der ja ebenfalls unaufdringlich auftretenden Zeit: Drei renommierte Journalisten wollen nicht mehr daran mitwirken, einen Medienpreis zu verleihen, der den Namen Herbert Quandts trägt.
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Herbert Quandt mit Frau Johanna im Jahre 1978: möglicherweise in die Aufrüstung des "Dritten Reiches" und die Beschäftigung von Zwangsarbeitern verstrickt. (© Foto: dpa)
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Es handelt sich um Mathias Müller von Blumencron (Chefredakteur des Spiegels), Gabriele Fischer (Chefredakteurin von brand eins) und Christoph Keese, dem früheren Chefredakteur der Welt am Sonntag und heutigen Konzerngeschäftsführer Public Affairs bei Springer. Sie hätten ihre Mandate im Kuratorium der Johanna-Quandt-Stiftung bereits im April niedergelegt, bestätigte Müller von Blumencron auf Nachfrage von sueddeutsche.de.
Das plötzliche Auf-Distanz-Gehen der drei Juroren wurde von dem ARD-Beitrag "Das Schweigen der Quandts" angestoßen, der im vergangenen Herbst ausgestrahlt worden war.
Die TV-Dokumentation erzählte Geschichtsforschern zwar nichts Neues, doch Millionen Fernsehzuschauer erfuhren erstmals, dass der 1982 verstorbene Herbert Quandt in die Aufrüstung des "Dritten Reiches" und die Beschäftigung von Zwangsarbeitern verstrickt gewesen sein könnte.
Der öffentliche Druck war in der Folge so groß, dass die Familie Quandt den Historiker Joachim Scholtyseck mit der Aufarbeitung ihrer Geschichte beauftragte. Seine Forschungen sollen drei Jahre dauern. "Solange die Ergebnisse der historischen Untersuchung nicht vorliegen, sollte man den Preis nicht weiter verleihen", so Müller von Blumencron.
Dieser Meinung seien auch seine Kuratoriums-Kollegen Fischer und Keese gewesen. Das Ausscheiden aus dem Gremium sei dabei nicht als Kritik an dem Preis als solchem zu verstehen. Die Auszeichnung, die besonders gelungene Medienbeiträge über Unternehmer und Unternehmen in der Marktwirtschaft würdigt, decke vielmehr ein wichtiges Terrain journalistischer Arbeit ab. Auch die Auswahl der Preisträger sei gelungen: "Der Preis an sich ist gut, seine Handhabung ist schwierig", resümiert der Chefredakteur des Spiegels.
Nach den Angaben auf der Website der Johanna-Quandt-Stiftung besteht das Kuratorium derzeit aus Herbert Quandts Witwe Johanna, ihrem Sohn Stefan sowie Helmut Reitze und Roland Tichy.
Kein Grund zum Rückzug
Reitze, Intendant des Hessischen Rundfunks (HR), blieb im Gegensatz zu den drei Kollegen im Kuratorium, während Tichy nach dem Ausscheiden der Abtrünnigen neu hinzu kam. An beiden Personalien könnte Anstoß genommen werden: Mit dem NDR produzierte eine Schwesteranstalt des HR-Mannes Reitze "Das Schweigen der Quandts", und Tichy ist Chefredakteur der Wirtschaftswoche, die wie die Zeit zum Holtzbrinck-Verlag gehört.
Helmut Reitze hält die Kritik an seinem bestehenden Engagement für die Quandt-Stiftung allerdings für unbegründet. Die TV-Dokumentation "Das Schweigen der Quandts" habe nichts enthalten, was für Kenner der Familiengeschichte neu gewesen wäre, so der HR-Intendant zu sueddeutsche.de.
Der Verfasser des Zeit-Artikels, Rüdiger Jungbluth, habe die Erkenntnisse der Sendung bereits im Jahre 2002 in seinem Buch "Die Quandts - Ihr Aufstieg zur mächtigsten Wirtschaftsdynastie Deutschlands" selbst ausführlich dargelegt. Das Buch sei ihm vor seinem Eintritt in die Jury bekannt gewesen, so Reitze: "Insofern hat sich durch die in der ARD gesendete Dokumentation für mich kein neuer Sachverhalt ergeben."
Bis zum Abschluss der Scholtyseck-Untersuchung sehe er daher auch "keinen Grund, hervorragende journalistische Arbeiten nicht mit dem Herbert-Quandt-Medienpreis zu würdigen."
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Der Medien-Preis wird im Gedenken an die Persönlichkeit und das Lebenswerk des Unternehmers Dr. Herbert Quandt verliehen und ist mit insgesamt 50.000 Euro dotiert", heisst es auf den Internetseiten der Johanna-Quandt-Stiftung. Jenes Herbert Quandt, der, so jedenfalls die NDR-Dokumentation, als Personalvorstand der Afa "Fluktuationsraten" der Zwangsarbeiter berechnete - die Ermordeten mussten ersetzt werden - und noch in den 70er Jahren die bescheidene Bitte einer Gruppe Überlebender um Hilfe wegen ihrer gesundheitlichen Probleme brüsk ablehnte.
Die TV-Dokumentation "Das Schweigen der Quandts" habe nichts enthalten, was für Kenner der Familiengeschichte neu gewesen wäre, so der HR-Intendant, heisst es oben.
Reitze stellt also den Wahrheitsgehalt der Dokumentation "Das Schweigen der Quandts" gar nicht infrage, sondern erklärt kaltblütig, dass er nichts dabei findet, zu Ehren Herbert Quandts, der, folgt man der Dokumentation des NDR, in einer kaum unvollstellbaren Weise moralisch verkommen gewesen sein muss, Preise, dotierte , zu vergeben.
Einige der Opfer Quandts leben noch - in der Dokumentation kamen ein griechischer und ein dänischer ehemaliger Zwangsarbeiter zu Wort, leiden immer noch unter dem, was ihnen angetan wurde.
Praktisch vor deren Augen, auf der anderen Seite des Zauns, wird als Quandt-Medienpreis das Geld, das ihnen geraubt wurde, unter höflichem Gelächel und artigen Reden an brave Journalisten verteilt. Sollen die da draussen doch weinen. Was man hat, hat man.
Genau wie in der Nazizeit: Wie viele haben schön den Mund gehalten, weil was für sie abfiel - das Silberbesteck, der Pelzmantel - als die rechtmässigen Besitzer in die KZs - ja, der Quandtschen AFA war auch ein KZ angegliedert - abtransportiert wurden.
Das sind deutsche Kontinuitäten, die obszön sind. Und es ist unerträglich, wenn jemand mit Reitzes Haltung Intendant einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt bleibt.
Und wie ist es um die Integrität der Quandt-Preisträger bestellt? Die Liste liest sich jedenfalls wie ein Who is who des deutschen Journalismus: Burow, Kleber, die Wirtschaftsredaktion der Zeit gleich zwei mal, aus ihr noch einzeln Heuser und Willeke usw. usf.
Nur ehrenhafte Leute, ganz ohne Zweifel.
ARD-Intendanten schweben eben irgendwo im Diskursorbit. Solange ein Film ausgewogen war und nicht von Parteikollegen geruegt wurde, ist alles ok. Kein Grund zur Beunruhigung. Und das social networking im Quandt-Umfeld ist ja auch wichtig. Mannomann