Projekt Virtuelle Opernreise

VR-Brillen gewähren einen intimen Einblick hinter die Kulissen der Bayerischen Staatsoper.

Von Salomé Meier

"Kommen Sie näher! Treten Sie heran!", riefen in vormodernen Zeiten die Taschenspieler und Zauberkünstler auf offener Straße, auf Märkten und Festen dem Fußvolk zu und versprachen in Karten oder mysteriösen Glaskugeln einen Blick in die Zukunft zu werfen oder das Konterfei der geliebten Person in der Ferne zu erspähen.

"Kommen Sie näher! Treten Sie heran!", wird nun aber auch diesen Sommer verheißungsvoll an verschiedenen Orten in München zu vernehmen sein. Zu den Jubiläums-Feierlichkeiten "100 Jahre Bayerischen Staatsoper" laden vom 9. Juli an die Gaukler des 21. Jahrhunderts auf dem Gärtnerplatz und in den darauffolgenden Tagen auch zur Hochschule für Fernsehen und Film (HFF), auf den Odeonsplatz und zu anderen zentralen Plätzen der Stadt: Es gibt eine Schau in das zeitlich und örtlich Abwesende mit Virtual-Reality-Brillen. Die Magie von damals wird heute von einem digitalen Gadget geleistet; nicht weniger fantastisch nimmt sich jedoch die virtuelle Reise durch die Räumlichkeiten des traditionsreichen Hauses aus, auf die diejenigen, die sich darauf einlassen, mitgenommen werden. Da sitzt man dann und staunt wie man von einem Augenblick auf den nächsten vom Max-Joseph-Platz in den prunkvollen Königssaal geraten ist, in dem neben dem schwarzen Flügel der Münchner Tenor Jonas Kaufmann leibhaftig vor einem steht und ganz privat probt. Alle Vorstellungen bei den Münchner Opernfestspielen 2018, bei denen Kaufmann mitwirkt, etwa in der Eröffnungspremiere als "Parsifal" oder als Siegmund in der "Walküre", sind restlos ausverkauft. Nicht weniger als traumartig fühlt es sich derweil an, wenn Kaufmann den virtuellen Besucher bemerkt, ihn zu sich winkt und in den nächsten Raum führt.

Der nächste Raum ist ein weißes Tanzstudio, in dem gerade ein Ballettstück geprobt wird. So konzentriert sind die beiden Balletttänzer, dass die eigene Präsenz scheinbar gänzlich unbemerkt bleibt. Ungewohnt intim ist die dargebotene Szene, die private Tanzperformance so nah, dass man immer wieder den Kopf nach links oder nach rechts wenden muss, um die Tanzenden nicht aus den Augen zu verlieren. Dann blendet das weiße Studio aus und man findet sich plötzlich bei einer Tuttiprobe im Orchestergraben wieder oder steht gar selbst auf der Bühne: Vor einem breiten sich die noch leeren Besuchersessel wie ein samtrotes Meer reihen- beziehungsweise wellenartig aus. Erst jetzt vernimmt man vielleicht die Stimme eines Opernsängers zur Rechten. Verständige werden darin womöglich den Tenor Pavol Breslik erkennen, der die berühmte Arie "Una furtiva lagrima" aus Gaetano Donizettis "Liebestrank" singt. Kurz bevor der Vorhang fällt kommt man schließlich in die berauschende Erfahrung eines tosenden Applauses vor einem restlos ausverkauften Zuschauersaal.

Keine Frage: Oper ist auch eine Schaukunst. Eine Schaukunst der ganz besonderen Art bieten nun eben die Staatsoper anlässlich der Jubiläumsfeier. Es sind ungesehene, exklusive Einblicke in die ganz alltägliche Magie des Hauses, die mit Hilfe der VR-Brille in die Stadt hinaus getragen werden. Jeder kann von dort in die Welt der Oper eintauchen, ohne die Heiligen Hallen tatsächlich betreten zu haben. "Das ist ein neuartiges Erlebnis für alle, die mit dem Opernhaus noch nicht allzu vertraut sind, aber auch für unsere langjährigen Freunde und Kenner des Hauses, auf die mit bekannten Gesichtern, namhaften Musikern, Balletttänzerinnen und Opernsängern, die eine oder andere Überraschung wartet", sagt Christian Koch, Sprecher der Bayerischen Staatsoper. Wer im Juli nicht da ist, aber Zuhause zufälligerweise selbst eine VR-Brille herumliegen hat, kann sich das Opernerlebnis in 3D auch nach Hause holen: Eine Youtube-Version davon wird von Mitte August an auf dem Kanal der Bayerischen Staatsoper angeboten.

Virtual-Reality-Opernerlebnis, von Montag, 9. Juli, an auf dem Gärtnerplatz, danach an wechselnden Orten. Genaue Zeiten und Orte im Internet unter: www.staatsoper.de/360.