Phantasievolle Pädagogik Unsterblich bis zum heutigen Tag

Martin Beyer, der als Theodor Serapion selbst die schönsten Geschichten spinnt, hilft Jungen und Mädchen dabei, spielerisch ihre Phantasie zu entfalten.

(Foto: Martin Beyer)

Der Bamberger Kinderbuchautor Martin Beyer hat eine Märchenakademie gegründet

Von Katja Auer, Bamberg

Rapunzel hat sich die langen Haare abgeschnitten und wenn er ihr zu viel wird, der Trubel am Königshof, dann geht sie in ihr Gewächshaus und kümmert sich um den Feldsalat. Und die sieben Zwerge suchen wirklich dringend eine Haushälterin, die Stelle ist immer noch vakant, seit Schneewittchen Königin geworden ist. Sie tragen den Job Titus Haselschein an, der gerade in den Wäldern rund um Grimmelsbergen unterwegs ist, weil das dritte Jahr an der Märchenakademie ein praktisches ist und er hinaus in die Welt ziehen und Abenteuer erleben soll. Er schneidet Dornröschens Rosenhecke, begegnet dem gestiefelten Kater und besichtigt das Lebkuchenhaus der Hexe, das zum Verkauf steht.

Die Geschichte von Titus Haselschein ist ein Märchen mit vielen altbekannten Märchenfiguren. Nun erfährt der Leser, was aus ihnen geworden ist, wenn sie nicht gestorben sind. Das ist das eine. Und zum anderen steht die Märchenakademie, die der junge Lehrling besucht, auch den Lesern offen. Im echten Leben.

Der Bamberger Autor Martin Beyer, 39, hat sich das Konzept ausgedacht, zusammen mit Julia Knopf, die den Lehrstuhl für Fachdidaktik Deutsch an der Universität des Saarlandes innehat. "Die Geschichte soll einfach nur als Märchenbuch funktionieren", sagt Beyer, der unter dem Pseudonym Theodor Serapion als allwissender Erzähler auftritt und seine Hauptfigur auch gelegentlich direkt anspricht. Sie soll aber auch Lust machen auf Märchen und vielleicht sogar darauf, sich zum Märchenexperten ausbilden zu lassen.

Das geht an der Märchenakademie, die nicht nur fiktiv im Ort Grimmelsbergen existiert, sondern auch als mobiles Institut zu ihren potenziellen Lehrligen kommt. Einzelne Unterrichtsstunden können gebucht werden, volle Tage oder eine ganze Woche. Eine Projektwoche an einer Schule womöglich. Es gibt verschiedene Fächer, Märchenfiguren erfinden, zum Beispiel, oder rappen oder malen. Da könnte dann zum Beispiel der Schneewittchen-Rap einstudiert werden oder ein eigener geschrieben, eine Handlung ersonnen oder eine Geschichte illustriert.

Das Ganze freilich nicht ohne pädagogischen Anspruch. Das Lesen soll gefördert und das Textverständnis erhöht werden. Außerdem lernen die Schüler in der Märchenakademie auch soziales Verhalten, wenn etwa gemeinsam ein Hip-Hop gelernt und dann sogar aufgenommen wird. "Das klappt gut", sagt Martin Beyer, einige Absolventen hat die Märchenakademie bereits. Vielen Schülern falle selbst das kreative Schreiben leicht, auch den Jungs, denen gemeinhin etwas weniger Talent auf diesem Gebiet nachgesagt wird. "Die schreiben dann eben Fußballmärchen", so Beyer.

Tatsächlich stellt er einen Unterschied zwischen den Geschlechtern fest, so hörten die Mädchen immer noch gerne die Geschichten von Prinzessinnen, während den Buben zum Beispiel das Märchen vom gestiefelten Kater gefalle. Aus der Mode gekommen seien die alten Erzählungen nicht, auch wenn sie mit ein paar modernen Elementen - einem Schneewittchen-Rap zum Beispiel - noch besser ankommen. "Märchen funktionieren, weil Stärken und Schwächen klar definiert sind", sagt Beyer. So komme keine Unsicherheit bei den jungen Lesern auf. Wenngleich Beyer selbst in seinem Buch etwas spielt mit den Rollen. Da ist es nicht ganz sicher, ob der böse Wolf wirklich ein durch und durch schlechter Kerl ist. "Ich wollte die Eindeutigkeit auflösen und Ambivalenzen zeigen", sagt er. Und schließlich ist auch sein Märchenbuch von Titus Haselschein nicht nur eine schöne Unterhaltung, sondern soll freilich ein bisschen lehrreich wirken. Allerdings ebenfalls nicht im herkömmlichen Sinn. Denn die Moral von Beyers Geschichte könnte etwa die sein, dass nicht nur die Schulnoten zählen im Leben. Das lernt Titus Haselschein, der als Streber hinaus zieht in die Welt und mit deutlich mehr Lebenserfahrung wieder zurückkehrt.

Wunderbar illustriert ist das Buch von der Zeichnerin Mirjam Zels, die aus Regensburg stammt. Sie steht der Märchenakademie außerdem als Dozentin zur Verfügung. Beyer alias Theodor Serapion schreibt bereits an der Fortsetzung der Geschichte von Titus Haselschein, vielleicht übernimmt die dann ein Verlag, den ersten Teil hat die Märchenakademie selbst herausgegeben. Die Anspielung auf E.T.A. Hoffmann im Pseudonym ebenso wie im Verhalten des Erzählers ist nicht zufällig, nicht nur weil Beyer in Bamberg lebt, wo auch Hoffmann einige - unglückliche - Jahre verbrachte. Die dunkle Romantik Hoffmanns fasziniert Beyer schon länger, sein Roman "Hinter den Türen", eine Variante der Krabat-Sage, weist einige Bezüge zu ihr auf. Zuletzt erschien Beyers Erzählband "Mörderballaden".

Theodor Serapion, Mirja, Zels: Titus und der verwunschene Wald. 14,95 Euro, Mehr Informationen unter www.maerchenakademie.de.