Heute werden Identitäten zwar anders hinterfragt. Unsicherheiten artikulieren sich auf andere Weise. Aber Blom weist zu Recht auf eine historische Parallele hin: Auch gegenwärtig ist die globale politische Landschaft geprägt von in Frage gestellter Männlichkeit.
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Nicht zuletzt Wut über den "arroganten Westen" und die Wirtschaftsmacht der ehemaligen Kolonialmächte, die andere Regionen der Welt ökonomisch und kulturell "kastrieren", bringt junge Muslime dazu, die Mannbarkeit ihrer Kultur beweisen zu wollen und zu Selbstmordattentätern zu werden. In ihnen sieht Blom ein Echo des jungen 20. Jahrhunderts, auch wenn es damals russische Anarchisten waren, die Mitglieder der russischen Regierung als "lebende Bomben" angriffen.
Die Unsicherheit über die männliche Identität drückte sich um 1900 nach Bloms Beobachtung auf vielfältige Art aus: Der Rückgang der Geburtenrate, besonders in der bürgerlichen Schicht, war ein vieldiskutiertes Indiz, das polemische Autoren zu der Behauptung verleitete, "zivilisierte" Weiße würden schon bald von den "niederen Klassen" und den dunkelhäutigen Menschen der Kolonien verdrängt. Auch hier werden Erinnerungen wach an jüngste Debatten, geprägt von Panik angesichts der Geburtenraten von muslimischen Immigranten in Europa, der Prognosen zur Explosion der Weltbevölkerung und der nachlassenden Fruchtbarkeit von Männern in den industrialisierten Staaten.
In der Offenheit einer Zukunft, die zugleich ungewiss, verheißungsvoll und bedrohlich ist, sieht Blom eine weitere Parallele dieser Epoche zur Gegenwart. Was zunächst eher banal erscheinen mag, entpuppt sich als entscheidend für das Verständnis der heutigen Zeit: Zwischen 1910 und '14 war nicht abzusehen, welche der politischen Mächte erfolgreich sein würde, welche Gesellschaft aus der Transformation alles bis dahin Bekannten erwachsen würde.
Ungewissheit, Erregung
Nach Europas zweitem Dreißigjährigen Krieg von 1914 bis 1945 existierte für ein halbes Jahrhundert keine offene Zukunft. Im Kalten Krieg erschienen die Alternativen klar. Es ging allein darum, welche der beiden ideologischen Systeme, Kommunismus oder Kapitalismus, den Sieg davontragen würde. Erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion kehrte die offene Zukunft zurück, und mit ihr die Erregung und Ungewissheit der Jahre 1900 bis 1914, als alles möglich erschien.
Einen großen Teil der heutigen Verunsicherungen führt Blom auf Erfindungen, Gedanken und Veränderungen zurück, die in eben jenen kreativen fünfzehn Jahren entstanden. Dabei hält er es nicht für übertrieben zu sagen, dass alles, was im 20. Jahrhundert wichtig werden sollte - von der Quantenphysik bis zur Frauenrechtsbewegung, von abstrakter Kunst bis zur Genetik, von Kommunismus und Faschismus bis zur Konsumgesellschaft, vom industrialisierten Mord bis zur Macht der Medien -, zwischen 1900 und 1914 erstmals seine Massenwirkung entfaltete oder sogar erst erfunden wurde.
Zwar trifft historisch zu, dass in all dem Neuland betreten wurde. Aber dass "der Rest des Jahrhunderts wenig mehr war als eine Abwicklung und Auslotung dieser Möglichkeiten", erscheint dann doch etwas gewagt.
Die Ironie dieser Übertreibung: Indem Blom den Bogen seiner Deutung der Jahre 1900 bis 1914 leicht überspannt, beweist er unfreiwillig, dass auch seine Erzählung des frühen 20. Jahrhunderts nur mit ihrer historischen Einordnung in die Zeit nach 1914 vollends zu verstehen ist. Die vielen zutreffenden Parallelen, die er zur Gegenwart zieht, schaffen ohnehin einen gesamtgeschichtlichen Rahmen, aus dem die Kriege und Verbrechen des 20. Jahrhunderts gleichfalls nicht wegzudenken sind.
Bloms großes Verdienst bleibt indes, erahnbar gemacht zu haben, aus welch kreativer Dynamik die Weltkriege die Menschheit für ein halbes Jahrhundert gerissen haben. Doch auch diese Geschichte kommt ohne die Geschichte nicht aus.
PHILIPP BLOM: Der taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914. Carl Hanser Verlag, München 2009. 528 S., 25,90 Euro.
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(SZ vom 23.4.2009/rus)
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