Paul Bley Ein paar Töne bleiben

Wenige Jazzmusiker sind so konstant gegenwärtig geblieben, in Auftritten wie auf Tonträgern, wie der kanadische Pianist Paul Bley.

(Foto: Hans Harzheim, ECM Records)

Der kanadische Jazzpianist starb mit 83 Jahren. Er war eine zentrale Gestalt der freien Musik mit einem oft erstaunlichen Reichtum der musikalischen Möglichkeiten. Stagnation gab es in seinem Schaffen nie.

Von Thomas Steinfeld

Im Jahr 1974 veröffentlichte der kanadische Pianist Paul Bley ein Soloalbum, auf dem eine Komposition zu hören ist, die "Ida Lupino" heißt, nach der Schauspielerin, die sich im Hollywood der Vierziger auf die Gestaltung attraktiver, aber komplizierter und wenig sympathischer weiblicher Charakter verstand. Ein Blues rollt darin im Hintergrund, und auch die Melodie scheint aus dem Repertoire der gängigen Unterhaltung zu stammen. Aber dann bricht sie plötzlich ab, ein paar Töne bleiben zurück, die sich, als hätte sie plötzlich ein tiefer Zweifel ergriffen, nach einem neuen tonalen Zentrum umzuschauen scheinen. Daraufhin setzt sich die kleine musikalische Erzählung wieder zusammen, aber anders, mit einer anderen Art des Anschlags, mit Verschiebungen in der Phrasierung und in anderen harmonischen Verhältnissen. Und so geht das fort, in einem oft erstaunlichen Reichtum der musikalischen Möglichkeiten, selbstbewusst und beherrscht, und nie ist da ein Augenblick der Stagnation.

Paul Bley, geboren 1932 in Montréal, behauptete gern scherzend von sich selbst, er übe nicht. Denn durch das Üben wachse die Gefahr, sich zu wiederholen. Diese gleichsam abenteuerliche Haltung zur eigenen Musik behinderte seinen Erfolg beim großen Publikum. Aber es dürfte schwer sein, einen Musiker an seinem Instrument zu finden, der größeren Einfluss auf die Entwicklung des Jazz in den vergangenen Jahrzehnten genommen hätte: Er war eine der zentralen Gestalten in der freien Musik gewesen, aber er war auch der Musiker, der den Free Jazz in ein kammermusikalisches Genre verwandelte. Zu hören ist das schon in seinen Aufnahmen, die er in den späten Fünfzigern mit Ornette Coleman, Don Cherry und Charlie Haden einspielte. Und um wie viel älter (aber nicht minder schön) klingt dagegen das Duo, das er Mitte der Achtziger mit dem schon sehr hinfälligen Chet Baker bildete: "Diane" heißt das Album, in dem Chet Baker zu betörender Klarheit zurückfindet, während Paul Bley ebenso souverän wie spielerisch in die Tradition des Begleitens eingeht.

Zwei große Frauen gab es in Paul Bleys Leben und in seiner Musik: Carla Bley (die "Borg" hieß, bevor er das Zigarettenmädchen heiratete) und Annette Peacock. Die eine beflügelte seine Lust am Schrägen, Eckigen und Lakonischen, mit der anderen rüstete er den Jazz elektronisch auf und entwickelte ihn zur dramatischen Form. Und während er sein Leben lang immer wieder mit denselben Musikern spielte - mit dem Bassisten Gary Peacock zum Beispiel, dem ersten Gatten von Annette, mit dem Bassisten Steve Swallow, dem späteren Gatten von Carla Bley, mit dem Schlagzeuger Paul Motion -, so entwickelte er ab den frühen Siebzigern das unbegleitete Spiel zu seinem eigentlichen Genre: Was mit Werken wie "Ida Lupino" begann, führte vierzig Jahre später zu einem Stück namens "Far North" (erschienen 2014), das bei einem Konzert in Oslo entstand. Zuerst sind da Akkordblöcke, die wie gestückelt daherkommen, dann entspinnt sich eine Melodie daraus, und es wechseln die Stimmungen, und siebzehn Minuten lang bleibt nichts, wie es war. Am vergangenen Sonntag ist Paul Bley im Alter von 83 Jahren gestorben.