Quandt-Preis: Juroren treten zurück Stiften aus der Stiftung

Ungeklärte NS-Vergangenheit: Das Kuratorium des Herbert-Quandt-Medien-Preises verliert drei wichtige Juroren, doch der Intendant des Hessischen Rundfunks, Helmut Reitze, macht weiter.

Von P. Katzenberger

"Wie alles im Hause Quandt wurde auch dieser unangenehme Vorfall so diskret wie möglich geregelt. Es gab keine persönlichen Erklärungen, keinen öffentlichen Streit, keine Schlagzeilen." Öffentlich wurde es jetzt trotzdem, und zwar in der ja ebenfalls unaufdringlich auftretenden Zeit: Drei renommierte Journalisten wollen nicht mehr daran mitwirken, einen Medienpreis zu verleihen, der den Namen Herbert Quandts trägt.

Es handelt sich um Mathias Müller von Blumencron (Chefredakteur des Spiegels), Gabriele Fischer (Chefredakteurin von brand eins) und Christoph Keese, dem früheren Chefredakteur der Welt am Sonntag und heutigen Konzerngeschäftsführer Public Affairs bei Springer. Sie hätten ihre Mandate im Kuratorium der Johanna-Quandt-Stiftung bereits im April niedergelegt, bestätigte Müller von Blumencron auf Nachfrage von sueddeutsche.de.

Das plötzliche Auf-Distanz-Gehen der drei Juroren wurde von dem ARD-Beitrag "Das Schweigen der Quandts" angestoßen, der im vergangenen Herbst ausgestrahlt worden war.

Die TV-Dokumentation erzählte Geschichtsforschern zwar nichts Neues, doch Millionen Fernsehzuschauer erfuhren erstmals, dass der 1982 verstorbene Herbert Quandt in die Aufrüstung des "Dritten Reiches" und die Beschäftigung von Zwangsarbeitern verstrickt gewesen sein könnte.

Der öffentliche Druck war in der Folge so groß, dass die Familie Quandt den Historiker Joachim Scholtyseck mit der Aufarbeitung ihrer Geschichte beauftragte. Seine Forschungen sollen drei Jahre dauern. "Solange die Ergebnisse der historischen Untersuchung nicht vorliegen, sollte man den Preis nicht weiter verleihen", so Müller von Blumencron.

Dieser Meinung seien auch seine Kuratoriums-Kollegen Fischer und Keese gewesen. Das Ausscheiden aus dem Gremium sei dabei nicht als Kritik an dem Preis als solchem zu verstehen. Die Auszeichnung, die besonders gelungene Medienbeiträge über Unternehmer und Unternehmen in der Marktwirtschaft würdigt, decke vielmehr ein wichtiges Terrain journalistischer Arbeit ab. Auch die Auswahl der Preisträger sei gelungen: "Der Preis an sich ist gut, seine Handhabung ist schwierig", resümiert der Chefredakteur des Spiegels.

Nach den Angaben auf der Website der Johanna-Quandt-Stiftung besteht das Kuratorium derzeit aus Herbert Quandts Witwe Johanna, ihrem Sohn Stefan sowie Helmut Reitze und Roland Tichy.

Kein Grund zum Rückzug

Reitze, Intendant des Hessischen Rundfunks (HR), blieb im Gegensatz zu den drei Kollegen im Kuratorium, während Tichy nach dem Ausscheiden der Abtrünnigen neu hinzu kam. An beiden Personalien könnte Anstoß genommen werden: Mit dem NDR produzierte eine Schwesteranstalt des HR-Mannes Reitze "Das Schweigen der Quandts", und Tichy ist Chefredakteur der Wirtschaftswoche, die wie die Zeit zum Holtzbrinck-Verlag gehört.

Helmut Reitze hält die Kritik an seinem bestehenden Engagement für die Quandt-Stiftung allerdings für unbegründet. Die TV-Dokumentation "Das Schweigen der Quandts" habe nichts enthalten, was für Kenner der Familiengeschichte neu gewesen wäre, so der HR-Intendant zu sueddeutsche.de.

Der Verfasser des Zeit-Artikels, Rüdiger Jungbluth, habe die Erkenntnisse der Sendung bereits im Jahre 2002 in seinem Buch "Die Quandts - Ihr Aufstieg zur mächtigsten Wirtschaftsdynastie Deutschlands" selbst ausführlich dargelegt. Das Buch sei ihm vor seinem Eintritt in die Jury bekannt gewesen, so Reitze: "Insofern hat sich durch die in der ARD gesendete Dokumentation für mich kein neuer Sachverhalt ergeben."

Bis zum Abschluss der Scholtyseck-Untersuchung sehe er daher auch "keinen Grund, hervorragende journalistische Arbeiten nicht mit dem Herbert-Quandt-Medienpreis zu würdigen."