Presse: "Washington Post" Skandal im Salon

Die altehrwürdige Washington Post sorgt selbst für Schlagzeilen: Die Verlegerin sagt ein Dinner in ihrem Privathaus ab, für das Lobbyisten zahlen sollten.

Von Hans-Jürgen Jakobs

Die Washington Post ist eine besondere Zeitung. Noch immer lebt sie von der Enthüllung des Watergate-Skandals vor mehr als 35 Jahren. Die Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein, die mithalfen, den US-Präsidenten Richard ("Tricky Dick") Nixon zu Fall zu bringen, sind weltweit Idole der Medienbranche.

Umso unglaublicher, was ein Werbeprospekt der Zeitung auserwählten Gästen gegen Bezahlung jetzt anbot: Einen exklusiven Abend im Privathaus der Verlegerin Katharine Weymouth aus dem Eigentümerclan der Grahams.

"Ein Abend mit den richtigen Leuten kann die Debatte verändern", war da zu lesen. Das Verlagsschreiben empfahl die Teilnahme am "intimen und exklusiven Washington-Post-Salon", einem "Off-the-record-Dinner" bei Zeitungschefin Weymouth. Adressiert war das Ganze an Vorstandschefs oder Top-Manager von Unternehmen, die Kontakt aufnehmen sollten mit Schlüsselfiguren aus der Administration des US-Präsidenten Barack Obama und politischen Entscheidern aus dem Kongress.

Das Dinner, versprach die Einladung aus dem Verlag, solle nicht konfrontativ, sondern anregend sein: "Die entspannte Atmosphäre im Haus von Katharine Weymouth gewährleistet es." Dafür sollten Lobbyisten bis zu 25.000 US-Dollar zahlen - offenbar eine neue Einnahmequelle, die sich die inzwischen branchentypisch von Verlusten befallene Washington Post ausgedacht hatte. Die Veranstaltung war für den 21. Juli, 18.30 Uhr, terminiert - mit dem Thema: "Gesundheitsreform: Besser oder schlechter für Amerikaner?"

Danach sollten in weiteren Salons andere politische Themen debattiert werden. Für eine Serie von bis zu elf Salons waren bis zu 250.000 US-Dollar als Teilnahmegeld vorgesehen.

Der Plan und der Einladungstext für die heikle Ouvertüre wurden durch das Online-Organ Politico enthüllt. Ein Lobbyist der Gesundheitsbranche hatte sich über das Ansinnen aufgeregt und den Spezialsalon als unvereinbar mit dem Ethos der Zeitung begriffen. Immerhin sollten auch Redakteure im Heim der Verlegerin anwesend sein.

Es begann das große Zurückrudern: Verlegerin Katharine Weymouth sagte den Salon in knapp drei Wochen kurzerhand ab. In einer E-Mail an das Personal teilte sie mit, der betreffende Flyer sei von der Marketingabteilung gestaltet worden. Weder sie noch die Redaktion hätte ihn gesehen. Sonst wäre er sofort eingestampft worden, da das eigene Vorhaben komplett missinterpretiert worden sei. Es sei ganz anderes geplant gewesen: Eine Reihe von Dinner-Events, die in keiner Form die Integrität des Redaktion beeinträchtigen. Leute aus dem eigenen Newsroom würden daran auf keinen Fall teilnehmen.

Wichtig aber sei, so Weymouth weiter, dass der Verlag die eigene Expertise in Live-Konferenzen und Veranstaltungen übertrage, weil man das ohnehin mache: Washington für jene erklären, die in Washington tätig oder an Washington interessiert sind. Chefredakteur Marcus Brauchli stellte klar: "Niemand kann den Zugang zu einem Journalisten der Washington Post kaufen." Er selbst war in dem Flyer als einer der Gastgeber und Diskussionsleiter des Salons genannt worden. Der Journalist führte weiter aus, die eigene Nachrichtenabteilung diene dem Publikum, nicht den Sponsoren.

Verlagsangestellte waren damit betraut gewesen, zahlungskräftige Gäste für das Verleger-Dinner zu akquirieren. Eine Reporterin der Post bestätigte, ihr sei ein Dinner angekündigt worden und dass sie eingeladen werden sollte. Von möglichen Sponsoren und dem Flyer wusste sie nichts.

Charles Pelton von der kaufmännischen Seite der Post wird vom Ombudsmann der Zeitung zitiert. Danach sei die Salon-Idee sehr wohl zusammen mit dem Newsroom entwickelt und abgesprochen worden - jedoch nicht die Marketingbotschaft an die Sponsoren. Es sei nie um eine Beeinflussung der Redaktion gegangen.

Vielleicht sollten sich Woodward und Bernstein des Falls einmal annehmen.