Von Anke Sterneborg

Franka Potente und das jüngste deutsche Kino

Sie haben keinen leichten Stand, die Männer, die Machos wie die Softies, sie stehen auf verlorenem Posten: Ihr angestammter Platz als Patriarchen und Macher ist  neben den stärker werdenden Frauen längst ins Wanken geraten, und einen Ort, an dem sie ihr Gleichgewicht wiederfinden, kennen sie noch nicht.

hochhaus

Lebens in den Randzonen der bürgerlichen Gesellschaft: "Hochhaus" von Niklas Chryssos. (© Foto: Berlinale)

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Selbst in der "Perspektive Deutsches Kino", in der sich unser Regienachwuchs naturgemäß eher mit jüngeren Menschen befasst, spürt man die Ausläufer dieses gesellschaftlichen Bebens quer durch alle Generationen.

Eine profunde Entwurzelung

Burkhard Wagner beispielsweise versucht noch verzweifelt dem alten Bild des Ernährers gerecht zu werden, als "Lebensversicherer" reist er durchs deutsche Land, um seine Policen an den Mann im Truck und die Frau in der Raststätte zu bringen, er kennt alle Tricks, die den Deal erleichtern, und legt auch mal ein Karaoke-Tänzchen aufs Linoleum, um die Stimmung zu lockern.

Immer wieder spricht er auf den Anrufbeantworter zuhause und versichert, dass er sein Soll bald erreicht haben wird, aber es wächst das Gefühl, dass diese Familie nur ein Trugbild ist, dass es sie womöglich nie wirklich gab.

Das Gefühl einer profunden  Entwurzelung zieht Bülent Akinci in seinem Seelentrip-Roadmovie aus der monotonen Bewegung auf den Straßen, mit ihren flackernden Lichtern und dröhnenden Geräuschen, aber auch aus Jens Harzers Spiel, der seinen traurigen Helden mit einer schönen Mischung aus pseudoselbstbewusster Pose und unfreiwilliger Komik spielt.

Franka Potente wiederum spielt in ihrem Regiedebüt mit den alten Mustern der Filmgeschichte. In "Der die Tollkirsche ausgräbt" mischt sie das Leben von 1918 in einem gutbürgerlichen, aber verarmten Hause ordentlich auf, indem sie einen Punk von heute vorbeischickt, der als einziger keine Stummfilm-Sprechtafeln braucht, um sich zu verständigen und auf subversiv wunderbare Weise deplatziert wirkt.

Zug der Zeiten

Weil Punks sich ohnehin nicht so große Sorgen um Zukunft und Vergangenheit machen, kann er sich unter den zappelnden Stummfilmgestalten mit ihrer exzessiven Mimik ganz entspannt aufs Sofa legen, Trauben essen und sehen, was auf ihn zukommt.

Die Schauspieler, unter anderem Justus von Dohnanyi, Stefan Arndt und Max Urlacher haben sichtlichen Spaß am Spiel mit den Gesten und Masken des Stummfilms, und Franka Potente jongliert souverän mit den Tricks des Expressionismus, mit Kreisblende und Stopptrick.

Mit den formalen Eskapaden ist ihr Film fast schon eine Ausnahme in der "Perspektive", die meisten der jungen Regisseure lauschen ihre Geschichten eher der Wirklichkeit ab. Florian Gaags "Wholetrain" hat durch seine eigenen Erfahrungen in der Sprayerszene spürbare Streetcredibility.

Atemlos und gehetzt ziehen die Sprayer durch Straßen, Bahnhöfe und Züge, immer auf der Hut vor den Polizisten, die Jagd auf sie machen, aber auch unter dem Druck der konkurrierenden Gangs, die ihre Werke bei der morgendlichen Einfahrt in den Bahnhof zwischen Bewunderung und Neid begutachten - der nervöse Drive unter den Sprayern überträgt sich auf Kamerabewegungen und Schnittrhythmus.

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