Mit der Unbedingtheit eines Überzeugungstäters: Nikolai Kinski, Sohn von Klaus Kinski, tourt mit Gedichten seines Vaters und will zugleich übermächtigen Vergleichen entkommen.
Es ist, als habe die Nacht ihn ausgespuckt. Wie ein schwarzer Engel schält er sich lautlos aus dem Dunkeln und steht dann plötzlich da, ein ernster junger Mann im kargen Scheinwerferlicht, schwarze Hose, schwarzes Hemd, im Gesicht die Unbedingtheit eines Überzeugungstäters: Nikolai Kinski, Schauspieler und Rezitator, gekommen, um in die Fieberwelten seines Vaters einzutauchen und ihn dadurch zu finden - aber auch zu überwinden.
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Sein Vater, das ist der 1991 verstorbene Schauspieler Klaus Kinski, Gratwanderer zwischen Genie und Wahnsinn, ein Bühnentier von explosiver Urgewalt, berühmt und berüchtigt als Satansbraten und Enfant terrible des deutschen Films. 2001, pünktlich zu seinem zehnten Todesjahr, erschienen unter dem Titel "Fieber - Tagebuch eines Aussätzigen" unbekannte frühe Gedichte des Künstlers. Sie sollen 1952 in Paris entstanden sein, damals war Kinski knapp 26 Jahre alt.
Es sind diese wild aufbegehrenden, 1999 in einem Münchner Auktionshaus aufgetauchten Verse aus dem Nachlass des Schauspielers, die der Sohn jetzt auf einer siebenwöchigen Tournee vorträgt: "Kinski spricht Kinski" - eine Spurensuche in der Sprache, eine Annäherung im Geiste. Abnabelung durch Aneignung. Der Auftakt war im Berliner Tipi-Zelt am Kanzleramt. Es folgen bis zum 18. Oktober Stationen in ganz Deutschland.
Keine Begrüßung, keine einleitenden Worte. Kinski junior fängt einfach an, nimmt das Handmikro vor den Mund und spricht: "Ich weiß nicht / wer ich bin / und wer ich war / ein Fremder vor mir selbst / und neu für mich ..." Sein Blick geht in die Ferne, weit und tief zugleich, aber er schweift nicht wehmütig ab, er hält den Worten stand. Es sind die wunden, schneidenden Worte einer Selbstbefragung. "Ich bin so übervoll von mir", heißt es darin, "und voll von so viel Traurigkeit". Auf einer Woge aus Schmerz, Welt- und Selbsthass strudeln die Verse dahin. "Ich suche mich / und wenn ich mich gefunden habe / bin ich mein größter Feind".
"Ich vergleiche mich nicht mit ihm"
Nikolai Kinski ist 31. Er hat, wie sein Vater, ein auffallend schönes, prägnantes, sinnliches Gesicht - aber alles an ihm ist sanfter, weicher, zarter als beim wilden Klaus mit seinen stechenden blauen Augen, seinen obszönen Lippen, seinem blonden Schopf. Die Mutter, das französische Ex-Modell Geneviève Minhoi Loanic, ist vietnamesischer Abstammung. Von ihr hat Nikolai Nanhoi Kinski diesen leicht asiatischen Touch, die dunklen Augen, die ungewöhnlich groß und rund sind, das glänzende schwarze Haar, die zierliche Gestalt.
Auf der Bühne erinnert nichts an die Exaltiertheit seines berühmten Vaters. Nikolai Kinski meidet auch dann alle Klaus-Kinski-Posen, wenn der Herr Papa in seiner expressiven, an Rimbaud und Villon geschulten Lyrik lustvoll "Kot" auf "tot" reimt, den Mädchen geil in die Brust beißt und mit schreienden Hammersätzen seinen Hass in den "Eiterrachen" der Welt kotzt: "Ich bin das blaue Fiebertier der Erde! / ich brenne, flache Flammen, jedermann / das Zeichen in die aufgeschnittne Kerbe! / ich bin Alarmsignal, Boje und Sturm! / ich bin der Wurm, der in den Brüsten wohnt!"
Nikolai Kinski schäumt nicht, tobt nicht, provoziert nicht, kopiert und imitiert nicht. Er steht einfach nur da und interpretiert den Text, so wie er ihn sich angeeignet hat: völlig konzentriert, pur, unprätentiös. Den dunklen Versen suchend auf den Fersen. Das hat etwas sehr Ehrliches, Empfindsames, Glaubwürdiges. Es überzeugt.
Nikolai Kinski redet öffentlich nicht über Privates, schon gar nicht über den Papa, das macht er höflich, aber mit Nachdruck klar. Er sagt, dass er es leid sei, immer nur in Bezug auf seinen Vater wahrgenommen zu werden und die ewig gleichen Fragen gestellt zu bekommen. "Ich vergleiche mich nicht mit ihm", lautet einer seiner Standardsätze. "Ich respektiere seine Unvergleichlichkeit."
Auf der nächsten Seite: Ein aufgebrachter Kinski, der den Sohn wild herumkommandiert.
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Alexander Kluge, der intellektuelle Schattenspieler des deutschen Kinos und der deutschen Literatur, wird achtzig. Jetzt lesen ...
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Nur in den schönen Gesichtern seiner Kinder lebt er weiter ("eeeewig").
Wünschenswert, dass diese eigene Gedanken, konstruktive, zuwege bringen.
den K.K. nie! Für mich war er nur ein ich-bezogener, überheblicher, egoistischer und noch dazu jähzorniger Kerl. Wie er als Schauspieler war kann ich nicht sagen, denn da ich ihn ablehnte, schaute ich mir auch nichts von ihm an. Doch, daß ich nicht lüge : in grauer Vorzeit sah ich 'mal ein paar Western und Krimis in denen er mitwirkte. Und auch da sah ich immer nur einen Exzentriker.
Klaus Kinski wurde vom deutschen Film wenig geschätzt. Eine Ausnahme machte Regisseur Werner Herzog, dafür kann ich ihm nur danken. Das der Sohn das Erbe seines Vaters hochhält ist völlig legitim. Er kann sich daran weiterentwickeln.
Ich hatte Nikolai Kinski auf seiner Gedichte-Tour in Hamburg gehört und gesehen. Seine Begabung steht ausser frage. Die Ähnlichkeit mit dem Autor der Gedichte hat einen eigenen Reiz, und ich kann jedem empfehlen, sich das Vergnügen zu leisten, an dem Gedichtvortrag teilzunehmen.