Paul Newman ist tot Wider alle Klischees

Jenseits der Rennstrecken aber wurde er irgendwann entschieden erwachsen. Mitte der Sixties muss er das bewusst beschlossen haben. Seine Rollen für Robert Altman, in Buffalo Bill" und "Quintett", auch seine sechs Regiearbeiten, wo er stets die Schauspieler auf Händen trug, von "Die Liebe eines Sommers" bis zur "Glasmenagerie", zeugen davon.

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Und es war wohl auch notwendig. Die Hysterie speziell der weiblichen Fans nahm überhand, und etwa nach der zehntausendsten Bitte, einmal live in diese blauen Augen schauen zu dürften, nahm er die Sonnenbrille in der Öffentlichkeit nie mehr ab.

Platz 19 auf Nixons Feindesliste

Im Grunde seines Wesens sei er ein scheuer Mensch, hat sein Freund Sidney Lumet einmal gesagt - Selbstentblößung, auch die vor der Kamera, sei stets schmerzhaft für ihn gewesen. Jenen Regisseuren aber, die ihn wirklich dazu bringen konnten - wie Lumet selbst in dem sagenhaft guten "The Verdict" - schenkte er unvergessliche Performances. Gerade dieser Film machte Anfang der achtziger Jahre noch einmal schmerzhaft klar, wie selten Newman in seiner Karriere wirklich gefordert wurde.

Selbst der große Martin Scorsese war, nachdem er "Die Farbe des Geldes" auf ihn zugeschnitten hatte, plötzlich mehr am Lauf der Billardkugeln interessiert als am Innenleben seines Stars. Und so gehört es zur Geschichte der eher unrühmlichen Kompromisse der Academy, dass Newman erst für diesen Film 1987 einen richtigen Oscar gewann, nachdem er im Jahr zuvor ehrenhalber bedacht worden war.

Das Trauma, nur ein Leichtgewicht zu sein, der Wunsch, einem Vater das Gegenteil zu beweisen, dem man nichts mehr beweisen konnte - das scheint Newman auch sonst geprägt zu haben. Seine erste Ehe hielt die branchenüblichen zehn Jahre; die zweite aber, mit der Kollegin Joanne Woodward, die er 1953 bei Proben am Broadway kennenlernte und 1958 heiratete, war glücklich bis zum Ende seines Lebens.

So wurde das Paar zu jener strahlenden Ausnahme, die alle Regeln des sonst so treulosen Showgeschäfts erst bestätigte. Zehnmal standen Newman und Woodward gemeinsam vor der Kamera - und viermal spielte sie unter seiner Regie.

Und auch der Rest von Newmans Existenz nahm bald Züge des Exemplarischen an: Engagement in der Bürgerrechtsbewegung und bei den Demokraten, was ihm einen ehrenvollen Platz 19 auf Richard Nixons Feindesliste eintrug, und karitativ motiviertes Unternehmertum, das mit dem Verkauf seiner im Freundeskreis berühmten Salatsoße begann und sich zu einem Lebensmittel-Imperium namens "Newman's Own" auswuchs, das heute mehr als hundert Produkte umfasst und bis dato sagenhafte 250 Millionen Dollar für wohltätige Zwecke erwirtschaftet hat.

Der geborene Geschichtenerzähler

Leicht könnte all dem etwas Triumphales anhaften: Einer, dem viel geschenkt wurde, der aber das beste daraus gemacht hat und am Ende sogar darauf bestand, mehr zu geben als zu nehmen. Gerade die triumphale Geste aber war Paul Newman vollkommen fremd, und wenn ihn das Glück einmal verließ - wie beim Drogentod seines rebellischen Sohnes Scott im Jahr 1978 - musste er auch die eigene Machtlosigkeit in unvergleichlicher Härte erfahren. So kann sich keiner, der mit ihm gearbeitet hat, auch nur an eine Episode der Arroganz oder Egomanie erinnern, stattdessen fallen selbst die scharfzüngigsten Chronisten Hollywoods immer nur Vokabeln wie großzügig, ehrenhaft und uneitel ein, wenn sie ihre Erfahrungen mit ihm beschreiben sollen.

Am besten stellt man sich dieses Leben also als das Werk eines geborenen Geschichtenerzählers vor, der früh erkannt hat, dass seine äußere Erscheinung nach einer Antwort verlangte - und natürlich nach einer Antwort, die allen erwartbaren Klischees wiedersprach. Noch einmal Martin Ritt: "Am Ende erkennt man einen Mann daran, was er tut. Nicht daran, was er sagt, oder wie blau seine Augen sind." Am Freitag ist Paul Newman, nach längerem Kampf gegen den Krebs, über den zu sprechen er sich bis zuletzt standhaft weigerte, in in seinem abgeschiedenen Haus am Aspetuck River in Westport, Connecticut, gestorben. Seine Familie war bei ihm. Er wurde 83 Jahre alt.

In diesem Moment also steht er, so stellen wir uns das vor, an der Pforte des Paradieses. Wenn je einer aus Hollywood dort ein aussichtsreicher Kandidat war, dann er. Und ganz sicher wird es dort eine echte Paul-Newman-Szene zu sehen geben.

Er wird also erst zu Boden schauen oder zur Seite, sein halb herausforderndes, halb verlegenes Grinsen grinsen, Augenkontakt vermeiden, vielleicht einen seiner schlechten Witze reißen und mit leicht aufgerauter Stimme ein paar Dinge aufzählen, die ein Mann von seiner Klasse eben über sich selber sagt.

Dass seine Freunde ihn nur PL nannten zum Beispiel, wobei das L für Leonard, aber auch für "lunkhead" alias Dummkopf stehen konnte; dass er Frank Sinatra erfolgreich aus dem Spaghettisoßenbusiness verdrängt habe; dass er im Guiness Buch der Rekorde als ältester Rennfahrer gelistet sei, der je ein professionelles Autorennen gewonnen habe; und dass er bei Leuten, die es wissen müssen, allgemein als der schlechteste Fischer der Ostküste galt.

Ganz zum Schluss aber wird er den Wächter des Paradieses plötzlich und unvermittelt anschauen, ganz direkt. Mit diesem blauen Leuchten in den Augen. Mit einem dieser Newman-Blicke, gegen die auf Erden kein Widerstand möglich war, und die jetzt auch im Himmel ihre todsichere Wirkung entfalten werden.